Luzern
17.07.2017 07:00

Top-Badewasser – trotz Verschmutzung

  • Remy Baume springt im Strandbad Sursee in den Sempachersee. Dieser hat wie alle Luzerner Gewässer eine sehr gute Badewasserqualität.
    Remy Baume springt im Strandbad Sursee in den Sempachersee. Dieser hat wie alle Luzerner Gewässer eine sehr gute Badewasserqualität. | Bild: Corinne Glanzmann (16. Juli 2017)
SAISON ⋅ In den Luzerner Seen und Flüssen lässt es sich gut baden, versichert der Kanton. Mit der Wasserqualität steht es trotz allem nicht überall zum Besten. Seen, Flüsse und sogar das Grundwasser sind belastet.

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Die Behörden haben zwar kürzlich in einer Medienmitteilung alle Luzerner Seen und Flüsse als «gesundheitlich bedenkenlos» zum Baden freigegeben. Trotzdem sind viele von ihnen mit problematischen Stoffen belastet. Hohe Phosphatwerte, grosse Nitratbelastung und nicht zuletzt Mikroverunreinigungen trüben zwar weniger den Badespass, wirken sich aber negativ auf das Ökosystem aus.

Die Badewasserqualität bemisst sich vor allem durch die Belastung gesundheitsschädigender Bakterien (siehe Box) – sie sagt aber nichts aus über andere Arten der Verschmutzung; wie etwa durch sogenannte Mikroverunreinigungen. Dabei handelt es sich um organische Stoffe im Spurenbereich: hormonaktive Substanzen, Pharma-Rückstände, Pestizide. «Diese», so heisst es in einem offiziellen Bericht zu Pestiziden in Aargauer und Luzerner Fliessgewässern, «können für die Umwelt und die menschliche Gesundheit ein Risiko darstellen.» Sie stehen im Verdacht, bereits in kleinsten Mengen das Hormonsystem von Mensch und Tieren negativ zu beeinflussen.

Die problematischen Substanzen gelangen über Siedlungsabwasser und auf Feldern ausgetragene Pestizide in fast sämtliche Gewässer des Kantons. Entscheidend für deren Verschmutzungsgrad sind einerseits die Siedlungsnähe und andererseits die Intensität der Landwirtschaft. Besonders belastet sind viele kleine Mittellandflüsse und -bäche, an denen intensiv Landwirtschaft betrieben wird. Befunde einer Studie von 2011 über die Verschmutzung durch Mikroverunreinigungen – in diesem Fall vornehmlich Pflanzengiftrückstände – gäben laut Autoren «Anlass zur Sorge». An sämtlichen 46 Messstellen konnten problematische Stoffe nachgewiesen werden. An 36 wurden sogar gesetzliche Grenzwerte überschritten.

Abwasserreinigung noch nicht auf modernem Stand

Sechs Jahre später dürfte sich die Situation kaum verbessert haben. Um zumindest Kleinstverunreinigungen aus der Siedlungsentwässerung einzudämmen, verlangt die 2014 beschlossene Verschärfung des Gewässerschutzes sämtliche grosse Abwasserreinigungsanlagen mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe nachzurüsten. Bis dato ist im Kanton Luzern aber noch keine entsprechende Anlage in Betrieb. Bis 2025 würden zumindest die zwei grössten des Kantons, die ARA Emmen und die ARA Surental in Triengen, nachgerüstet, bestätigt Pascal Caluori von der Dienststelle Umwelt und Energie des Kantons Luzern.

Bereits 2009 untersuchten Experten den Vierwaldstättersee auf Kleinstverunreinigungen hin. Während im Tiefenwasser lediglich 29 von 247 analysierten Spurenstoffen nachgewiesen werden konnten – und diese auch nur in sehr geringer Konzentration –, ergaben Messungen im Alpnachersee bereits ein anderes Bild. In diesem flachen Seebecken, in das gereinigtes Abwasser aus dem relativ dicht besiedelten Einzugsgebiet – Spital miteingeschlossen – abfliesst, wurden fast doppelt so viele problematische Spurenstoffe festgestellt. Die Konzentration war dabei fünf- bis zehnmal höher. Damit erfüllten diese Wasserproben internationale – nicht gesetzlich verbindende – Qualitätsvorschläge nicht, wie die Aufsichtskommission Vierwaldstättersee auf ihrem Internetauftritt vermerkt. Auch Grundwasserproben weisen Mikroverunreinigungen auf. «Die Resultate für den Kanton Luzern fallen im schweizweiten Vergleich aber nicht schlecht aus», sagt Philipp Arnold von der Dienststelle Umwelt und Energie. «Wir messen kaum Überschreitungen von Grenzwerten.» Die Belastung sei in Gebieten des intensiven Gemüse- und Obstanbaus sowie des Rebbaus weitaus höher.

Grundsätzlich gilt: «Je intensiver die Nutzung im Einzugsgebiet eines Grundwasservorkommens ist, ob landwirtschaftlich oder für Siedlungszwecke, desto höher sind die nachgewiesenen Konzentrationen von problematischen Spurenstoffen.» Dass sich menschliche Aktivitäten auch auf das Grundwasser auswirken, zeigt sich ebenso an anderer Stelle. Über die Hälfte der Grundwasserproben des Kantons von 2016 weisen erhöhte Nitratwerte auf – als Folge der intensiven Landwirtschaft. Lediglich Quellwasser im Berg- oder Waldgebiet sowie gut durchströmte Grundwasservorkommen wie das Luzerner Reusstal sind davon ausgenommen. Ausser der Stadt und Agglomeration Luzern sind deshalb – mit Ausnahmen – alle übrigen Regionen betroffen, wie eine Zusammenstellung der Dienststelle Umwelt und Energie illustriert. Gesundheitsschädigende Grenzwerte werden nirgends überschritten.

Überhaupt ist die Überdüngung der Gewässer mit Nährstoffen wie Stickstoff oder Phosphat noch immer aktuell. Diese müssen für den Menschen nicht schädlich sein. Für die Tier- und Pflanzenwelt eines Gewässers hat aber eine zu hohe Nährstoffkonzentration dramatische Auswirkungen. Denn Phosphor, der limitierende Wachstumsfaktor in Seen, treibt das Algenwachstum an. Sterben diese ab, wird zu ihrer Zersetzung Sauerstoff benötigt, der dann im Tiefenwasser fehlt. Besonders dann, wenn sich ein See im Winter nicht genügend durchmischt – und mit zu wenig Sauerstoff anreichert. Spitzt sich diese Situation zu, dann «kippt» der See, Fische sterben massenweise. So geschehen zum letzten Mal in den Achtzigerjahren.

Felchen vermehren sich noch immer nicht natürlich

Seither sind grosse Fortschritte erzielt worden. Definitiv gelöst aber ist das Problem, das sämtliche Luzerner Seen mit Ausnahme des Vierwaldstättersees betrifft, noch immer nicht. Das selbstgesteckte Zwischenziel von 30 Milligramm Phosphor pro Kubikmeter habe man zwar sowohl für den Sempacher- wie auch Baldeggersee erreicht, «die natürlichen Sauerstoffverhältnisse sind jedoch noch nicht wiederhergestellt», sagt Arnold. Der gesetzliche Mindestwert für Sauerstoffkonzentration von 4 Milligramm pro Liter werde im Sempachersee wie auch im Baldeggersee immer wieder unterschritten. Felchen etwa könnten sich in beiden Seen noch immer nicht natürlich fortpflanzen. Dazu sei die Sauerstoffkonzentration in den Sedimenten, wohin die befruchteten Fischeier sinken, noch zu niedrig. «Dass wir die Zwischenziele erreicht haben, ist sehr gut, es reicht aber noch nicht», resümiert Arnold.

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