Luzern
04.08.2017 05:00

Tuberkulose: eine fast vergessene Krankheit ist wieder präsent

  • Besprechung im Spital: Ärzte analysieren das Röntgenbild einer Lunge.
    Besprechung im Spital: Ärzte analysieren das Röntgenbild einer Lunge. | Symbolbild Getty
MEDIZIN ⋅ Lange ist die Zahl der Tuberkulosefälle schweizweit stabil geblieben. Seit 2012 jedoch zählt man auch in der Zentralschweiz wieder mehr Erkrankte. Dafür gibt es vorwiegend einen Grund.

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Tuberkulose (TB) ist eine Krankheit, die fast aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verschwunden ist. In der Nachkriegszeit war sie wohl hierzulande letztmals in aller Munde (siehe Kasten). Gemäss aktuellsten Statistiken nehmen die TB-Fälle nun schweizweit und auch im Kanton Luzern wieder zu. Zwischen 2012 und 2016 ist die Zahl der Betroffenen in der Schweiz um fast 30 Prozent gestiegen. Von 463 Fällen auf 614.

Auch dieses Jahr dürfte die Zahl der Fälle die 600-Grenze wieder überschreiten. Bis Ende Juli registrierte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bereits 321 Fälle. Kantonale Zahlen für das laufende Jahr gibt es noch nicht. Weiter schreibt das BAG auf Anfrage, dass im Schnitt rund ein Fünftel Schweizer an TB erkrankt. In den meisten Fällen haben sich die Betroffenen schon in ihrem Herkunftsland angesteckt.

Mehr Asylbewerber, mehr Tuberkulosefälle

Die national steigenden TB-Fälle beschäftigen auch das Luzerner Kantonsspital, namentlich die Abteilung Infektiologie. Deren Chef Marco Rossi beobachtet die Zunahme an Erkrankungen ebenfalls. Zählte man im Jahr 2012 im Kanton Luzern 11 Fälle, waren es 2015 mit 23 mehr als doppelt so viele. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der TB-Fälle im Kanton Luzern allerdings auf 16 gesunken. Am meisten Erkrankte im Kanton Luzern registrierte das BAG mit 31 Fällen im Jahr 2008. Wie viele letztlich im Luzerner Kantonsspital in Behandlung waren, wird nicht eruiert. Rossi: «Viele Personen mit einer Tuberkulose stammen aus der Region des Horns von Afrika.» Ausserdem seien auch Personen aus Ex-Jugoslawien häufiger betroffen als Schweizer. «Je ärmer das Herkunftsland, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, an Tuberkulose zu erkranken.»

Im Jahr 2015 zählte die Schweiz beispielsweise fast 40000 Asylsuchende – rund 66 Prozent mehr als 2014. Auch im vergangenen Jahr lag die Zahl der Asylsuchenden deutlich über dem Wert von 2014. Im selben Zeitraum ist auch die Zahl der TB-Fälle in der Schweiz gestiegen. Ein Zufall? Rossi: «Die Interpretation, dass die steigenden Asylzahlen direkt mit steigenden TB-Erkrankungen zusammenhängen, geht etwas zu weit.» Die Anzahl der TB-Fälle sei teilweise auch dem Zufall geschuldet und nicht nur die Folge der jährlichen Schwankungen der Asylzahlen.

Kommen die Asylsuchenden in der Schweiz in einem Empfangs- und Verfahrenscenter an, wird im Rahmen der grenzsanitarischen Massnahmen das Risiko für eine Tuberkulose eingeschätzt. Dies erfolgt mittels medizinischer Befragung und mit Hilfe eines computerisierten Fragebogens. Bei Verdacht auf eine Tuberkulose erfolgt die Überweisung an einen Arzt zur Weiterabklärung. Das ist gemäss Adrien Kay, Sprecher des Bundesamtes für Gesundheit, bei vier Prozent der Personen der Fall. Bis ins Jahr 2005 wurden noch alle Asylsuchenden mit Röntgenbildern auf Tuberkulose getestet, heute macht man das nicht mehr, wie Kay sagt. Könnte also ein Test bei allen Asylsuchenden zur Erkennung einer inaktiven Tuberkulose-Infektion die Zahl an TB-Fällen reduzieren? «Das wäre theoretisch möglich, ist aber nicht zielführend. Denn viele Migranten haben eine latente Tuberkulose-Infektion, aber nur wenige davon entwickeln eine aktive, ansteckende Tuberkulose-Erkrankung», sagt Rossi. Ähnlich sieht es Kay: «Nur wenige zukünftige Tuberkulose-Erkrankungen könnten so verhindert werden. Der Aufwand wäre jedoch unverhältnismässig.»

Herkunft spielt bei der Früherkennung wichtige Rolle

Wichtig ist gemäss Rossi insbesondere die frühe Erkennung der aktiven Tuberkulose durch den behandelnden Arzt, damit durch eine Behandlung die Ansteckungsgefahr minimiert werden kann. Bei der Verdachtsdiagnose spiele die Herkunft eine zentrale Rolle. Er macht ein Beispiel: «Kommt etwa ein Mann aus Eritrea mit Husten und einem Krankheitsgefühl in die Praxis, ist der Verdacht auf Tuberkulose gegeben. Bei einem Schweizer aus dem Luzerner Hinterland mit den gleichen Symptomen hingegen, testet der Arzt zuerst andere Krankheiten, weil bei ihm die Wahrscheinlichkeit, an TB erkrankt zu sein, relativ gering ist.» Hat der Arzt aufgrund der Symptome den Verdacht auf Tuberkulose, bringt eine Röntgenaufnahme der Lunge erste Erkenntnisse. Die Bilder alleine gelten jedoch nicht als sicherer Nachweis, weil andere Krankheiten wie etwa eine bakterielle Lungenentzündung ein ähnliches Bild zeigen. Um die Diagnose zu sichern, muss eine mikroskopische Untersuchung und eine Kultur des Auswurfes durchgeführt werden.

Vorsicht ist in Asylzentren und Spitälern geboten

Trotz steigender TB-Fälle: Grund zur Panik sei das nicht, so der Experte. Denn die Tuberkulosefälle seien immer noch selten. Da die meisten Schweizer wenig direkte Kontakte mit Migranten hätten, bestehe kaum ein Übertragungsrisiko. «Höhere Aufmerksamkeit und Vorsicht ist in den Asylzentren und für Medizinalpersonen geboten», sagt Rossi. Im Gegensatz zu Drittweltländern, wo aufgrund der TB viele Todesopfer zu beklagen sind, haben Patienten in der Schweiz gute Aussichten auf vollständige Genesung. Bei einer aktiven TB muss der Betroffene über einen Zeitraum von sechs Monaten mit antituberkulösen Medikamenten behandelt werden, welche die Bakterien abtöten. In der ersten Phase einer Behandlung sind die Patienten noch ansteckend. Deshalb bleiben sie isoliert, und die Behandlungsteams schützen sich mit einer Maske. Hat man den Verdacht, dass sich Angestellte angesteckt haben könnten, müssen sie sich testen lassen. Dieses Szenario kommt im Luzerner Kantonsspital selten vor.

Bei einer latenten TB – also wenn das Bakterium im Körper schlummert – ist eine Therapie nicht zwingend angezeigt. «Diese Personen müssen jedoch im Hinterkopf behalten, dass sie den Erreger in sich tragen. Haben sie zu einem späteren Zeitpunkt – das kann Jahre später sein – über eine längere Zeit Husten, fühlen sich krank oder verlieren Gewicht, sollten sie zum Arzt», so Rossi. Bei etwa fünf Prozent der Personen mit einer latenten TB entwickelt sich irgendwann eine aktive Tuberkulose-Erkrankung.

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