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LUZERN

Er vermittelt, wenn zwei sich streiten

Stefan Brunner ist der oberste Schweizer Friedensrichter. Er vermittelt, wenn zwei sich streiten – und das 300 Mal pro Jahr. Dabei hat er viel über die Menschen gelernt.
11.06.2017 | 05:00

Interview: Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Stefan Brunner ist einer, der gerne über seinen Beruf redet. Und in jedem Wort schwingt mit, was den Friedensrichter antreibt, sich tagtäglich mit Streitereien auseinanderzusetzen. Es ist sein Interesse für Menschen. Nun wurde er zum neuen Präsidenten des Schweizer Verbands der Friedensrichter und Vermittler gewählt. Seit über sechs Jahren schlichtet er Streitigkeiten im Gerichtsbezirk Kriens.

Richtig zu streiten, ist nicht einfach. Jeder kennt Situationen, in denen eine Diskussion eskaliert. Was haben Sie als Friedensrichter über das «richtige Streiten» gelernt?

Wichtig sind Respekt und Wertschätzung, Pauschalisierungen und Beleidigungen hingegen sollte man vermeiden. Man muss dem anderen wirklich zuhören und ihn ausreden lassen. Es gibt verschiedene Streitstile: die Kämpferischen, die laut und dominant auftreten, um ihre Forderungen durchzusetzen. Dann die Menschen, die sich zurückziehen und beleidigt sind. Weiter die Nachgiebigen, die ihre Bedürfnisse um des Friedens willen leugnen. Am erfolgreichsten sind aber die, die sich um Kompromisse bemühen und sich in die Lage des anderen hineinversetzen.

Gibt es einen Trick, um Streits zu schlichten?

Als Denkanstoss frage ich die Betroffenen, wie sie sich in der Si­tua­tion des anderen fühlen und wie sie handeln würden. Dieser Perspektivenwechsel hilft meist, ihn zu verstehen. Wichtig, um eine Lösung zu finden, ist, dass man die Vergangenheit auch mal ruhen lässt. Wenn ich merke, dass hinter der konkreten Forderung mehr steckt, lasse ich auch mal eine «Chropfleerete» zu, um Angestautes aus dem Weg zu haben. Manchmal ist erst danach eine konstruktive Diskussion möglich.

Wenn um Geld gestritten wird, stecken unausgesprochene Verletzungen dahinter. Ist das Laienpsychologie, oder stellen Sie dieses Phänomen auch in der Praxis fest?

Das kommt vor. Ich stelle das zum Beispiel fest, wenn Bauherren die Handwerker wegen angeblicher Mängel nicht bezahlen. In diesen Fällen geht es oft darum, dass die Gegenpartei nicht anerkennt, dass der Handwerker der Fachmann ist. Dieser fühlt sich nicht nur in seiner Berufsehre gekränkt, ab und zu wird regelrecht Rufschädigung betrieben. In diesen Fällen geht es – neben dem Geld – auch um eine Entschuldigung und Richtigstellung.

Die meisten Streitigkeiten können mit einem Schlichtungsverfahren erledigt werden. Wenn man die steigenden Fallzahlen der Gerichte anschaut, könnte man aber vermuten, dass die Leute immer uneinsichtiger werden. Täuscht der Eindruck?

Ich stelle schon fest, dass die Kompromiss- und Gesprächsbereitschaft abgenommen hat. Viele Menschen sind über ihre Rechte besser informiert – oder glauben dies zumindest. Sie wollen diese auch einfordern. Statt miteinander zu sprechen, wird eher ein Anwalt aufgesucht und geklagt. Unsere Erfolgsquote ist über die Jahre jedoch ungebrochen hoch geblieben.

Woher kommt diese Tendenz zu Rechthaberei?

Ich denke, es hat mit der Individualisierung der Gesellschaft zu tun. Früher lebten die Menschen in engeren Gemeinschaften und hatten andere um sich, die sie im Streitfall «zur Vernunft bringen» konnten oder ihre Erfahrungen mit ihnen teilten. Hinzu kommt eine grössere Ich-Bezogenheit, die es schwieriger macht, sich in andere hineinzuversetzen.

Konnten Sie schon mal Freundschaften kitten?

Es kommt vor, dass Parteien einen Streit beilegen und nach einer Verhandlung zusammen was trinken gehen. Nach Einigungen sage ich oft: Hättet ihr doch schon früher offen miteinander geredet! Dann hätte es gar nicht so weit kommen müssen. Aber der direkte Konflikt wird eher gescheut, viele kommunizieren lieber schriftlich oder via Anwalt. Das kann eskalierend wirken, weil die nonverbale Kommunikation wegfällt – und die juristische Sprache teils sehr scharf formuliert ist.

Die Schweiz hat eine jahrhundertealte Tradition der einvernehmlichen Lösungsfindung, sagten Sie in Ihrer Antrittsrede als Verbandspräsident. Woran machen Sie das fest?

Bereits im Bundesbrief wurde festgehalten, dass bei Streit unter Eidgenossen die Einsichtigsten unter ihnen vermitteln sollten. Auch der Friedensstifter Niklaus von Flüe hat in seiner Vermittlertätigkeit nach Versöhnung und Ausgleich gestrebt. Die Institution der Friedensrichter wurde 1803 in der Schweiz eingeführt und ist seitdem eine Erfolgsgeschichte. Ich glaube, dass wir als Volk der Helvetier geprägt sind von den Brehon Laws, der altirischen Rechtssammlung. Es ist eine der ältesten Rechtssammlungen. Sie war primär auf die Wiedergutmachung und Versöhnung ausgerichtet – und weniger auf das Bestrafen. Wenn zum Beispiel ein Mann einen anderen bei einem Unfall verletzt hat, dann musste dieser auf dem Hof des anderen unentgeltlich einspringen, bis das Opfer wieder selbst arbeiten konnte.

Sie sind ausgebildeter Theologe. Was lehrt uns das Christentum über das Streiten?

Die Grundhaltung ist die Vergebung. Jesus kam, um die Menschen mit Gott und einander zu versöhnen. Diesen Auftrag hat er auch uns übertragen. Christen sollen einander nicht verklagen und vor Gericht ziehen, sondern miteinander Frieden schliessen. Dazu ermahnt Paulus zum Beispiel die Christen in Korinth. Letztlich richtet Gott, nicht der Mensch. Als goldene Regel gilt zudem in allen Religionen, dass man dem anderen nichts zufügen soll, was man selbst nicht erleben möchte. Dies ist heute aktueller denn je! Würde dieser Perspektivenwechsel ernst genommen, könnten wohl viele Konflikte verhindert werden.

Hinweis

Stefan Brunner (49) arbeitet zu 50 Prozent als Friedensrichter. Daneben ist er Unternehmensberater und Mediator.

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