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ANZÜGLICH

Prominente wühlen im Fasnachtsfundus

Bekanntheit schützt vor Fasnacht nicht. Das beweisen die sieben Persönlichkeiten auf dieser Seite. In einem Fall hat das Fasnachtvirus allerdings einen tragischen Langzeitschaden verursacht.
08.02.2018 | 08:31

Im Estrich lagert eine ganze Truppe

In Verlegenheit gerät Ida Glanzmann bei der Auswahl eines Fasnachtkostüms nicht – sie könnte beinahe ganz Altishofen ausrüsten. «Mit der Zeit haben sich etliche Kleidungsstücke und Masken angesammelt», sagt die CVP-Nationalrätin. Als Mädchen schon ging sie mit «Gschpändli» von Tür zu Tür zum «Spröchle» und Singen, wie das früher üblich war. «Meine Mutter nähte für uns Kinder Zwergenkostüme und nahm uns auch zum Göiggle mit.» Diese Leidenschaft übertrug sich auf Ida Glanzmann. Heute nimmt die dreifache Mutter an Fasnacht eine Woche Ferien. Schon im Herbst allerdings bestimmt sie zusammen mit Mann Walter und mit Freunden ein Motto. Ohne ein solches ziehen Glanzmanns nie los. Früher mit einigen Familien, heute im kleineren Rahmen als neunköpfige Gruppe.

Gemeinsam fertigen sie Masken und Kostüme an. «Das ist für uns Bestandteil der Fasnacht. Leider stirbt die schöne Tradition des Maskenbauens langsam aus. Deshalb basteln und nähen wir alles selber, soweit dies möglich ist», sagt sie und präsentiert uns im Estrich einen Teil der Masken. «Früher haben wir Ballons mit Kleister und Papier beklebt, was wortwörtlich ein Gebastel war. Dann wurden die Masken immer besser. Heute habe ich den Eindruck, sie seien fast zu perfekt.» Die Kostüme und Masken aus früheren Jahren fristen übrigens kein unnützes Dasein, sondern finden oft andere temporäre Abnehmer oder dienen in einer Beiz als Fasnachtsdekoration.

Das Motto spielt fast immer auf ein aktuelles oder augenfälliges Thema an: Sei es Karl Lagerfeld mit einer Schar Models oder wie an der heurigen Fasnacht, bei der die Gruppe in Figuren des Films «Ratatouille» schlüpft. Das Motto «Zu viele Köche verderben den Brei» thematisiert die mögliche Fusion von Altishofen und Ebersecken. Für einmal tanzt die Gruppe aus der Reihe. Nicht, dass sie sich bei diesem Thema nicht auskennen würde. Nein, sie begnügt sich diesmal damit, nur die Masken anzufertigen. Als Kostüme dienen echte – eingekaufte – Kochkleider. Begleitet wird die illustre Gruppe von Rémy, einer zwei Meter grossen Ratte: Sie wiederum wurde eigenhändig in Altishofen geschaffen.


Das gelbe Gewand trug er nie

An der Fasnacht haut Paul Winiker (61) auf die Pauke. Schon immer. Mit selbst genähten Kostümen gründete er als Dreikäsehoch mit seinem Bruder eine Mini-Guuggenmusig. «Wir bastelten Trommeln aus Speiseölfässern vom Quartierlädeli», schildert er seine ersten Auftritte in der Stadt Luzern.

Wer so lange aktiv ist, hat bestimmt eine reichhaltige Sammlung. «Jessesgott, Dutzende Sujets und über 20 Grende sind im Keller», winkt er ab. Einige trug er nie. So das chinesische Kostüm, das er 2015 anfertigen liess. «Damals legte mich eine Grippe ins Bett und ich durfte nicht an die Fasnacht.» Winiker hält das gelbe Gewand und dazu einen roten Rokoko-Anzug vom letzten Jahr sowie eine Sau-Maske des Künstlers Matthias Bugari in die Kamera.

Noch zwei weitere Fasnachtspausen hatte er im Laufe seiner Karriere einlegen müssen: als er 1984 beruflich in Pakistan weilte, und ein Jahr später in Minneapolis. «Ich bekam aber telefonisch etwas von der Lozärner Fasnacht mit. Eine Kollegin rief mich aus einer Zelle unter der Egg an und hielt den Hörer raus.»

Sonst lässt sich der SVP-Regierungsrat, der in der Zunft zu Safran ist, und Pauke bei der Bucheli-Fritschimusig spielt, nicht aufhalten. Nur bremsen. So bei seiner Liz-Prüfung, die er ausgerechnet am Schmutzigen Donnerstag 1981 an der Uni Zürich ablegte. «Am Morgen lief ich zum Bahnhof, vorbei an Kollegen, die mich überreden wollten. Das war eine harte Prüfung ...»


Eliane macht gerne das Kalb

Man muss nicht zwingend verrückt sein, um die Fasnacht zu mögen. Musikerin Eliane (27) aus Hochdorf erklärt es so: «Für mich ist sie Tradition und ein Teil der kalten Jahreszeit.» Diese Aussage lässt erahnen, dass die Gewinnerin der Castingshow «Die grössten Schweizer Talente» bereits rüüdig früh in Kostüme geschlüpft sein muss.

«Ja klar. Mein Vater spielte in einer Guuggenmusig und ging immer zum Hochdorfer Morgenstreich. Bereits als ich vier Jahre alt war, nahmen mich meine Eltern zum ersten Mal dahin mit.» Auch am Schüler- und Kinderumzug habe die ganze Familie teilgenommen. An ihre Verkleidungen von früher erinnert sich Eliane gut. «Unser Mami nähte für uns Kinder immer dieselben Sujets, wie sie Papi für die Guuggenmusig brauchte.» Später fertigten sich Eliane und ihre Schwester die Kostüme selber an. In den letzten Jahren waren sie als Glücksbären und Froschkönige verkleidet.

Die Künstlerin ist immer noch Fasnächtlerin. Kostüme näht sie aber keine mehr: «Der Aufwand wurde mir zu gross. Da setze ich mich lieber ans Klavier.» Kreativ ist sie beim Kostümieren trotzdem. Heuer trifft man sie und ihre Schwester als Schwingerinnen samt Kalb an. Handarbeit ist dafür nicht nötig: Die zwei steigen in echte Schwingerhosen. Singen wird Eliane an der Fasnacht übrigens nicht, wie sie betont: «A de Fasnacht werd gschnörret. Am Urknall z Lozärn, am Samschtig z Hofdere ond am Sonntig z Eibu.»


Den Grende Tschüss gesagt

Er moderierte für das Schweizer Fernsehen sechs Jahre den Fritschi-Umzug, spielte während zehn Jahren Pauke und Posaune bei der Guuggenmusig Noggeler und bastelte schon als Kind seine Kostüme selber. Der in Kriens aufgewachsene Simon Kopp ist Fasnächtler durch und durch. «Mit Mutter und Vater gings schon früh an die Umzüge, und als Schüler gründete ich mit Klassenkameraden eine Guuggenmusig. Mein erstes Kostüm war ein Güggel», beschreibt Kopp, der unter anderem als Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft tätig ist, seine fasnächtlichen Anfänge.

In einem Schuppen, in dem die Sujets der Noggeler lagern, begibt sich Kopp auf eine Zeit­reise. Zu vielen Kostümen und Grenden kennt er Geschichten. So waren der Narr und der Circus Noggi seine Lieblingssujets, weil die entsprechenden Grende schön und bequem zu tragen waren und weil sie bei den Leuten gut ankamen. Im Gegensatz zur Maus, die die Guuggenmusig einmal zum Sujet machte. «Da wurden wir ausgelacht, weil wir enge Leggins zum Kostüm trugen.»

Kopp zieht Bilanz: «Es war eine unvergesslich schöne Zeit. Aber jetzt gibt’s keine Fasnacht mehr.» Wie bitte? «Ja. Nach meiner letzten Moderation ging ich nie mehr an die Fasnacht. Ich fliege am Schmudo mit meiner Partnerin ans Meer an die Wärme», verrät er. Die Fasnacht findet Kopp aber immer noch eine tolle Sache. «Der Virus würde mich sofort wieder packen.»


Für die Guuggenmusig bereit

Wenn’s schränzt und die Tambourmajoren den Takt angeben, schlägt Stefanie Barmets Herz schneller. Die 26-jährige Leichtathletin aus Egolzwil ist mit der Fasnacht gross geworden. «Als Kind freute ich mich, wenn die ganze Familie an der Fasnacht teilnahm. Einmal war ich ein Elefant, ein anderes Mal ein Cowboy», beschreibt die Schweizer Meisterin über 1500 Meter frü­here Fasnachtserinnerungen. Die Mutter habe die Kleider selbst gemacht. Als ihr Vater als Wassermann auf die Strasse gegangen sei, habe sie ein ähnliches Sujet getragen. Später sei sie mit Kolleginnen aus der Kanti unterwegs gewesen. Für die Verkleidung haben sich die Frauen aus dem Kleiderschrank und der Fasnachtstruhe bedient. «Ich find’s cool, mich zu verkleiden», sagt Stefanie.

Dieses Jahr steht sie an der Fasnacht jedoch zurück. Die Germanistikstudentin steckt mitten in der Vorbereitung für ihre mündliche Masterprüfung. Und in wenigen Tagen tritt sie an der Hallen-SM über 800 und 3000 Meter an. «Der Sport und das Studium haben jetzt Vorrang. Vielleicht werde ich später einmal in einer Guuggenmusig mitspielen. Als Mädchen war ich schwer beeindruckt von den Instrumentalgruppen. Vor allem von ihrem Zusammenhalt, ihren kreativen Wagen und Kostümen.» Bis jetzt habe ihr die Zeit dazu gefehlt. Aber was nicht ist, kann noch werden. Eine Posaune steht schon bereit. Stefanie spielte früher in einer Jugend-Brass-Band.


Vom Basler Virus infiziert

In Basel aufgewachsen, war es Norbert Schmassmann (61) unmöglich, sich der Fasnacht zu entziehen. Der seit 1996 in Luzern wohnhafte Direktor der Verkehrsbetriebe Luzern gewährte uns einen Einblick in seine Fasnachtstruhe. Mit Ehefrau Rahel (59) präsentiert er Masken und Kostüme, die keine Zweifel an der Herkunft der Träger aufkommen lassen. Etwa ein Harlekin, ein klassisches Basler Kostüm –jedoch in Blau-Weiss!

Jedoch hat er kein Stück je selber getragen. Bei aller Liebe zur Fasnacht, wurde er nie aktiv. «Mich faszinierten als Knabe die lauten Trommeln. Ich wollte unbedingt spielen. Mein Vater, ein ausgesprochener Nichtfasnächtler, lenkte ein. Er begleitete mich zu einer Clique, die Nachwuchs suchte. Weil der Obmann in jedem Satz fluchte, wurde daraus nichts. Es hat nicht sollen sein.» Da er kein Fasnächtler ist, fiel ihm der Wegzug von Basel nach Luzern leichter. Warum aber die Fasnachtstruhe? «Als wir einzogen, war meine Frau unglücklich und litt unter Heimweh. Ein Tag später war dieses aber weg. Es begann damit, dass ich den Klang von Drummle und Pfyffe vernahm. Ich glaubte an eine akustische Fata Morgana.» Aber in der Nachbarschaft wurden tatsächlich Piccolo und Trommeln gespielt. Denn der Tambourenverein Luzern hat in der Nähe sein Übungslokal. «Diesem gehören einige Heimwehbasler an», sagt Rahel Schmassmann, die bis dahin ebenfalls keine Fasnächtlerin war.

Sie trat der Gruppe bei und spielt seither Piccolo. Die Baslerin wurde erst in Luzern mit dem Fasnachtsvirus infiziert. Aber dafür richtig. Sie nimmt sowohl in Luzern wie auch in Basel, wo sie als Piccolo-Spielerin eine Clique unterstützt, an Umzügen teil. Norbert Schmassmann indes blieb passiv: «Freude am Zuschauen habe ich trotzdem. Ich war auch immer ein kritischer Beobachter und ich finde, dass die Fasnacht ein toller Brauch ist. Ich vergleiche meine Haltung mit jemandem, der gerne klassische Konzerte besucht, selber aber kein Instrument spielt.»

Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch

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