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NIDWALDEN

Hund fügt anderem Hund tödlichen Biss zu

Mitten in einem Stanser Restaurant wurde der dreijährige Mischlingsrüde Bobby von einem anderen Hund totgebissen – dieser wartet nun in einem Tierheim auf sein Schicksal. Solch schlimme Vorfälle kommen äussert selten vor, sagt ein Experte.
09.10.2017 | 05:00

Adrian Venetz

adrian.venetz@nidwaldnerzeitung.ch

Der Schreck sitzt noch immer tief bei Aschi Aschwanden, wohnhaft in Büren und Wirt im Restaurant St. Jakob in Ennetmoos. Am 19. September kehrt er ins Restaurant Chalet beim Bahnhof Stans ein. Mit dabei hat er den 3-jährigen Hund seiner ­erwachsenen Tochter: Bobby, ein kleiner Bolonka-Malteser-Mischling.

In der Beiz sitzt zu diesem Zeitpunkt auch Alexandra Widmer aus Stansstad mit Thor, einem Staffordshire-Mischlingsrüden. Die beiden angeleinten Hunde bellen sich an. Dann gelingt es Thor, sich aus seinem Hundegeschirr zu befreien. Sofort fällt er den kleinen Hund an und beisst zu. «Ich habe auf seinen Kopf geschlagen, aber er liess Bobby nicht mehr los. Das war eine richtige Kampfmaschine», sagt Aschi Aschwanden. Als Thor Bobby endlich loslässt, fährt Aschwanden mit dem schwer verletzten Hund zum Tierarzt in Stans. Doch Bobby stirbt unterwegs.

Bevor Aschwanden zum Tierarzt fuhr, gab Alexandra Widmer ihm ihre Telefonnummer und Adresse. Aschwanden erstattete daraufhin Anzeige bei der Polizei. Auf Anfrage bestätigt Lorenz Muhmenthaler, Leiter der Nidwaldner Verkehrs- und Sicherheitspolizei, den Eingang einer Anzeige. Wegen des laufenden Verfahrens kann er keine weitere Auskunft geben.

Bei Hundebissen besteht eine Meldepflicht

Gemeldet wurde der tödliche Hundebiss – dies ist gesetzlich vorgeschrieben – auch dem Veterinärdienst des Laboratoriums der Urkantone (LdU). Marco Gut, stellvertretender Kantonstierarzt und Leiter der Fachstelle Tierschutz beim LdU, bestätigt den Eingang einer entsprechenden Meldung, kann sich aber wegen des laufenden Verfahrens nicht zu den Details äussern. Gut, der seit knapp drei Jahren in seinem Amt tätig ist, sagt: «Einen so gravierenden Fall, dass ein Hund gleich totgebissen wird, habe ich noch nie erlebt. Das kommt wirklich äusserst selten vor.»

Dass es zwischen Hunden hin und wieder harmlose Raufereien geben kann, weiss jeder Hundehalter. Sobald aber ein Mensch oder ein Tier ernsthaft verletzt wird, schaltet sich der Veterinärdienst ein. Gemäss Marco Gut wurden dem Veterinärdienst im vergangenen Jahr folgende Vorfälle aus den Kantonen Nidwalden, Obwalden, Uri und Schwyz gemeldet: 93-mal wurde ein Mensch von einem Hund gebissen, 63 Mal biss ein Hund einen anderen Hund. 17 Meldungen wurden gemacht, weil ein Hund übermässiges Aggressionsverhalten zeigte.

Teilweise «heikle und komplizierte Abklärungen»

Ohne auf den konkreten Fall in Stans einzugehen, hält Marco Gut fest, dass der Veterinärdienst bei beissenden oder aggressiven Hunden eine Abklärung fordert. Die betroffenen Parteien müssen beispielsweise einen Fragebogen ausfüllen. Bei gravierenden Fällen zieht der Veterinärdienst einen Verhaltensmediziner hinzu. Dann wird untersucht, wo das Problem liegt: Ist der Hund verhaltensgestört? Wie reagiert er auf Menschen und andere Hunde? Hat der Hundehalter seinen Hund überhaupt im Griff? «Das sind manchmal ziemlich heikle und komplizierte Abklärungen», sagt Marco Gut.

Nach diesen Abklärungen entscheidet der Veterinärdienst über erforderliche Massnahmen, beispielsweise einen strikten Leinenzwang oder das Tragen eines Maulkorbs. In besonders gravierenden Fällen kann der Veterinärdienst auch über sofortige Massnahmen verfügen und dem Hundehalter das Tier wegnehmen.

Grundsätzlich rät Marco Gut: Wer sich einen Hund zulege, solle das Tier nicht einfach anhand der Rasse oder des Aussehens auswählen. «Viel wichtiger ist die Frage: Passt dieser Hund zu mir und meiner Lebenssituation, und bin ich in der Lage, ihn artgerecht zu halten?» Leider treffe er – Marco Gut ist selbst Hundehalter – immer wieder auf Hunde, die unterfordert seien, oder entsprechend auf Halter, die überfordert seien.

Ob der Veterinärdienst den Staffordshire-Mischling Thor nach dem tödlichen Beissvorfall von seiner Besitzerin trennte, darf Marco Gut nicht sagen. Unsere Zeitung hat jedoch in Erfahrung gebracht, dass Thor tatsächlich beschlagnahmt wurde und nun vorderhand in einem Tierheim untergebracht ist.

Der Staffordshire-Terrier – und auch Mischlinge dieser Rasse – gehört in gewissen Kantonen zu den sogenannten Listenhunden. In Zürich und in Genf ist das Halten dieser Rasse verboten. In etwa der Hälfte der Kantone braucht es eine Spezialbewilligung. Ein bekannter Vertreter dieser Listenhunde, die im Volksmund oft als «Kampfhunde» bezeichnet werden, ist beispielsweise der Pitbull-Terrier. In Ob- und Nidwalden gibt es keine verbotenen Hunderassen.

Besitzerin: «Thor ist keine Bestie»

Alexandra Widmer schilderte unserer Zeitung den Vorfall aus ihrer Sicht, wollte letztlich aber nur folgende Aussage in der Zeitung haben: «Aus Pietätsgründen gegenüber der Familie von Bobby möchte ich nichts dazu sagen. Aber alle, die Thor kennen, wissen, dass er keine Bestie ist.»

Aschi Aschwanden wartet nun ab, was die Ermittlungen von Polizei und Veterinärdienst ergeben. Klar ist für ihn, dass ein Schadenersatz zu fordern sei. «Meine Tochter hat vor drei Jahren etwa 1000 Franken für Bobby bezahlt», sagt Aschwanden. «Er war ihr grosser Liebling, und sie leidet noch immer unter dem Verlust.»

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