Nidwalden
15.04.2017 08:16

Ich meinti

Eine Alternative zur Alternative

  • Christian Hug, Journalist aus Stans.
    Christian Hug, Journalist aus Stans.

Es gibt eine goldene Regel für Autoren von Kolumnen wie dieser: Wenn du Ärger vermeiden willst, dann schreibe niemals über Hunde, Geld oder Gott. Nun ja. Einen Hund habe ich nicht und Geld auch keines, da kann ich nichts dazu sagen und mir also gar keinen Ärger einhandeln. Aber ich denke hin und wieder über Gott nach. Und weil wir jetzt Ostern haben und dieses Ereignis immerhin das allerhöchste Highlight der Christenheit ist, riskiere ich heute ein bisschen Ärger und denke laut über Gott nach. Beziehungsweise über seine Anhänger oder seine Gemeinschaft oder seine Schäfchen oder wie man den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des christlichen Kulturkreises sagt. Weil die ja in Massen der Kirche abschwören und ihre Mitgliedschaft aufkünden, weil sie immer und überall Indoktrination und, ganz schlimm, das Verkünden einer christlichen Kultur befürchten. Das kann man ja tun oder lassen, das steht jeder und jedem frei.

Was ich dann aber bedenklich finde, ist, was die Ex-Mitglieder tun, wenn sie Ex-Mitglieder sind. Manche suchen sich einen Yoga-Yogi und konzentrieren sich fortan vor allem um ihre eingerosteten Gelenke. Andere werden sogar gluten- und allergenfreie Veganer und reden über nichts anderes als sich selbst, ihre Ernährung und die Wunderkraft der Goji-Beere. Wieder andere malen Mandalas in Kindermalbüchern. Und am Ende werden dann alle irgendwie esoterisch mit Klangschalen und Feng-Shui und Reinkarnationstherapie und so.

Aber mittlerweile ist sogar die Esoterik verpönt: Weil wir das Glück immer und sofort wollen, gibts nach der 5-Minuten-Schönheitscrème und der Schmerzfrei-in-5-Minuten-Pille neuerdings auch die 5-Minuten-Powermeditation. Also 5 Minuten bequem aufs Sofa sitzen, tief durchatmen, an nichts denken und zack – schon hat man sein wahres Ich ge­funden. Neulich hab ich das in einem Heft gelesen. Da hat dann die Chefredaktorin höchstpersönlich geschrieben: «Diese Meditation funktioniert ganz ohne Esoterik.»

Damit hat sie natürlich den Vogel abgeschossen. Weil, das Wort «Esoterik» kommt aus dem Griechischen und heisst so viel wie «den Blick nach innen richten». Meditation ist also die vollendete Esoterik. Und überhaupt: Gläubige in anderen Kulturkreisen üben sich ihr Leben lang in Meditation – und wir Ungläubigen sollen das in 5 Minuten hinkriegen? Das ist lächerlich.

Aber man soll nicht lamentieren, wenn man nicht schon eine Lösung parat hat. Ich hab da tatsächlich einen Vorschlag: Neulich hat mir ein Kollege erzählt, dass er sonntags und auch sonst mal unter der Woche gerne zu einem Helgenstöckli spaziert, dort stehen bleibt und ein Zwiegespräch mit Gott hält. Also, er hat nicht direkt «Gott» gesagt, sondern «eine höhere Macht», aber das ist ja am Ende dasselbe. Und falls Sie das nicht wissen: Helgenstöckli sind kleine religiöse Denkmäler, die bei uns überall an Wegen und in Wiesen rumstehen. Bei einem Helgenstöckli sind Sie frei von kirchlichem Pomp und päpstlichen Doktrinen.

Mein Kollege geht also zu einem Helgenstöckli, hält ganz ohne Zeitdruck inne, führt Zwiegespräch mit einer höheren Macht, wird beschaulich, man könnte sagen: meditativ, und wenn er sich ausdiskutiert und ausgewogen fühlt, spaziert er wieder heim.

Mit gefällt das. Sehr sogar. Es ist die bessere Alternative als Veganismus und 5-Minuten-Powermeditation. Und es bringt uns wieder näher an das, was Religiosität seit Zehntausenden von Jahren ist: ein Zwiegespräch mit etwas, das grösser ist als wir. Und das irgendwie hilft. Ich wünsche Ihnen frohe Ostern.

Christian Hug

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch









Christian Hug, Journalist aus Stans, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen






Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

Meist gelesene Artikel

Vier der 56 reichsten Zentralschweizer (im Uhrzeigersinn): Sergio Marchionne (Ferrari und Fiat; oben links), Ex-Novartis-CEO Daniel Vasella, Klaus-Michael Kühne (Kühne + Nagel), Hans-Peter Strebel (EVZ). (© Bilder (Keystone, Reger Grütter, Keystone, Dominik Wunderli))
RANKING

Das sind die reichsten Zentralschweizer

Am Samstag erreicht die Schweiz eine Kaltfront, die Schnee mit sich bringt. (© Symbolbild: Luzerner Zeitung)
WETTER

Schneeflocken fallen bis auf 700 Meter

Das bunte Strassenbild vor dem Luzerner Theater (© Bild: Pius Amrein (Luzern, 8. September 2017))
STADT LUZERN

Strassenbild: Theater reagiert auf Rutschgefahr

Es hat auch den Anhänger erwischt. (© Bild: PD)
LUZERN

In Aesch kommt ein Lastwagen ins Schlingern und kippt auf die Seite

Designentwurf für den Bombardier Fernverkehr-Doppelstockzug (© Keystone)
BAHN

Bombardier-Doppelstöcker erneut mangelhaft

Ein strahlender Simon Ammann (Archivaufnahme) (© KEYSTONE/PETER KLAUNZER)
SKISPRINGEN

Ammann jubelt

Das neue Asylzentrum wurde am Freitagnachmittag feierlich eröffnet. (© Bild: Nadia Schärli (Kriens, 24. November 2017))
ASYL

Neues Zuhause für Minderjährige

BAAR

Eltern beklagen sich über Religionslehrer

Obszöne Gesten und Arbeitsverweigerung: Manche Schüler sind in der Regelschule untragbar. (© Symbolbild: Getty)
STÖREFRIEDE

Robin und 150 andere Schüler machen Lehrern das Leben schwer

Ein Junglenker verursachte in Ennetmoos einen Selbstunfall – blieb jedoch unverletzt. (Symbolbild) (© Symbolbild: Adrian Venetz)
AMSTEG/SILENEN

Autofahrer erfasst 11-jährigen Knaben auf Fussgängerstreifen

Zur klassischen Ansicht wechseln