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WEGGIS

Von 135 auf 85 Kilo in 365 Tagen

Riad Hodzic (49) hat sich vor einem Jahr einen Magenschlauch einsetzen lassen. Solche Eingriffe boomen in der Zentralschweiz – auch weil sich damit chronische Krankheiten verhindern lassen.
02.10.2017 | 05:00

Evelyne Fischer

evelyne.fischer@luzernerzeitung.ch

 

15 Jacken, 20 Jeans und gegen 60 Hemden: Riad Hodzics (49) Erinnerungen an die letzten Jahre füllten Kleidersäcke. Der Weggiser war einer von 323 Patienten, die sich 2016 im Adipositaszentrum Zentralschweiz am Luzerner Kantonsspital den Magen verkleinern liessen.


Ein Jahr später sind 50 von einst 135 Kilos und die XXL-Kleider verschwunden. Ein Schlauch im Magen lässt Hodzic noch Platz für zwei Deziliter Nahrung. Heute reichen dem gebürtigen Bosnier und zweifachen Familienvater ein, zwei Espressi und ein Proteinshake zum Frühstück plus eine Brausetablette, Vitaminzufuhr. Am Mittag isst er oft Salat, am Abend beispielsweise Käse oder Trockenfleisch. «Früher liebte ich Brot, Pizza und Pasta, heute habe ich kaum mehr Lust darauf.» Erst langsam verspürt er wieder ein Hungergefühl. «Kurz nach der Operation vergass ich oft, zu essen.» Andere Male wiederum schlug er über die Stränge und bereute es später über der WC-Schüssel kniend. Früher stieg er für die 300 Meter zur Migros ins Auto, heute macht er fast täglich Sport – Laufen, Fitness, Velofahren. «Ohne Disziplin rutscht jeder Zehnte trotz Magenverkleinerung wieder ins Übergewicht.»

Vor der Operation gibt’s mehrere Checks

In der Schweiz ist jeder Zehnte adipös, besitzt also einen Body-Mass-Index von 30 und mehr (siehe Kasten). Per Definition übergewichtig mit einem BMI über 25 ist fast jeder Dritte, wie die aktuellsten Statistikzahlen von 2012 belegen. Für eine Operation am Adipositaszentrum kommen Personen mit einem BMI von über 35 in Frage. Dem Eingriff gehen mehrere Arzttermine voraus: Untersuchung mit Magensonde, Herz-Check, Atemtest – auch das seelische Befinden wird geprüft. Nur wer psychisch stabil ist, wird operiert (siehe Nachgefragt).

Die Anzahl Magenverkleinerungen steigt rasant: Im ersten Jahr 2003 waren es 21, 2016 mehr als das 15-Fache davon (siehe Grafik). «Aufgrund der Erfolge ist der Eingriff bei Patienten wie auch bei Berufskollegen zunehmend anerkannt», sagt Martin Sykora, Leiter des Adipositaszentrums. «Viele Kollegen mussten zuerst Vorurteile abbauen und feststellen, dass es sich hierbei nicht um eine Schönheitsoperation handelt.» Dass andere Therapien bei schwerem Übergewicht kaum zielführend sind, haben auch die Experten des «Swiss Medical Board» erkannt, das das Bundesamt für Gesundheit berät: Aufgrund internationaler Empfehlungen spricht es sich bei Begleiterkrankungen wie Diabetes nun bereits ab einem BMI von 30 für eine Operation aus. Sykora: «Dies wird eine deutliche Zunahme der Eingriffe zur Folge haben.»

Hodzic, kahl rasiert, markante Brille, Hemdsärmel hochgekrempelt, sitzt auf der schwarzen Ledercouch im Reihenhaus und zündet sich eine Zigarette an. «In meinen Jahren als Plattenleger, in steter Bewegung, war Übergewicht kein Thema», erzählt er. Das Problem begann, als sich Hodzic zum Konstrukteur weiterbilden liess und ins Büro wechselte. «Trotz Diäten brachte ich jedes Jahr zwei Kilo mehr auf die Waage.» Der klassische Jojo-Effekt. Während sein Bruder die Gene des Vaters geerbt hatte und nach Lust und Laune schlemmen konnte, kam Riad Hodzic nach seiner Mutter – und legte Pfund um Pfund zu.

Dass der Faktor Erbgut eine entscheidende Rolle spielt, bestätigt Martin Sykora: «Unser Körpergewicht hängt zu rund 80 Prozent von den Genen ab und ist nur zu 20 Prozent beeinflussbar.» Aufgrund einer hormonellen Störung bleibe das Sättigungsgefühl aus. «Übergewichtige kämpfen über Jahre gegen Vorur­teile und den Vorwurf, die überzähligen Kilos seien selbstverschuldet. Dabei ist starkes Übergewicht eine Krankheit.»

Schlaffe Haut statt eingelagerten Fetts

Von blöden Sprüchen blieb Hodzic verschont. Wohl auch, weil er sich nicht über seinen Körper definiert. Am Bauch und den Oberarmen, wo sich das Fett eingelagert hatte, hängt nun schlaffe Haut. «Ich könnte sie mir entfernen lassen, doch das stört mich nicht.» Auch früher hatte er sich ob seines Gewichts nie geschämt. «Ich ging gern in die Badi.»

Gleichwohl wurde sein Gewicht zum Problem: Von einem früheren Motorradunfall hatte er Beschwerden im einen Knie. Nun schmerzte auch das andere. «Alle paar Monate hatte ich einen Hexenschuss, brauchte Tabletten gegen erhöhte Cholesterinwerte, hatte Atemaussetzer im Schlaf.» Den Entschluss, sich im Adipositaszentrum beraten zu lassen, fasste er, als er eines Tages einen Kollegen fast nicht wiederkannt hätte. Dank Magenverkleinerung wog dieser noch 80 statt 160 Kilo. «Und all seine früheren Beschwerden waren wie weggeblasen.»

Die Veränderung auf der Waage sei «ein schöner Nebeneffekt», sagt der Leitende Arzt Jörn-Markus Gass. «Uns geht es in erster Linie um die Begleiterkrankungen. Mit Gewichtsverlust können wir den Bluthochdruck behandeln, bei Diabeteskranken den Insulinbedarf drosseln oder bei Frauen und Männern die Fruchtbarkeit erhöhen.» Mittels Magenverkleinerungen liessen sich Langzeitkranke verhindern, was sich auch wirtschaftlich lohne. Denn Übergewicht und Adipositas verursachen schweizweit Kosten von über 8 Milliarden Franken – pro Jahr.

Riad Hodzic wird nun während fünf Jahren betreut, gerade war er wieder bei der Ernährungsberaterin. «Mein Frühstück findet sie noch nicht ganz optimal», sagt er. «Doch ein grosser Zmorge-Esser war ich nie.» Und noch etwas hat Hodzic aus seiner Zeit vor der OP beibehalten: einen Ledergürtel, sein Markenzeichen. Allerdings kamen einige Zentimeter Leder weg – und neue Gurtlöcher dazu.

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