Luzern
18.06.2017 05:00

Wenn Liebe in Hass ausartet

  • Im Bild die Botschaften, die der Beschuldigte und die Klägerin einander nach der Tat geschickt haben. (Nachgestellte Szene)
    Im Bild die Botschaften, die der Beschuldigte und die Klägerin einander nach der Tat geschickt haben. (Nachgestellte Szene) | Lena Berger, Luzerner Zeitung / Luzern, 17.6.2017
LUZERN ⋅ Bei einer Vergewaltigung gibt es kaum je Zeugen. Ein aktueller Fall zeigt auf, vor welchen schwierigen Entscheidungen die Richter in solchen Situationen stehen. Ist der Vorwurf eine Rache am Ex? Oder war die Tat die Strafe des eifersüchtigen Liebhabers?

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

Keine Zeugen, kaum forensische Spuren – eine Vergewaltigung zu beweisen ist schwierig. Im Zweifel werden die Beschuldigten freigesprochen, so will es das Gesetz. Das kommt oft vor: Ein Luzerner Staatsanwalt schätzt, dass zwei Drittel der Fälle ohne Schuldspruch enden. In acht Prozent der Fälle stelle sich heraus, dass die Vorwürfe erfunden waren.

So viel zu den Zahlen. Wie schwierig die Entscheidungsfindung in der Praxis ist, hat jüngst eine Verhandlung vor dem Kriminalgericht gezeigt. Eine Frau beschuldigt ihren Ex, sie vergewaltigt zu haben, weil sie sich von ihm getrennt hatte und nicht mit ihm schlafen wollte. Er wiederum behauptet, sie habe die Sache erfunden, weil er sie betrog und am Valentinstag 2014 versetzt hatte.

Es handelt sich um eine klassische Aussage-gegen-Aussage-Situation. Abgesehen von einigen blauen Flecken wurden keine Verletzungen festgestellt. Der Mann stritt über ein Jahr lang ab, dass er an dem besagten Tag überhaupt in der Wohnung seiner Exfreundin war. Als schliesslich Spermaspuren das Gegenteil bewiesen, behauptete er, der Sex sei einvernehmlich gewesen. Das schmälert seine Glaubwürdigkeit.

Sie wiederum schrieb ihm nach dem Vorfall wütende Nachrichten und machte ihm zum Vorwurf, dass er nicht mit ihr Essen gegangen sei. Warum wollte sie von ihrem angeblichen Vergewaltiger ausgeführt werden? Das ist seltsam. Die Verteidigerin des Mannes ist überzeugt, dass die Frau hoffte, er würde sich dafür entschuldigen, dass er sie nach dem Sex in ihrer Wohnung sitzen liess. Sie habe mit der Anzeige gedroht, um ihn zu zwingen, zu ihr zurückzukehren.

Nicht alle Spermaspuren wurden ausgewertet

Das Gericht stellte bei der Beurteilung des Falls auf die Aussagen der beiden ab – und auf die Nachrichten, die sie an dem Tag verschickt haben. «Dabei kamen wir zum Schluss, dass vieles für die Version der Klägerin spricht. Aber es spricht auch sehr viel für die Version des Beschuldigten», sagte der Richter, als er das Urteil öffentlich verkündete. Und diese Punkte seien so zahlreich gewesen, dass man Zweifel an der Darstellung der Klägerin bekommen habe. Deshalb habe man von der Sachlage ausgehen müssen, die für den Beschuldigten günstiger ist. Die Rechtswissenschaft spricht von «in Dubio pro Reo».

Das Gericht geht also eher davon aus, dass die Liebe der Frau zu ihrem Exfreund in Hass umgeschlagen hat, und sie ihn deshalb beschuldigte. Das Urteil kann weitergezogen werden. Eine Sache spricht dafür, dass die Staatsanwaltschaft dies tun wird: Es wurden nämlich auch im Bett der Frau Spermaspuren gefunden. Dies, obwohl der Mann behauptet hatte, man habe nur auf dem Sofa Sex gehabt. Nur: Die Spuren wurden aus Kostengründen bislang nicht ausgewertet. Der Staatsanwalt sagte in der Verhandlung, man könne das wenn nötig nachholen. «Die DNA-Spur würde – bei positivem Ergebnis – keinen direkten Beweis liefern, aber ein Glaubwürdigkeitsindiz bilden», führt er auf Nachfrage aus. Man warte nun das begründete Urteil ab und werde allenfalls im Berufungsverfahren darauf zurückkommen.

Sie hoffte, dass er sich ändert

Sicht der Klägerin Es ist Anfang 2013, als sie ihn in Luzern kennen lernt. Er ist ein Landsmann, ein Portugiese, drei Jahre jünger als sie. Nur ein paar Wochen vergehen, da wird aus Freundschaft Liebe. Sie kann gar nicht genug von ihm bekommen. Sie will ihn am liebsten immer um sich haben. Also zieht er bei ihr ein.

Doch das Glück währt nicht lange. Nach wenigen Monaten findet sie heraus, dass der Mann, den sie liebt, eine Affäre hat. Sie ist tief verletzt und wirft ihn aus der Wohnung. Doch es gelingt ihr nicht, ihn auch aus ihrem Herzen zu werfen. Die beiden treffen sich ab und zu, schreiben sich häufig Nachrichten. Er sehnt sich nach Nähe, mehrmals fordert er sie auf, wieder mit ihm zu schlafen. Schliesslich verabredet man sich Anfang 2014 zum Tanz. Er zieht sie an sich, da ist noch immer eine sexuelle Spannung zwischen den beiden. Sie hat zwar noch Gefühle für ihn, aber die Enttäuschung über seine Untreue steckt zu tief. Sie hat Angst, erneut enttäuscht zu werden, und lehnt es ab, mit ihm zu schlafen.

Bei ihm jedoch scheint die Begegnung das Blut in Wallung gebracht zu haben. Immer wieder schreibt er ihr, dass er mit ihr schlafen wolle. Sie aber will nicht. Schliesslich kommt es Anfang Februar zu einem Treffen. Die beiden setzen sich in einen Kebabstand und reden lange. Über ihre Beziehung, was geschehen ist, über so vieles. Sie schöpft wieder Hoffnung, dass er sich ändern wird. Sie verabreden sich für den Valentinstag. Sie hofft auf ein gemeinsames Essen und eine Versöhnung.

Doch am Tag der Liebe taucht der Mann nicht auf. Da wird ihr klar, wie naiv es war, zu glauben, dass er sich ändern würde. Sie ist wütend, schwört sich, nie wieder auf ihn reinzufallen, nie mehr mit ihm zu schlafen. Wenige Tage später meldet er sich wieder und will sie besuchen kommen. Sie willigt ein, will ihm eine Chance geben, sich zu erklären.

Doch es kommt anders. Als er eintrifft, überfällt er sie gleich an der Türe. Er stösst gegen ihr verletztes Knie, packt sie an den Haaren und zerrt sie ins Schlafzimmer. Sie verdiene es, schlecht behandelt zu werden. «Wenn du mir nicht gehörst, gehörst du niemandem», sagt er. Er hält sie fest, zieht sie aus und vergewaltigt sie. Sie zieht sich danach ins Bad zurück, doch er packt sie erneut und zwingt sie auch noch auf dem Sofa zum Geschlechtsverkehr. Danach verlässt er die Wohnung.

Sie nimmt Medikamente zur Beruhigung, schreibt ihm wütende Nachrichten und geht schliesslich ins Spital, um sich untersuchen zu lassen. Dieses verständigt die Polizei. (ber)

Er wollte nur Sex von ihr

Sicht des Beschuldigten Er kommt in die Schweiz, weil er in Portugal keine Arbeit mehr findet. Der Tapetenwechsel kommt ihm gelegen. Er hat gerade eine Scheidung hinter sich, jetzt arbeitet er hier auf dem Bau und hat vorerst genug von komplizierten Beziehungen.

Da lernt er sie kennen und zieht bei ihr ein. Er hat sie gern, doch an einer festen Beziehung ist er nicht interessiert. Er schläft mit anderen Frauen, für ihn ist die Sache nicht verbindlich. Irgendwann kommt sie aber dahinter, also sucht er sich eine eigene Wohnung.

An Sex mit ihr ist er weiter interessiert, aber mehr will er nicht. Sie treffen sich hin und wieder, so auch an jenem Sonntag im Februar 2014. Der Tag läuft ab wie immer, so hat er es in Erinnerung. Zuvor geht er mit Freunden Mittagessen, danach in eine Kontaktbar. Irgendwann am Nachmittag fährt er schliesslich zu ihr. Er bringt ihr Zigaretten mit, sie raucht, schliesslich kommt es auf dem Sofa zum Sex. Danach plaudern die beiden noch ein bisschen und sie fragt, ob man zusammen essen gehen wolle – schliesslich habe er sie am Valentinstag versetzt. Kann man machen, denkt er sich, und sagt zu.

Da klingelt plötzlich sein Handy. Ein Freund braucht Hilfe. Er wohnt in einer Pension im Tessin, und der Vermieter hat ihn angerufen und gedroht sein ganzes Hab und Gut rauszuschmeissen. Also beschliesst er, mit dem Freund ins Tessin zu fahren um die Sachen abzuholen.

Diesen Entscheid nimmt sie nicht gut auf. Sie wirft ihm vor, dass er nur gekommen sei, um Sex zu haben. Er aber hat keine Zeit für Streit, er muss los. An der Tür will er ihr einen Kuss geben, doch sie wendet das Gesicht ab.

Auf der Fahrt ins Tessin piept sein Handy unentwegt. Er fährt, also kann er die Nachrichten erst lesen, als er die Pension erreicht. Sie beleidigt ihn als Behinderten, als Mann, der sie nicht befriedigen kann. Die Nachrichten werden immer heftiger. Schliesslich schreibt sie, dass sie ins Spital gehen werde. Dass sie ihn wegen Vergewaltigung anzeigen werde. Dass er seine Ferien im Gefängnis verbringen werde. «Bist du krank?», schreibt er ihr zurück.

Doch dass sie ihre Drohung wirklich wahr macht, glaubt er nicht. Sie wird sich schon wieder beruhigen, denkt er sich. Selbst als sie ihm ein Selfie aus dem Spital schickt, glaubt er nicht daran, dass sie wirklich so weit gehen würde, ihn aus Rache für ein verpatztes Date anzuzeigen. Und tatsächlich bleibt es in den folgenden Tagen vorerst ruhig. Bis er schliesslich Mitte März verhaftet wird. (ber)

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