Nidwalden
18.04.2017 05:00

Rekordflieger Philipp Steinger: «Ich versetze gerne Grenzen und Berge»

  • Himmlisch: Diesen Ausblick genoss Philipp Steinger auf seinem Rekordflug.
    Himmlisch: Diesen Ausblick genoss Philipp Steinger auf seinem Rekordflug. | Bild: PD
  • «Dabei bin ich ganz im Einklang mit der Natur.» Philipp Steinger, Gleitschirmflieger
    «Dabei bin ich ganz im Einklang mit der Natur.» Philipp Steinger, Gleitschirmflieger
HERGISWIL ⋅ Mit dem Gleitschirm flog Philipp Steinger ohne Zwischenlandung vom Pilatus bis ins Wallis – und anschliessend über den Grimselpass wieder zurück. Mit der Distanz von 237 Kilometern gilt der Flug als Rekord.

Matthias Piazza

matthias.piazza@nidwaldnerzeitung.ch

Sonnig und schwache Winde für Sonntag: Als Philipp Steinger am Samstagabend den Wetterbericht studierte, stand sein Entschluss fest. Seinem aussergewöhnlichen Gleitschirmflug sollte nichts mehr im Wege stehen. Und so packte der Hergiswiler seine Ausrüstung, begab sich auf den Pilatusgipfel und hob am 9. April um 10 Uhr ab.

Die ersten 30 Kilometer in Richtung Marbachegg, Schrattenfluh verliefen seinen Vorstellungen entsprechend. «Dann verlor ich viel Zeit.» Nach einer unglücklichen 45-minütigen Extrarunde bei der Marbachegg ging es schliesslich wieder weiter. Via Niederhorn–Niesen–Lenk flog er über den Sanetschpass ins Wallis. Aufgrund der «Verspätung» musste er aufholen, mit hoher Durchschnittsgeschwindigkeit und effizientem Flugstil flog er im Wallis das Tal hinauf – in jene Richtung, wo er das zweite Mal wendete. In Fiesch trugen ihn die Aufwinde bis auf 4000 Meter hoch. Doch die richtig grosse Herausforderung sollte auf ihn auf dem Weg Richtung Haslital warten. «Ich kämpfte mit starkem Gegenwind. Damit hatte ich nicht gerechnet, zumal nur schwache Winde vorausgesagt waren. Das war eine mühsame Angelegenheit.» Mühsam darum, weil auf «Rundreisen» starke Winde eher hinderlich statt förderlich sind, da bei Änderung der Flugrichtung aus dem Rückenwind plötzlich ein Gegenwind werden könnte. Gegen 19.15 Uhr, nach einer Flugzeit von über 9 Stunden, war es geschafft. Der 37-Jährige landete wohlbehalten mit seinem Gleitschirm bei der Talstation der Pilatus-Gondelbahn in Kriens. Hinter sich hatte er einen riskanten Flug. «Riskant insofern, als der Grimselpass zurzeit noch schneebedeckt ist und darum für den Strassenverkehr geschlossen ist. Hätte ich dort unplanmässig landen müssen, hätte mich wohl niemand abholen können.» Auch sei die Flugzeit im Frühling wegen der noch kurzen Tage begrenzt.

Doch das Wagnis hat sich gelohnt. In Kriens landete er mit der Gewissheit, dass er einen Rekord aufgestellt hatte. 237 Kilometer weit flog er, wie ihm das GPS-Gerät umgehend mitteilte. Das sei vor ihm noch niemandem mit Start und Ziel am Pilatus gelungen. Mindestens so wichtig wie die Distanz ist aber die Figur, die er flog. Die Flugroute Pilatus–Sanetschpass–Fiesch–Pilatus ergibt, durch das GPS nachgezeichnet, ein exaktes Dreieck, was in der Bewertung des «Worldwide Online Paragliding & Hang­gliding Contest» zusätzliche Punkte gibt. «Ein möglichst gleichschenkliges Dreieck so exakt zu fliegen, ist sehr anspruchsvoll – besonders auf dieser langen Distanz.» Ein schneller Flugstil sei gefragt, um keine unnötige Zeit bei der Thermiksuche zu ver­lieren.

«Versetze gerne Grenzen und Berge»

«Nebst perfekten Wetterbedingungen braucht es eine genaue Planung der Route», erwähnt er. Den Aufwand nehme er aber gerne auf sich. «Ich versetze gerne Grenzen und Berge», meint er zu seiner Motivation, Rekorde zu jagen. Im August 2015 flog er mit seinem Gleitschirm von Zermatt nach Flims und wieder zurück – fast 300 Kilometer. Der internationale Luftsportverband, die Fédération Aéronautique Internationale (FAI), anerkannte dafür den Weltrekord in der Kategorie «Free Out and Return».

Im Oktober 2013 knackte er in Brasilien den Schweizer Rekord im Weitflug. 405,9 Kilo­meter trug ihn der Wind über das brasilianische Flachland. 10 Stunden und 17 Minuten hing er in den Gurten seines Hochleistungsschirmes.

«Ich kann den ganzen Tag in der Luft laut- und motorlos ohne grosse technische Hilfsmittel gleiten und dabei riesige Distanzen zurücklegen. Dabei bin ich ganz im Einklang mit der Natur. Und am Abend kann ich mein Flugzeug bequem mit nach Hause nehmen», beschreibt Philipp Steinger, der als Rettungssanitäter beim Kantonsspital Nidwalden arbeitet, die Faszination seines Hobbys. Angespornt durch das Erfolgserlebnis vom vergangenen Sonntag, hat er bereits ein neues Ziel vor Augen. Diesen Juni will er ein Dreieck ebenfalls mit Startpunkt Pilatus fliegen, dessen Spitzen bis zum Genfersee und nach Saas Fee reichen. Wenn die meteorologischen Bedingungen stimmen und er keine Flugfehler macht, dürfte auch dieser Traum wahr werden.

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