Luzern
13.10.2017 05:15

Akutes Ladensterben: Detailhändler überlegen sich eine Beratungsgebühr

  • Pioniere in der Zusammenarbeit von Detailhändlern: Irene und Peter Ritter-Steiner vor «ihrem» Zentrum.
    Pioniere in der Zusammenarbeit von Detailhändlern: Irene und Peter Ritter-Steiner vor «ihrem» Zentrum. | Bild: Pius Amrein (Zell, 12. Oktober 2017)
LUZERN ⋅ Immer öfter schliessen sich die Läden zusammen, um zu überleben. Trotzdem ist die Lage ernst, sagt Heinz Bossert, Präsident des Detaillistenverbands Luzern. Er denkt laut über eine Beratungsgebühr nach.

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@luzernerzeitung.ch

Der Verdrängungskampf im Detailhandel tobt in der realen und virtuellen Welt. Die Opfer sind fast immer kleine, unabhängige Läden. Am sichtbarsten ist die Entwicklung in der Stadt Luzern, wo reihenweise familiengeführte KMU schliessen. Zu mächtig sind die internationalen Ketten, zu günstig die Konkurrenz im Internet. Dazu kommt am 8. November auch noch die Mall of Switzerland in Ebikon – ein Koloss mit 46'000 Quadratmetern Verkaufsfläche.

Auf dem Land ist die Lage für die Läden nicht weniger ernst, bestätigt auf Anfrage Heinz Bos­sert, Präsident des Detaillistenverbands Luzern (DVL). Er konstatiert: «Das Ladensterben ist so akut wie nie.» Weitere traditionelle Familien-Kleinunternehmen würden bereits über eine Aufgabe nachdenken. Dabei gehe oft unter, dass viele kleine Unternehmen eine wichtige sozialwirtschaftliche Funktion übernehmen; Lehrlinge würden ausgebildet, und oft stecke das Pensionskassenguthaben der Besitzer im Laden.

Neuer Gemeinschaftsladen in Sempach

Innovation ist gefordert. Davon ist Heinz Bossert überzeugt. Doch in welche Richtung? Eine heisst Zusammenarbeit. In den letzten Jahren haben sich in mehreren Gemeinden kleine Geschäfte zusammengeschlossen, um Synergien zu nutzen – vom gemeinsamen Werbebudget bis hin zur grösseren, geteilten Ladenfläche.

Das neuste Beispiel stammt aus Sempach. Dort eröffnet am 26. Oktober in der ehemaligen Städtlichäsi ein neuer Laden. «Sempre Frisch und Fein», heisst das Geschäft, wobei Sempre sowohl für «immer» steht, als auch aus «Sempach» und «Regional» zusammengesetzt ist. Die Ladenfläche von 180 Quadratmetern teilen sich überwiegend die Bio-Käsereigenossenschaft Trutigen und die Metzgerei von Patrick Sax. Es werden aber auch Fisch, Obst und Gemüse angeboten.

Dahinter steht eine AG. Verwaltungsratspräsident und Gewerbevertreter Cyrill Faden sagt auf Anfrage: «Ursprünglich hat sich die Bauerngenossenschaft eingemietet. Durch Gespräche mit dem Gewerbe ist die AG entstanden.» Der Fokus werde auf regionalen Produkten liegen. «Es ist schön, dass so unterschiedliche Partner wie Bauern, Gewerbe und ein Metzger gemeinsam für den Erhalt des Standorts kämpfen.» Die Investitionen haben laut Faden mehrere hunderttausend Franken betragen. Zudem hat auch der Vermieter, Stadtpräsident Franz Schwegler (CVP), beträchtlich in den Umbau investiert. Faden: «Wir sind überzeugt, dass wir mit diesem Projekt den Einkaufsstandort Sempach erhalten können.»

Schon seit Jahrzehnten spannen Detaillisten in Zell zusammen – beim Einkaufszentrum Märtgass AG. Vor rund 40 Jahren haben Peter und Irene Ritter-Steiner mit ihrer Drogerie den Grundstein gelegt. Seither teilen Drogerie, der deutsche Kaffeediscounter Tchibo, ein Café, die Metzgerei Hodel und ein Kiosk die 1700 Quadratmeter an ein und derselben Adresse.

Peter Ritter-Steiner erinnert sich: «Das war damals das schweizweit erste Zentrum, das aufgrund eines privaten Einzelhändlers gegründet wurde.» Er hatte «eine Vision, Herzblut, Qualitätsbewusstsein – aber kein Geld», wie der 73-Jährige erzählt. Doch das Vertrauen in die Idee – auch vom Umfeld, das Ritter finanziell ausgeholfen habe – sei gross gewesen. «Und es hat sich ausbezahlt.» Die Attraktivität des Zentrums steigerte sich von Jahr zu Jahr. Ritter wünscht sich, dass sich noch viel mehr Läden zusammenschliessen. «Das hat nach wie vor Zukunft.»

Mehrere Läden unter einem Dach gibt es auch im «Nebiker Träff» in Nebikon. Dort arbeiten ein Denner-Partner, die Drogerie Schlüssel, die Goldschmiede Brigitte Truttmann und der Wechsler-Metzg zusammen. In Hergiswil bei Willisau wurde am 6. Februar 2003 der Trio-Dorfladen gegründet. Und zwar von der Bäckerei Hodel, der Metzgerei Wiprächtiger und der Dorf-Chäsi. Die drei Partner holten Spar als Zulieferer und Ladenrahmen ins Boot. Eine Postagentur ergänzt das Angebot.

Verband hat «kein absolutes Patentrezept»

Reichen solche Partnerschaften, um die Detaillisten künftig vor dem Aussterben zu bewahren? DVL-Präsident Rolf Bossert sagt offen: «Ich weiss es nicht. Obwohl der eingeschlagene Weg stimmt, haben wir kein absolutes Patentrezept.» Jedes Fachgeschäft müsse sich letztlich selber analysieren und die richtigen Entscheidungen treffen. Der Verband könne im Einzelfall vermitteln, beraten und motivieren. Das habe er auch an der letzten Generalversammlung des Detaillistenverbandes auf dem Stanserhorn zum Ausdruck gebracht und mit zahlreichen Modellen unterlegt.

Klar sei, dass die kleinen Läden ihre Daseinsberechtigung hätten. Vor allem wegen der Nähe zu Produkten, Kunden, zur Region und den Mitarbeitern. Diese Stärken gelte es, noch besser auszuspielen. Notfalls auch mit einem drastischeren Mittel.

Denn laut Bossert würden sich mittlerweile viele Kunden in KMU-Geschäften umfänglich beraten lassen. Nicht wenige würden die Produkte ungeniert fotografieren. «Gekauft wird dann aber im Internet, wo die Produkte günstiger sind», ärgert sich Bossert. Nehme diese «Unsitte» weiter zu, «werden wir im Fachhandel früher oder später für solche Beratungsgespräche eine Dienstleistungsentschädigung verlangen müssen; zum Beispiel nach einer Beratungszeit von 15 Minuten».

Kommentare

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13.10.2017 09:49

Statt neue Gebühren oder Entschädigungen zu verlangen, sollte Heinz Bossert lieber das Übel an der Wurzel packen und sich für moderate Preise einsetzen. Er kann die (überhöhten) Margen der Zwischenhändler und auch den "obligatorischen" Schweizzuschlag anprangern und bekämpfen.

Schon heute verlangen Apotheken einen Beratungszuschlag, meist, wie verschiedene Stichproben von Konsumentenschützern ergeben haben, ohne irgendeine Leistung zu erbringen.

Und der Wegzug von Geschäften aus der Stadt Luzern mag ja auch etwas mit der Preispolitik zu tun haben. Der Hauptgrund ist aber die zerstörte Infrastruktur (Stichwort: Parkplätze) und städtische Behördenwillkür mit Negativ-Dienstleistungen (aktuelles Stichwort: Leuchtreklame).

Wolfgang Strich ⋅ Beiträge: 586
» antworten
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13.10.2017 13:43

Sehr geehrter Hr. Strich
Sie scheinen das wohl nicht richtig verstanden zu haben. Es geht nicht um Parkplätze und sonstige Margen. Es geht darum, Beim Fachhändler die Beratung holen um beim lieben Internet bestellen.
Ob das in der Stadt oder auf dem Lande ist, das spielt keine Rolle.
So oder so...
Ich frage mich wirklich, jeder Arbeitet bei einem KMU oder ist selber Unternehmer und sind dankbar ende Monat den Lohn zubekommen nur die Besitzer der Fachgeschäfte diese dürfen ende Monat keinen Lohn bekommen. Weil diese " fast nur " noch für die Beratung zuständig sind.
" Es ist ein guter alter Brauch, dort wo man repariert, da kauft man auch"

Schmid Marcel ⋅ Beiträge: 15
» antworten
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13.10.2017 14:13

Wenn die Beratung kostet, verschwinden die Läden noch schneller, da die Produkte dadurch je nach Produktpreis unverhältnismässig teurer werden. Gerade das ist ja der grosse Vorteil gegenüber dem Internet: Beratung und Anfassen. Vielleicht sollte man nach jeder Beratung den Kunden einen Flyer in die Hand drücken und ihn darin informieren, was die Beratung das Geschäft gekostet hat (könnte ja der DV kantonsweit gestalten). Viele sind sich dessen einfach zu wenig bewusst. Zusätzlich zum Beratungsgespräch informiert man sich heute auch im Internet, da ist der Klick zum Kauf sehr nah. Hat man vorher an das Gewissen des Kunden appelliert, könnte das gewisse dazu bringen, dann doch im Laden zu kaufen.
Ich shoppe sehr viel im Internet, manchmal auch im Ausland, aber wenn ich mich im Laden beraten lasse und mich später zuhause für das Produkt entscheide, kaufe ich es dann auch im Laden. Sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen, denn auch Verkäufer arbeiten ja nicht gerne gratis.

Eveline With ⋅ Beiträge: 46
» antworten
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19.10.2017 18:20

Ohne Zweifel stehen wir Einzelhändler vor einigen Herausforderungen aber viel zu schnell wird die Schuld für schlechte Umsätze äusseren Faktoren zugeschrieben, anstatt sich selber kritisch zu hinterfragen. Wenn ich jedoch eine Athmosphäre der Angst und Missgunst entwickle, Kunden nur noch als wandelnde Portemonnaies und Mitarbeiter als Kostenfaktoren sehe, dann muss ich mich nicht wundern wenn Kunden nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Wer noch nicht verstanden hat, dass es im Einzelhandel schon lange nicht mehr um das Verkaufen von Produkten geht sondern um Beziehungspflege und zwar mit Kunden wie mit Mitarbeiter, dem werden auch das Eintreiben von Beratungsgebühren nicht weiterhelfen. Umsatz und Gewinn ist immer die Folge von etwas was vorher richtig gemacht wurde und richtig machen heisst für mich u.a.: Wertschätzung für Kunden wie Mitarbeiter, gute Produkte, Ehrlichkeit, konstruktiver Umgang mit Veränderungen, und vor Allem: Die Freude am Dienen. Sabine Ekberg, einzigwert

Sabine Ekberg ⋅ Beiträge: 1
» antworten

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