Luzern
02.09.2017 05:00

Gallus und der Luzerner Weggen

  • Das alte (links) und das neue Wappen der Gemeinde Kriens.
    Das alte (links) und das neue Wappen der Gemeinde Kriens. | PD
KRIENS ⋅ Wie authentisch soll das Brot sein, wie gross der Bär? Der neue Wappen-Vorschlag gibt zu reden. In St. Gallen reagiert man gelassen.

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

Kriens soll von der «Gemeinde» zur «Stadtgemeinde» aufsteigen. Zudem soll das Wappen angepasst werden. Wenn es nach der neuen Gemeindeordnung geht, die der Gemeinderat der Öffentlichkeit vor kurzem präsentierte, wird der heilige Gallus dem Bären künftig statt eines St. Galler einen Luzerner Weggen reichen (Ausgabe vom 29. August).

Ein Luzerner Weggen in den Händen von Gallus: eine pure Erfindung, historisch nicht zu belegen. Da kommt der Verdacht auf: Ist das Ganze eine Dorfposse, ein Marketinggag der Krienser Bäcker gar? «Nein», sagt auf An­frage Gemeindepräsident Cyrill ­Wiget, «in Kriens gibt es ja leider kaum mehr Backstuben.»

Im Lauf der Zeit häufig geändert

Das Krienser Wappen wurde im Lauf der Jahrhunderte oft verändert. Das äusserst lesenswerte Buch «Krienser Kulturzeugen – Geschichte und Ereignisse» des Krienser Historikers Jürg Studer zeigt den Wandel eindrücklich auf. Etwa 25 verschiedene Versionen des Krienser Wappens, respektive von Darstellungen auf Siegeln oder Standesscheiben vom 15. Jahrhundert bis heute, sind darin abgebildet (siehe Auswahl auf dieser Seite). Die gängige Abbildung mit Gallus und dem Bären bildet sich im 16. Jahrhundert heraus. Wie vieles darauf, ist auch die Gabe, die Gallus dem Bären reicht, nicht immer die gleiche. Anstatt des Brots ist es 1960 eine Schriftrolle. Auch das Brot wechselt seine Form – bis hin zum «goldenen Ei», wie es der Volksmund spöttisch nennt, im heute gültigen Wappen.

Abgebildet auf dem Wappen ist die legendäre nächtliche Begegnung des Wandermönchs Gallus mit einem Bären. Die Legende wird in zwei Versionen erzählt. Gemäss der ersten befahl Gallus dem plötzlich auftauchenden wilden Bären, Holz ins Feuer zu werfen – worauf dieser als Belohnung ein Brot erhielt mit der Anweisung, nie mehr zurückzukehren. Gemäss der zweiten fütterte Gallus einen hungrigen Bären mit Brot – worauf ihm dieser half, eine Holzhütte zu bauen, das spätere Kloster St. Gallen.

Dass es keine einhellige Deutung der Legende gibt, mag die bildlichen Unterschiede erklären. Auch der Bär sieht nicht immer gleich aus. Mal ist er ein niedlicher Kuschelbär, mal ein kraftvolles Raubtier. Im neuen Wappen-Vorschlag wird der Bär «etwas weniger lieblich als bisher» dargestellt, wie es Gemeindepräsident Cyrill Wiget formuliert. Auch ist das Genital des Bären nun wieder sichtbar. «Das macht Sinn», sagt dazu der Luzerner Bücher- und Heraldik-Experte Joseph Galliker: «In der heraldischen Tradition sind Tiere im Normalfall stets männlich.»

Gemäss Stefan Jäggi, stellvertretender Staatsarchivar des Kantons Luzern, gibt es heraldische Vorgaben, die einzuhalten sind: «Die Anordnung der Figuren muss beibehalten werden, der Löwe muss als Löwe, der Bär als Bär erkennbar sein, auch die Anordnung der Farben muss stimmen.» Ansonsten habe der Grafiker, der das Wappen gestalte, eine gewisse Freiheit: «Ein Stein kann etwas grösser oder etwas kleiner sein.» Für Jäggi ist deshalb der Luzerner Weggen auf dem neuen Krienser Wappen-Vorschlag kein Problem: «Hauptsache, er ist als Brot erkennbar.» Auch sonst kann er mit dem neuen Wappen-Vorschlag gut leben.

Gallus und seine «Taliban-Phase»

Seit der Totalrevision des kantonalen Gemeindegesetzes 2005 dürfen die Gemeinden selber über ihre Wappen entscheiden. Vorher brauchten sie die Einwilligung des Regierungsrats – dieser wiederum holte sich Rat im Staatsarchiv. Jäggi hat prinzipiell Verständnis für die Gemeinde-Autonomie: «Schliesslich ist das Wappen der optische Auftritt der Gemeinde nach aussen.» Auf der anderen Seite bestehe die Gefahr, «dass ohne übergeordnete Stelle ein Grafiker, der keine Ahnung von Wappen hat, etwas völlig Unsinniges kreiert».

Was aber sagen die St. Galler dazu, dass Gallus dem Bären plötzlich ein Luzerner Brot offerieren soll? Grosse Aufregung ist darob in der Gallusstadt nicht entflammt. Im Gegenteil: Jemanden zu finden, der etwas dazu ­sagen will, ist nicht einfach. Schliesslich erbarmt sich unser der streitbare St. Galler Stadthistoriker Hans Fässler. «Was ist ein St. Galler Brot?», antwortet er auf unsere Anfrage. «Woher soll ich wissen, ob es bei Gallus ein solches war, wenn ich nicht einmal weiss, ob es Gallus gegeben hat?»

Peng!, das sitzt. Es geht im gleichen Stil weiter. «Als St. Galler, der als Protestant und Sozialist sozialisiert wurde, ist mir Gallus ziemlich egal. Als Historiker interessieren mich aber Legenden: wie sie konstruiert und leider kaum dekonstruiert werden. Das Gallus-Jubiläum von 2013 fand ich diesbezüglich sehr enttäuschend. Ob er überhaupt gelebt hat und ob sein Leben so verlaufen ist, wie die Gallus-Viten berichten, wurde nicht thematisiert. Alles war Standortmarketing, Esoterik, Tourismus, Kunst – und alle sind in diesem Jahr in den Schoss der Volksfrömmigkeit und ins Mittelalter abgetaucht.»

Die «Taliban-Phase» von Gallus, so Fässler wörtlich, sei kein Thema gewesen, kritisiert er und zieht den Vergleich zur Gegenwart mit ihren Gräueln: «Wie die Milizen unter Mullah Omar die Buddha-Statuen von Bamiyan sprengten, hat Gallus – so heisst es – in Tuggen und Bregenz Tempel niedergebrannt, Opfergaben in den See geworfen und Statuen zerstört, das heisst im Geiste der Intoleranz gewaltsam Mission betrieben.»

Das letzte Wort hat die Bevölkerung

Ob Gallus je in Kriens war, lässt sich nicht nachweisen. Er ist aber Patron der Krienser Galluskirche, und sein Todestag am 16. Oktober – er starb je nach Quelle zwischen 620 und 650 n. Chr. in Arbon – ist in Kriens bis heute ein Feiertag. Anders in St. Gallen, wo am 16. Oktober gearbeitet wird – obwohl Gallus Namensgeber von Stadt und Kanton St. Gallen ist. Hat Kriens deshalb jetzt das Recht, dem Heiligen einen Luzerner Weggen in die Hand zu drücken? Das letzte Wort in dieser Sache hat die Krienser Bevölkerung, die in einer Volksabstimmung über die neue Gemeindeordnung befinden muss.

Im eigentlichen Sinn geschützt war das Krienser Wappen lange nicht – bis 1980, als es erstmals in der Gemeindeordnung verankert wurde. Es hat findige Leute immer wieder zu neuen Interpretationen verlockt – bis hin zu karikierenden Verballhornungen. Das ist kein Wunder angesichts seiner Bildhaftigkeit. Wen reizt es schon, sich am eintönigen Luzerner Wappen zu vergreifen?

Sicher werden auch jetzt wieder Vorschläge für Retuschen kommen. Der Teufel, pardon Gallus, liegt bekanntlich im Detail.

Hinweis

«Krienser Kulturzeugen – Geschichten und Ereignisse» von Jürg Studer: Erhältlich bei Iff Schuhkultur, im Café Siesta und in der Krienser Papeterie in Kriens.

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