Luzern
19.06.2017 05:00

Luzerner Saatzüchter geben auf

  • Bauern können ihr Saatgut – zum Beispiel für Weizen – künftig nicht mehr in der Region Sursee abliefern.
    Bauern können ihr Saatgut – zum Beispiel für Weizen – künftig nicht mehr in der Region Sursee abliefern. | Symbolbild: Werner Schelbert, Steinhausen, 20. Juli 2017
SURSEE ⋅ Der Rettungsversuch der Luzernischen Saatzuchtgenossenschaft schlug fehl, die Annahmestelle Münchrüti muss Ende Jahr geschlossen werden. Das führt zu emotionalen Reaktionen gegenüber Abnehmer Fenaco.

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

«Wir haben alles versucht, doch es ist uns nicht gelungen.» Fredy Winiger, der Präsident der Luzernischen Saatzuchtgenossenschaft (LSG), weiss nun definitiv, dass die Annahmestelle in der Surseer Münchrüti nicht gerettet werden kann. Am letzten Dienstag an einer ausserordentlichen Generalversammlung votierten die LSG-Mitglieder klar gegen eine selbstständige Weiter­führung des Betriebs. Die Vorgeschichte ist bekannt: 76 Mitglieder zählt die LSG, sie alle bringen ihre Ernte nach Sursee, wo sie von der Fenaco weiterverarbeitet wird. Die Agrargenossenschaft mit Sitz in Bern hat allerdings angekündigt, die Luzerner Aussenstelle aus wirtschaftlichen Gründen Ende 2017 zu schliessen.

Luzerner und Zuger Bauern müssen dann ihr Saatgut in die modernen Aufbereitungsanlagen nach Lyssach bei Burgdorf beziehungsweise Winterthur bringen. «Das ist ein ökologischer und ökonomischer Blödsinn», betont Winiger. Das Saatgut käme danach nämlich wieder zurück in die Zentralschweiz, weil der Grossteil der Abnehmer hier zu Hause sei. «Solche Fahrten könnten sich nur die grossen Produzenten leisten, weil sie das Getreide in Mulden auf Lastwagen transportieren. Für den kleinen Ackerbauern mit dem Traktor rechnet sich das aber nicht.»

Matchentscheidend sei eine einzige Personalie

Deshalb hat sich die LSG um eine selbstständige Weiterführung des Betriebs in der Münchrüti bemüht. «Die Kalkulation war positiv. Doch dann wirft uns Fenaco wieder einen Knüppel zwischen die Beine», berichtet Winiger. Konkret geht es um die personelle Besetzung in der Annahmestelle, «dort hätten wir gerne weiterhin auf den gleichen Mann gesetzt. Auf sein Know-how können wir nicht verzichten.» Aus finanziellen Gründen hätte man ihn aber nicht während des gesamten Jahres, sondern nur von April bis Dezember anstellen können. «Wir hatten die Idee, ihn für ein paar Monate an Fenaco zu vermieten. Doch es hiess, das gehe nicht. Entweder sei jemand bei ihnen oder bei uns angestellt.»

Winiger ärgert sich über die fehlende Bereitschaft und bezeichnet sie als entscheidenden Faktor. «Unsere Marge wäre ohnehin dünn gewesen. Mit der Übernahme einer 100-Prozent-Stelle wären die Unsicherheitsfaktoren zu gross geworden.» Mit dem Entgegenkommen der Fenaco hätte es aber klappen können. «Die Investition von rund einer Million Franken für die Modernisierung der Münchrüti war nämlich fast gesichert.»

Was bedeutet das nun für die Produzenten der LSG? «Erstens geht der Region eine Wertschöpfung von 100000 bis 200000 Franken verloren, da viele Landwirte mit der Produktion von Saatgetreide aufhören», hält Winiger fest. Jene, die auf das weniger lukrative Brot- und Futtergetreide umstellen, hätten Ende Jahr weniger Geld im Sack. «Diejenigen, die fortfahren, haben höhere Transportkosten.» Immerhin biete Fenaco den verbleibenden Saatzüchtern eine Transportentschädigung für sieben Jahre an. Und jenen Bauern, die aussteigen und ihr Getreide weiterhin bei der Landi abliefern, offeriere sie für die nächsten drei Jahre eine Ausstiegsprämie.

Wie es weitergehe, werde sich im Sommer zeigen, wenn Fenaco mit den Bauern die Anbauverträge für das Jahr 2018 aushandelt. «Das wird ihr schwer fallen, weil bei uns grosse Missstimmung herrscht.» Winiger vermutet, dass höchstens noch 10 der 56 Saatgutproduzenten im Boot bleiben. Auch sein Sohn, dem er den Familienbetrieb in Kleinwangen übergeben hat, werde wohl aussteigen und sich auf die Schweinehaltung fokussieren.

Machen Bauern künftig einen Bogen um Fenaco?

Fest steht: Die Debatte ist hochemotional, ein Bauer habe seinen Urgrossvater erwähnt, der einer der Gründer der LSG gewesen war. «Da fliesst sehr viel Herzblut.» Einige Produzenten erwägen, in Zukunft sogar einen ­Bogen um Fenaco zu machen. «Indem sie beispielsweise Mischfutter oder Pflanzenschutzmittel nicht mehr bei der Landi, sondern andernorts einkaufen.» Winiger verweist auf den Solidaritätsgedanken, dem sich eigentlich auch Fenaco unterzuordnen hätte. «Heute steht aber der wirtschaftliche Aspekt an vorderster Stelle. Es ist ja nicht so, dass ­Münchrüti Verlust eingefahren hätte. Lediglich der Gewinn war nicht mehr gross genug.»

Das Aus droht der LSG just zu ihrem 100. Geburtstag allerdings nicht. Zumindest noch nicht. Das liege an den 20 Bauern, die Pflanzkartoffeln anbauen würden. Für sie laufe der Betrieb vorerst wie gehabt weiter. «Vor zwei Jahren haben wir den Grossteil unseres Geldes in eine neue Sortier- und Kalibriermaschine für Pflanzkartoffeln gesteckt. Wir könnten die Genossenschafter gar nicht auszahlen.»

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