Nidwalden
03.08.2017 05:00

Nidwalden baut die Achereggbrücke zur weiten Welt

  • Die erste Achereggbrücke von 1860 wurde für die Schiffe noch heraufgezogen.
    Die erste Achereggbrücke von 1860 wurde für die Schiffe noch heraufgezogen. | Bild: Fotosammlung Kloster Niederrickenbach
  • 1888 wurde die Drehbrücke eingeweiht (hier eine Aufnahme um 1908).
    1888 wurde die Drehbrücke eingeweiht (hier eine Aufnahme um 1908). | Bild: Fotosammlung Goetz, Staatsarchiv
SOMMERSERIE ⋅ Die Achereggbrücke zwischen Stansstad und Hergiswil spielt eine entscheidende Rolle in der Verkehrsgeschichte des Kantons. Doch bis Autos und Züge darüber fuhren, war es ein steiniger und weiter Weg.

Matthias Piazza

matthias.piazza@nidwaldnerzeitung.ch

Die Achereggbrücke ist ein Nadelöhr – und was für eines: Rund 40 000 Fahrzeuge auf der Autobahn A2 und etwa 6700 Fahrzeuge auf der Kantonsstrasse fahren täglich über die 200 Meter lange Brücke. Auf dem Gleis der Zentralbahn fahren bis zu acht Züge pro Stunde Richtung Luzern und in die Gegenrichtung nach Stans beziehungsweise Wolfenschiessen. Die Brücke verbindet an der schmalsten Seeenge den Kanton Nidwalden mit Luzern und damit mit der übrigen Schweiz. Wer in Stans in den Zug steigt, kommt nur eine Viertelstunde später in Luzern an. Etwa gleich lang hat man mit dem Auto.

Das war nicht immer so. Die Acheregg war bis ins 19. Jahrhundert ein schier unüberwindbares Hindernis auf dem Weg von Luzern nach Stans. Erreichbar waren Nidwalden und Engelberg von Norden her nur über den See. Waren und Personen reisten über den Seeweg nach Luzern. Stansstad war der wichtigste Umschlagplatz für den Handel und den Personenverkehr. Davon zeugt auch die Sust: Sie war ein Lagergebäude für den Güterverkehr. Der Schnitzturm diente als Kontrollstation für den Handel. Von hier aus wurde im Mittelalter und der Frühneuzeit übrigens auch die Brünigroute überwacht, die dem Lopper entlang führte. Der Seeweg war nicht nur umständlich, sondern auch teuer. Mitte des 19. Jahrhunderts betrug das Fährgeld für eine Überfahrt von Stansstad nach Winkel bei Horw vier Batzen – zwei- bis dreimal so viel, wie ein Pfund Kalbfleisch damals kostete. Während langer Zeit im 19. Jahrhundert war vermutlich nur einmal wöchentlich, jeweils am Dienstag, ein Schiff nach Luzern gefahren, wie es in der Publikation «Historische Verkehrswege im Kanton Nidwalden» heisst.

Forderungen nach einer Landverbindung kamen auf. Befeuert wurde die Idee, entlang des Loppers eine Strasse von Hergiswil bis Alpnach zu bauen, von der Obwaldner Regierung in den 1850er-Jahren. «Die Nidwaldner Regierung stand dem Vorhaben zunächst ablehnend gegenüber, weil Nidwalden mit der vorgeschlagenen Linienführung umfahren würde. Die Regierung favorisierte eine Strasse über Stansstad–Stans–Kerns, scheiterte jedoch mit diesem Vorschlag», erzählt der Nidwaldner Staatsarchivar Emil Weber. «Man wollte den Obwaldnern nicht nachstehen und entschloss sich schliesslich doch, am Lopper einen ‹Abzweiger› nach Stansstad zu bauen – die Achereggbrücke eben.»

Zugbrücke wegen der Dampfschiffe

1860 war es so weit: Nach knapp einjähriger Bauzeit konnte die erste Achereggbrücke der Neuzeit eröffnet werden. Es war eine Zugbrücke, damit die Dampfschiffe, die in den 1830er-Jahren aufkamen, in den Alpnachersee fahren konnten. 48 000 Franken kostete das Bauwerk. «Das war für die damalige Zeit ein schöner Betrag, auch wenn sich der Bund daran beteiligt hat», sagt Emil Weber. Teuer war nicht die Brücke selber, sondern der Bau des Anfahrtsweges auf der Stansstader Seite, der in Form eines Dammes über das Riedland gebaut werden musste. Der Landrat wurde kreativ bei der Finanzierung. Er beschloss, über die Brücke eingeführte Getränke zu besteuern. Die Brücke selbst bestand aus drei festen und einem beweglichen, 14 Meter langen Teilstück, das von Hand bedient wurde, wenn ein Schiff die Seeenge passieren wollte.

Als 1882 die Gotthardbahn ihren Betrieb aufnahm, war der Anschluss Nidwaldens an das Eisenbahnnetz der übrigen Schweiz noch in weiter Ferne. «Nidwalden war um diese Zeit noch sehr von der Landwirtschaft geprägt. Und die war auf solche Verbindungen nicht angewiesen. Es gab nur vereinzelt Industrie», erklärt sich Emil Weber die gemächliche Entwicklung. Doch es bewegte sich doch etwas. Der Schiffsverkehr auf dem Vierwaldstättersee nahm in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark zu, die Schiffe wurden immer breiter. Die Aufzugsbrücke wurde zu einer Drehbrücke umgebaut – mit einem drehbaren Teil von 18 Metern Länge – und 1888 in Betrieb genommen. Allerdings musste sie bereits vor dem Ersten Weltkrieg renoviert werden, weil die Fundamente und Brückenpfeiler, die noch von der ersten Brücke von 1860 herstammten, in bedenklichem Zustand waren. Die 1914 wiedereröffnete Drehbrücke hatte nur noch drei Pfeiler, und der schwenkbare Teil wurde auf 22 Meter verlängert.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs läutete eine neue Ära in der Nidwaldner Verkehrsgeschichte ein, wie im Werk «Geschichte des Kantons Nidwalden» zu lesen ist. Aufbruchstimmung herrschte – auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Industrie siedelte sich an, neue Wohnsiedlungen entstanden. Der 1935 in Buochs errichtete Militärflugplatz und die 1939 gegründeten privaten Pilatus-Flugzeugwerke lösten eine beträchtliche Zuwanderung aus und wurden zu den grössten Arbeitgebern im Kanton. Neben diesen Industriebereichen war es – wie überall – der Dienstleistungssektor, der am stärksten wuchs. Die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft sank von 38 Prozent im Jahr 1900 auf lediglich noch 4 Prozent im Jahr 2000. Die Bevölkerungszahl verdoppelte sich zwischen 1930 und 1980 auf rund 28 600 Einwohner.

Verkehrsinfrastruktur kam an den Anschlag

Die Nidwaldner Verkehrsinfrastruktur war dafür nicht gerüstet. «Die Kapazität der Strassen vermochte das steigende Verkehrsaufkommen nicht mehr zu bewältigen. Die Stansstad-Engelberg-Bahn war technisch veraltet, den touristischen Spitzenfrequenzen nicht mehr gewachsen und dem Konkurs nahe», heisst es im Geschichtsband weiter. Vor allem aber endete die Bahn in Stansstad und bot keinen Anschluss ans SBB-Netz. «Wer nach Luzern wollte, musste in Stansstad aufs Schiff umsteigen. Mein Vater, der in Luzern eine Lehre als Fotograf machte, pendelte täglich so», erinnert sich Emil Weber.

Nidwalden brauchte den Anschluss an die Welt über den Landweg. Die Frage war nur: Bahn oder Strasse? «Es waren epische Diskussionen. Die Verlängerung der Bahnlinie war umstritten. In Betracht gezogen wurde auch eine Postautoverbindung nach Luzern.» Das Engelbergertal favorisierte den Ausbau der Stansstad-Engelberg-Bahn, die Seegemeinden eine Autobahn durch ihr Gebiet. Schliesslich stimmte die Landsgemeinde 1954 allen drei Vorlagen deutlich zu, die den Ausbau von Schiene und Strasse sowie deren Finanzierung beinhalteten.

1964 fuhr erstmals ein Zug nach Luzern

Zwischen 1961 und 1964 wurde nun die dritte Achereggbrücke gebaut. Dank ihr und dem frisch gebauten Loppertunnel fuhr nun erstmals ein Zug von Engelberg bis nach Luzern. Der Autobahnabschnitt Hergiswil–Stansstad wurde 1965 eröffnet. Das Alter und der zunehmende Verkehr mit immer schwereren Lastwagen setzten der Brücke zu. Zwischen März 2015 und Oktober 2016 wurde der Teil mit der Bahnlinie und der Kantonsstrasse für rund 11 Millionen Franken saniert. Gemäss Fachleuten dürfte die Brücke damit weitere 50 Jahre als Lebensader zwischen Nidwalden und der weiten Welt dienen.

Hinweis

Weitere Informationen zur Verkehrsgeschichte lesen Sie im zweibändigen Werk «Geschichte des Kantons Nidwalden». ISBN 978-3-906377-14-8.

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