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LUZERN

Sexualstraftäter fordert seine Freilassung

Ein Archivbild der Anstalt Bostadel in Menzingen. (© Stefan Kaiser (Neue ZZ))
Ein Archivbild der Anstalt Bostadel in Menzingen. (Stefan Kaiser (Neue ZZ))
Der «Blick» bezeichnete ihn einst als den «gefährlichsten Bodybuilder der Schweiz» – zeitweilig war er sogar verwahrt. Nach 20 Jahren könnte der Gewaltverbrecher freikommen. Obwohl er gemäss Gutachter weiterhin gefährlich ist.
03.12.2017 | 05:00

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Was soll man mit diesem Mann nur machen? Mit dieser Frage hat sich das Luzerner Kriminalgericht derzeit zu beschäftigen. Es geht um einen ehemaligen Bodybuilder, der vor 20 Jahren in der Region mehrere Gewaltdelikte verübt hat.

Es brauchte nicht viel, dass er zuschlug. 1997 bedrohte er eine Frau mit einem Messer und vergewaltigte sie. Ein paar Monate später zertrümmerte er trotz Hausverbot die Wohnung seiner Exfreundin und drohte, deren neuen Freund umzubringen. Er schlug spanische Touristen spitalreif und verprügelte grundlos einen VBL-Chauffeur. Der Gipfel war, dass er fünfmal einen IV-Rentner überfiel und ausraubte. Für seine Taten wurde der Mann damals zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Weil der Mann als brandgefährlich galt – und die Rückfallgefahr als hoch –, wurde er 2003 verwahrt.

Vom Gefängnis aus kämpfte er um seine Freiheit. 2007 gaben ihm die Richter die Chance. Sie wandelten die Verwahrung in eine stationäre Therapie um, mit welcher die Rückfallgefahr gebannt werden sollte. Allerdings weigerte sich der Mann jahrelang, bei einer psychologischen Behandlung in einem Mass­nahmenzentrum mitzumachen. 2012 beantragte die Staatsanwaltschaft daher, ihn wieder auf unbestimmte Zeit zu verwahren. Sie stützte sich dabei auf ein Gutachten, wonach der Mann psychopathisch veranlagt sei. Gewalttaten gäben ihm einen Kick, und aufgrund seiner Haltung sei eine Therapie nicht Erfolg versprechend.

Trotzdem ordneten die Richter 2012 erneut eine solche an. Diese soll nun gefruchtet haben – behauptet jedenfalls der Mann. Letzten Dienstag stand er erneut vor dem Kriminalgericht. Dieses soll darüber entscheiden, ob der Straftäter nach 20 Jahren hinter Gittern ungefährlich genug ist, dass er auf freien Fuss darf.

Zahlreiche Zwischenfälle in den letzten Monaten

Zumindest von aussen macht er diesen Eindruck. Dass wirklich vier Polizisten nötig sind, um den 49-Jährigen in den Gerichtssaal zu führen, kann man sich kaum vorstellen. Die Jeans hoch über die Hüfte gezogen, wirkt der Mann wie ein Zeitreisender. Er trägt einen Haarschnitt, der vor 20 Jahren modern war. An seine Vergangenheit als Bodybuilder erinnert nur noch wenig. Er habe in der Therapie sehr viel gelernt, versichert er. Er könne jetzt seine Gewaltimpulse kontrollieren – mittels Ablenkungsstrategien. Stolz erzählt er, dass er kürzlich einer Schlägerei mit einem Mitgefangenen ausgewichen sei. «Dass ich flüchte, statt zuzuschlagen, das hätte es vor zehn Jahren nicht gegeben», versichert er. Zudem «fresse» er jetzt nicht mehr alles in sich hinein. Er sei voll und ganz davon überzeugt, dass er sich im Griff habe.

Einen anderen Eindruck hinterlassen allerdings zahlreiche Zwischenfälle in den letzten Monaten. Mehrfach ist der Mann mit seinen Vorgesetzten im Strafvollzug aneinandergeraten. Zudem hat er teils die Arbeit verweigert. Schuld daran waren immer die anderen. So sieht er es. Der Küchenchef habe ihn von Anfang an auf dem Kieker gehabt. Deshalb habe es Probleme gegeben.

Die Staatsanwältin ist nach der Befragung «sprachlos»

Was der Mann da sagt, passt gut in das Bild, welches das neuste psychiatrische Gutachten von ihm zeichnet. Demzufolge haben sich seine gefährlichen Persönlichkeitszüge durch das Alter etwas abgeschwächt. Trotzdem bestehe weiter ein hohes Risiko für Gewalttaten; Streitsituationen könnten schnell eskalieren. Und noch immer sieht der Mann sich als Opfer und ist nicht in der Lage, mit Autoritäten umzugehen. Zu den diagnostizierten narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen passt, dass er sich zudem sehr viel zutraut. Er ist überzeugt, dass es für ihn kein Problem wäre, in Freiheit einen Job zu finden – obwohl er die letzten 20 Jahre im Gefängnis sass und sämtliche Weiterbildungsmassnahmen ausschlug. «Es hinterlässt sprachlos, wie er sich hier vor Gericht darstellt – ihm fehlt der Realitätssinn», sagte die Staatsanwältin. Sie forderte – genau wie die zuständigen Vollzugsbehörden –, dass die Therapie um drei weitere Jahre verlängert wird, verbunden mit ersten Vollzugslockerungen, um den Mann sukzessive und engmaschig auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten.

Hinweis

Das Urteilsdispositiv wird in den nächsten Tagen veröffentlicht.

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