Nidwalden
15.04.2017 05:00

Die Barockshow ist schon fast vergessen

  • Josef Schmidiger mit dem Modell des Hergiswiler Heiliggrabes.
    Josef Schmidiger mit dem Modell des Hergiswiler Heiliggrabes. | Bild: Corinne Glanzmann (Hergiswil, 12. April 2017)
OB-/NIDWALDEN ⋅ Die Passion Christi wurde bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts an Ostern in sakralen Inszenierungen den Gläubigen vor Augen geführt. Dabei kamen in den Kirchen aufwendige Heiliggrab-Kulissen zum Einsatz. Heute ist davon nur noch wenig übrig.

Philipp Unterschütz

philipp.unterschuetz@nidwaldnerzeitung.ch

Mithilfe einer dramatischen Ausgestaltung sollte das Ostergeschehen dem Kirchenvolk nicht nur vor Augen geführt werden –die Gläubigen sollten das Leiden Christi nachempfinden können (siehe Kasten). Vor diesem Hintergrund entstanden ab dem 17. Jahrhundert für die Szenen der Grablegung und der Auferstehung die Heiligen Gräber, die ­jeweils nur für die Ostertage vorübergehend in den Kirchen aufgebaut wurden. Sie setzten sich aus Bildtafeln, Leinwänden, Scheinarchitekturen zusammen und liessen sich teilweise gar bewegen, verwandeln und mit figürlichen Szenen kombinieren. Der 86-jährige ehemalige Kernser Pfarrer und Dekan von Obwalden, Karl Imfeld, der auch Mundartforscher, Volkskundler, Schriftsteller und Hörspielautor ist, hat den Brauch noch selber miterlebt und auch in seinem Buch «Volksbräuche und Volkskultur in Obwalden» beschrieben.

«Jeweils am Hohen Donnerstag wurde das Heiliggrab vor dem Altar in den Kirchen aufgebaut. Das waren viele Teile, und es brauchte dafür etliche Helfer», erzählt Karl Imfeld. «In Sarnen half beispielsweise der Gesellenverein und in Kerns der Arbeiterverein. Wenn am Abend alles fertig war, gab es beim Sigrist noch ein Zabig und zum Trinken Most mit etwas Rotwein drin.» Es seien gewaltige Kulissen gewesen, die den ganzen Chor ausfüllten und teilweise sogar begehbar ­gewesen seien.

Eine bildliche Darstellung der Auferstehung

Am Karfreitag fand vor dem Heiliggrab der Gottesdienst statt. «Hinter den Kulissen wurde an einem Seil gezogen, worauf der tote Heiland auf einer Liege vor dem Grab erschien», erzählt Karl Imfeld weiter. Der Hauptakt sei dann aber am Samstagabend gewesen. «Christus ist auferstanden», rief der Pfarrer im Gottesdienst, und in diesem Moment habe man den Heiland mit der Vorrichtung wieder von der Bank verschwinden lassen. «Dahinter wurden zwei Tafeln, die auf Schienen beweglich waren, auseinandergezogen, und es erschien ein beleuchtetes Bild mit dem auferstandenen Jesus.» Das sei der grosse Moment gewesen, die Orgel sei gespielt worden, was die Pfeifen hergaben, dazu noch Trompetenbegleitung – «eine Mordsmusik», sagt Karl Imfeld. «Die Kirche war immer bis auf den letzten Platz mit Familien mit Kindern besetzt.» In anderen Gemeinden wie beispielsweise in Stans wurde eine Figur des Heilands in die Höhe gezogen. Praktisch alle Obwaldner und Nidwaldner Kirchen benutzten spätestens ab der Zeit um etwa 1900 entsprechende Kulissen.

Das Ende für die Heiliggräber kam 1960 mit der kirchlichen Karwochenreform. «Anfänglich war das schon ein Verlust», sagt Imfeld. «Die Liturgie war damals nur in Latein. Viele Leute langweilten sich, weil sie nichts mehr verstanden, und blieben der Kirche fern.» Besser geworden sei es erst wieder ab 1966, als die Liturgie auf Deutsch möglich geworden sei. «Persönlich habe ich das ‹heilige Theater› nicht vermisst. Es war ja auch nicht der Sinn des Gottesdienstes.» Weil sie nicht mehr gebraucht wurden, verschwanden die Kulissen allerorten in Lagern – ein Grossteil wurde später irgendwann vernichtet. Das sei künstlerisch gesehen kein allzu grosser Verlust. «Die Bilder in Obwalden waren nicht wirk­liche Kunstwerke, sie waren süss und kitschig», findet Karl Imfeld.

Die Stanser Historikerin ­Brigitt Flüeler sieht es so: «Aus kulturhistorischer Sicht ist das Verschwinden der Kulissen und Bilder der Heiliggräber schon ein Verlust. Damit ist ein Zeugnis der Volksreligiosität unwiederbringlich verschwunden.»

In Hergiswil gibt es noch ein einzigartiges Modell

Die meisten der Bilder stammten von Louis Niederberger aus Kerns, einem Schüler von Melchior von Deschwanden aus Stans, der wiederum die meisten Heiliggräber in Nidwalden schuf. Überlebt haben höchstens einzelne Teile – oft der auferstandene Jesus –, die noch in vielen Kirchen am Karsamstag aufgehängt werden. So auch in Hergiswil, wo laut Kirchensigrist Ernst Schmidiger das Bild des auferstandenen Jesus ständig im Kirchenzentrum hängt und das Heiliggrab-Bild jeweils am Karfreitagnachmittag bis am Samstagmorgen in der Kirche aufgestellt wird. Und in Hergiswil gibt es auch ein seltenes Modell eines Heiliggrabes. Es wurde wohl in den 1930er-Jahren vom damaligen Kirchmeier Anton Schmidiger aufgrund des Originals, das 1954 letztmals in der Kirche aufgebaut worden ist, nachgebaut. Gehütet wird es bis heute von seinem Sohn Josef Schmidiger (67). «Das ist für mich ein wichtiges Erbstück», sagt er. «Früher im Elternhaus haben wir das Heiliggrab immer an Ostern hervorgeholt. Es bedeutet mir viel.» Gezeigt wurde das Modell, das wie das Original bewegliche Teile hat und für die Beleuchtung einen speziellen Transformer braucht, auch schon an Ausstellungen in der Hergiswiler Pfarrkirche.

Es gibt vereinzelte Orte, wo der Brauch wieder gepflegt wird und alte Heiliggräber zu sehen sind. So im Stift St. Michael in Beromünster, in Appenzell oder im St. Galler Rheintal in Kobelwald.

www. Weitere Bilder unter: nidwaldnerzeitung.ch/bilder

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