Luzern
07.10.2017 20:19

Erstmals küren Harry-Potter-Fans ihren Schweizer Meister

  • Das Luzerner Quidditch-Team Pilatus Patronus.
    Kämpften um den «Quaffel» und den «goldenen Schnatz»: das Luzerner Quidditch-Team Pilatus Patronus. | Bild: Nadia Schärli (Hägendorf, 7. 10. 2017)
QUIDDITCH ⋅ Die Spieler reiten auf Kunststoffrohren und bewerfen sich mit Bällen: Quidditch nennt sich das. Erstmals fanden die Schweizer Meisterschaften statt. Dass es so weit kam, ist auch Luzernern zu verdanken.

«Are you ready?», schreit die Schiedsrichterin. «Yeaah!», ruft die Horde zurück. Das Spiel beginnt. Ein dünnes, gut ein Meter langes Kunststoffrohr haben sich die zwölf Spieler zwischen die Schenkel geklemmt. Einen Besen soll das symbolisieren. Sie rennen über das Spielfeld und bewerfen sich mit Bällen. Vom Spielfeldrand ruft der Coach seiner Mannschaft zu: «Auf den ­Besen bleiben!», «deckt die Flanken!», «verteilt euch besser!» Wie von einem Blitz getroffen, rennt in der 17. Minute ein Mann mit gelbem Stirnband über die Wiese, an seinem Hintern hängt eine Socke, ein Tennisball ist darin versteckt. Ein Spieler von ­jeder Mannschaft verfolgt den Mann. Einer reisst ihm die Socke vom Hintern. Der «goldene Schnatz» ist gefangen, das Spiel vorbei.

«Der Sport verbreitet sich explosionsartig»

Was für Aussenstehende eher wie ein Improvisationstheater einer Waldorfschulklasse anmutet, stellt sich als die Schweizer Meisterschaft von Quidditch heraus. Das aus den Filmen und Büchern über Harry Potter bekannte Spiel ist in den USA, Australien oder England der neueste Schrei. Hier gibt es eigene Meisterschaften mit Dutzenden Mannschaften – analog von Fussballligen.

In der Schweiz ist der Sport aus der «Zaubererwelt» noch wenig verbreitet. Vier Mannschaften gibt es aktuell. Drei haben sich gestern in Hägendorf (SO) gemessen. Mit dabei: elf Spieler der Pilatus Patronus Luzern – dem einzigen Quidditch-Team der Zentralschweiz. Für den ersten Schweizer-Meister-Titel in dieser Randsportart hat es gestern nicht gereicht, diesen heimste sich das Team aus Zürich ein. Zufrieden mit dem Wettkampf ist Johannes Klaus (21) trotzdem. Er ist Präsident des Vereins und Vorstandsmitglied des neu gegründeten Schweizerischen Quidditchverbands: «Wir haben zum ersten Mal gegen eine andere Mannschaft an einem Wettkampf gespielt und uns gut geschlagen.»

Quidditch ist ein relativ kompliziertes Spiel – eine Mischung aus Rugby, Handball und Völkerball. Vier Bälle sind gleichzeitig auf dem Feld. Ziel ist es, einen Lederball durch an Stangen befestigte Hula-Hoop-Reifen zu werfen, was den Mannschaften Punkte bringt. Die Spieler nehmen verschiedene Rollen und taktische Formationen ein (siehe Kasten). Gleichzeitig müssen sie ständig auf ihrem «Besen» reiten. Wer macht so was – nur Nerds und Turnmuffel? «Natürlich sind es etwas spezielle Leute, die Quidditch spielen», sagt Klaus. «Es gibt Tausende Vorurteile, die ich höre. Zusammengefasst sind es wohl zwei Dinge, die einen Quidditch-Spieler ausmachen: Er ist in gewisser Weise sicherlich ein Nerd, und zweitens kann er sich für Sport begeistern.» Schenkt man Klaus Glauben, werden es schweizweit immer mehr, die sich auf den Besen schwingen wollen. «Der Sport verbreitet sich explosionsartig», sagt er. Allein in Luzern habe man innert weniger Wochen über 20 Mitglieder rekrutieren können, und bereits biete der Verein Kurse für Kinder an.

Bis sich die Sportart aber wie Handball oder Völkerball etablieren wird, dürfte es aber noch dauern. Ausser ein paar Freunden und Bekannten von Spielern und einigen wenigen eingefleischten Harry-Potter-Fans, die gestern gar mit Zauberumhang und Schals mit dem Emblem von Gryffindor – Harry Potters Quidditchmannschaft – am Spielfeldrand zuschauten, hielt sich der Besucherstrom an den ersten Schweizer Quidditch-Meisterschaften noch in Grenzen.

Christian Hodel

christian.hodel@luzernerzeitung.ch

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  • Quidditch: Erste Schweizer Meisterschaft in Harry Potters Sportart

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