zurück
KANTON LUZERN

Traditionssport Kegeln kämpft ums Überleben

Um die Naturkegelbahn auf der Krienseregg wird hart gekämpft. Und obwohl Luzern nach wie vor eine Kegler-Hochburg ist – die Blütezeit dieser Sportart ist längst vorbei: Bahnen verschwinden, Nachwuchs fehlt. Doch es gibt noch Hoffnung in der Szene.
02.02.2018 | 05:00

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

«Holz!», ruft es dumpf in die Kegelsporthalle Allmend. Alle neun Kegel auf der Bahn 6 sind gefallen. Die Anzeigetafel blinkt, die ältere Dame wendet sich von ihr ab und greift sich bald darauf die nächste Kugel. Ein Lächeln auf den ­Lippen? Ein Strahlen in den Augen? Mitnichten. Nach einer knappen Stunde unter Keglern merkt man: Diese Sportart lebt nicht von dem einen grossartigen Wurf. Es zählt die Konstanz. 50, 100 ja manchmal gar 200 Kugeln nacheinander lässt ein Spieler auf die Kegel am anderen Ende der knapp 13,5 Meter messenden Bahn zurollen. Das Ziel: ein möglichst hoher Durchschnittswert. Erst wenn die Kugel sich durch die Kegel­raute – das sogenannte Ries – gepflügt hat und ein oder gar mehrere Kunststoffkegel unbeirrt stehen geblieben sind, erst dann verziehen sich Mienen, zieht sich die Hand zuckend zu einer Faust zusammen, werden missbilligende «Ähs!» gegen die Hallendecke ausgestossen.

Kegeln ist alt. Bereits die Ägypter haben sich vor über 5000 Jahren an einer Urform erfreut. Das Kegeln in der heutigen Form hingegen ist erst Mitte des letzten Jahrhunderts entstanden, als sich in der Schweiz die modernen Verbände formierten.

Kegeln ist kompliziert. Nicht im Grundprinzip: Die Kugel muss die Kegel umwerfen. Das ist simpel. Komplex sind die Verbandsstrukturen, gewisse Spielformen und -regeln. Gleich vier Kegelverbände sind schweizweit aktiv – historisch bedingt. Unzählig sind die Spiel­varianten. Wie man wohl eine Fuchsjagd kegelt, ein Domino und ein Babelispick? Je nach Verband wird auch noch mit unterschiedlich grossen Kugeln gespielt.

Die Mitglieder werden immer älter

Kegeln hat ein grosses Problem. Der Schweizer Traditionssport überaltert, die Mitglieder sterben weg. Auch an jenem Donnerstagabend in der Kegelhalle Allmend dominiert weisses Haar. An der Wand wirbt weisse Kreide auf schwarzer Schiefertafel für das monatliche Seniorenkegeln – und unweigerlich fragt man sich: Spielen die nicht jetzt schon?

Anders sah das noch in den 80er- und 90er-Jahren aus, als die hiesige ­Keglerszene blühte – und sich schweizweit Tausende um die Kegelbahnen drängten, in den Kellergemäuern der «Sonne», vom «Rössli» und «Isebähnli». Alleine die Schweizerische Freie Kegler-Vereinigung zählte vor rund dreissig Jahren rund 7000 Mitglieder. Die «Freien» sind auf heute 2000 Kegler zusammengeschrumpft – und stellen gleichwohl den mitgliederstärksten Verband der Schweiz. Noch härter hat es die Sportkegler getroffen: Von ehemals 8000 Mitgliedern sind gerade einmal rund 1000 übrig geblieben. Nicht verschont hat ­diese Entwicklung auch die Kegelhochburg Luzern. Hier ist rund ein Viertel aller schweizweit lizenzierten Kegler zu Hause. Ähnlich populär ist der Wurfsport nur in wenigen anderen Kantonen wie Bern und Zürich. In der Ostschweiz und vor allem in der Westschweiz ist das Kegeln hingegen arg «am Abserbeln» – wie es Edi Müller (70) nennt, Präsident des Luzerner Sportkeglerverbands. Den grössten Anteil der über 600 Luzerner Kegler stellten dabei die «eher volkstümlichen» Freien – mit über 500 Mitgliedern. Von den «ambitionierteren» Sportkeglern gebe es im Kanton noch knapp 100.

Gründe für diesen drastischen Mitgliederschwund gibt es mehrere – wie eine Umfrage bei den verschiedenen Luzerner Kegelverbänden zeigt. Unisono als grösstes Problem beklagt wird der fehlende Nachwuchs. Die einen machen dafür die Bindungsängste der Jungen verantwortlich. Andere glauben, dass die Alternativen Fussball, Volleyball und Co. zu verlockend seien.

Daneben sind in den letzten Jahren viele Kegelbahnen verschwunden, etwa im ehemaligen Restaurant Bad in Wolhusen, im «Pony» in Sigigen, im «Wendelin» in Wauwil – und auch jene im «Kreuz», Inwil. Aber was war zuerst: die fehlenden Kegler oder die abgerissene Bahn? Eindeutig lässt sich das nicht sagen. Unbestritten aber ist, dass eine abgerissene Anlage so gut wie nie ersetzt wird. Kaum ein Wirt investiert 60 000 bis 70 000 Franken. Zumal viele von ihnen keinen Bezug zum Kegelsport haben.

In den sinkenden Mitgliederzahlen hallt möglicherweise auch das wenig schmeichelhafte Image nach. Dabei sind die Zeiten, als beiläufig zum Bier noch ein paar Kugeln die Bahn runtergepfeffert wurden, in Richtung Kegel, die vor lauter Zigarrenrauch kaum mehr zu erkennen waren, längst vorbei. Sagt Jürg Soltermann, Präsident der Schweizerischen Freien-Kegler-Vereinigung. Und das ­bestätigt auch ein persönlicher Augenschein – wiederum in der Kegelhalle Allmend. Geraucht wird hier nicht, ebenso wenig wie getrunken – zumindest während des Wettbewerbs.

Ist Bowling eine Konkurrenz?

«Action, Show und Fun» – das zelebriere lediglich das artverwandte Bowling. Dort gelte es die Kegel mit kraftvollen Würfen umzumähen, wo es hingegen beim Kegeln gemächlicher zu- und ­hergeht, weniger aufgeregt. Die Ideal­geschwindigkeit liegt bei 12 km/h. Rambazamba? Fehlanzeige. Manche glauben denn auch, dass Bowling das währschaft schweizerische Kegeln verdrängt habe. Nicht aber Soltermann: «Das hat uns eher noch Mitglieder beschert.» Und auch Müller glaubt: «Deswegen ist kein gestandener Kegler abgesprungen.» Bowling als Sport habe sowieso nie wirklich Fuss fassen können in der Schweiz.

Dass Kegeln hingegen als Sport gelebt wird, beweist nicht nur die Kegel­halle-«Uniform», bestehend aus Trainingsanzug mit Klubsignet und umgehängtem Frottiertuch. Es mangelt auch nicht an sportlichem Ehrgeiz. Auf die Frage an eine Spielerfrau, ob ich auch mal einem Match beiwohnen könnte, meinte diese ehrlich und knapp: «Eher nicht. Beim Spielen wollen sie nicht gestört werden.» Sie, das heisst im Regelfall ein Klub aus sieben bis neun Mitgliedern. Eine eingeschworene Truppe, das erhöht die Aufnahmehürde von weniger erfahrenen Neukeglern. «Da müssen auch die einzelnen Klubs flexibler werden», mahnt Daniel Wyss, Präsident des Keglerverbands Willisau-Sursee.

Angesichts des drastischen Mitgliederrücklaufs drängt sich auch die Frage nach einer möglichen Fusion der verschiedenen Keglerverbände auf. «Im Kanton Luzern haben wir unter den verschiedenen Verbänden ein einvernehmliches Verhältnis, auf nationaler Ebene werden aber schon seit Jahrzehnten Grabenkämpfe ausgefochten», weiss Müller vom Luzerner Sportkeglerverband. Die Idee einer Fusion geistere schon seit Jahrzehnten herum.

Immerhin: Müller sowie andere Exponenten des Kegelsports glauben die Talsohle durchschritten zu haben oder hoffen zumindest, dass sich die Mitgliederzahlen in den nächsten Jahren stabilisieren werden. Auch weil man nun im Internet Präsenz markiert, wichtige Spiele etwa per Livestream überträgt. Die Begeisterung für den Sport anfachen soll zudem ein Kegelstand an der Luga. Wie einst die Kegelbahn an der sogenannten Bauern-Landi 1954 einen regelrechten Kegel-Boom auslöste.

Und die Naturkegelbahn auf der Krienseregg, die abgerissen werden soll? Man wisse zwar um dieses Politikum. Unter den eingefleischten Keglern werde die aber kaum diskutiert, sagt Müller. Andere Probleme sind drängender.

Leserkommentare
Weitere Artikel