Nidwalden
17.07.2017 05:00

Sein Lohn ist das Strahlen der Patienten

  • Adrian Balbi bei sich zu Hause in Stans.
    Adrian Balbi bei sich zu Hause in Stans. | Bild: Corinne Glanzmann (12. Juli 2017)
STANS/TANSANIA ⋅ Selbe Berufung, anderer Kontinent. Nach seiner Pensionierung arbeitet Adrian Balbi weiterhin als Zahnarzt. In Tansania zaubert er mit einer Zahnbehandlung so manchem Patienten ein Lächeln ins Gesicht.

Matthias Piazza

matthias.piazza@nidwaldnerzeitung.ch

Jahrzehntelang behandelte er als spezialisierter Oralchirurg in seiner Stanser Zahnarztpraxis Patienten aus der Innerschweiz. Vor zwei Jahren hat der 67-jährige Adrian Balbi seine Zahnarztpraxis in Stans altershalber geschlossen. Den Zahnarztkittel hat er deswegen aber noch nicht an den Nagel gehängt. Schon viermal flog er ins rund 7000 Kilometer entfernte Tansania. In dem ostafrikanischen Land unterstützt er in vier- bis sechswöchigen Einsätzen das Team in der Zahnklinik von Ndanda, einem weit abseits von Städten gelegenen Dorf. Beim letzten Besuch machte er zusätzlich im Auftrag des Senior Experten Service (SES, Bonn) auch eine Abklärung zum künftigen Investitionsbedarf in der Zahnklinik im Spital von Nyangao.

Der Samen für sein Afrika-Engagement wurde schon in seiner Jugend gelegt. «Schon während meiner Kollegizeit interessierte ich mich für Afrika, ich las Abenteuerromane und Reisebeschreibungen darüber», erzählt er. Kurz nach seinem Staatsexamen als Zahnarzt leistete er 1978 einen mehrmonatigen Einsatz im Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene im westafrikanischen Gabun. Es folgten weitere Afrika-Aufenthalte, Reisen und Besuche bei afrikanischen Bekannten.

Nach der Pensionierung vor zwei Jahren begleitete er einen Berufskollegen zu einem ersten Einsatz in Ndanda. Was Adrian Balbi in dieser sehr ländlich gelegenen Klinik antraf, überraschte selbst ihn als erfahrenen Berufsmann. «Ich wurde mit Fällen konfrontiert, wie man sie bei uns kaum mehr sieht: verschleppte Abszesse, ausgedehnte Tumore oder auch Missbildungen. Auch Kieferbrüche kommen häufig vor, weil die Leute mit den sehr verbreiteten Tuk-tuks oder auf Töffs im gefährlichen Strassenverkehr verunfallen oder weil sie beim Ernten von Bäumen herunterfallen.» Zwischen 30 und 50 Patienten behandelt das Team täglich in der Zahnklinik des Spitals.

Bei allem Idealismus sei ihm bewusst, dass sein Engagement wohl bloss ein Tropfen auf den heissen Stein sei. Ein wesentlicher Beweggrund sei für ihn aber der Fachaustausch mit der Klinikleiterin und ihrem Team, das sich mit einfachster Infrastruktur bestmöglich für das Wohl ihrer Patienten einsetze.

Es geht oft um Lebensbedrohliches

Luxusprobleme wie Korrekturen von Zahnstellungen oder das Einsetzen von Kronen oder Brücken, wie man sie bei uns kenne, seien im Süden von Tansania kein Thema. «Hier geht es in erster Linie um Schmerzbehandlungen und um Lebensbedrohliches. Der ­Patient kann sterben, wenn eine Kieferinfektion unbehandelt bleibt», weiss Adrian Balbi. Da er früher schon in Afrika gearbeitet habe, sei der Schock ausgeblieben, als er das erste Mal im Spital in Ndanda war. «Im Spital sind Krankensäle von 50 Betten der Normalfall. Die Angehörigen versorgen die Patienten mit Essen, das sie auf dem Spitalareal zubereiten. Vielen von unserem Standard verwöhnten Schweizern täte ein solcher Anblick auch mal gut.» Viele Leute liessen sich auch nicht behandeln, weil sie es sich nicht leisten könnten. Nur schon die Eintrittsgebühren ins Spital kosteten umgerechnet zwei Franken – und dies bei minimalen Monatslöhnen von 40 bis 50 Franken.

Reich wird er bei seinen Einsätzen nicht. Kost und Logis stehen ihm zur Verfügung, die Reise nach Ndanda zahlt er selber. Für den kürzlichen Auftrag der SES hat er einen Anteil an die Reisekosten bekommen. Sein Lohn ist nicht Geld. «Nach einer Zahnbehandlung strahlen die Patienten über das ganze Gesicht.» Unvergessen bleibt ihm ein Mädchen, dessen rechte Gesichtshälfte wegen einer aussergewöhnlichen Bindegewebeerkrankung massiv deformiert war. «Nach der erfolgreichen Operation kann das Mädchen wieder unbeschwert durchs Leben gehen.»

Er sieht sich nicht als Entwicklungshelfer

Auch die Kommunikation klappt. «Mit den Mitarbeitern der Zahnklinik spreche ich Englisch. Sie übersetzen dann bei Bedarf für die Patienten in Suaheli.» Er beherrscht mittlerweile ein paar Ausdrücke Suaheli, wendet sie aber nur sehr zurückhaltend an, da es sonst schnell zu Missverständnissen kommen könne. Er sieht sich nicht als Entwicklungshelfer, sondern als Fachkollege eines motivierten, einheimischen Teams. Nicht nur in zahnmedizinischer Sicht unterscheidet sich seine Arbeit von jener in der Schweiz. Auch der Mentalitätsunterschied sei unübersehbar. «Die Menschen im Süden von Tansania lassen sich nicht hetzen, sind geduldige Leute. Ihnen macht es nichts aus, wenn sie länger als geplant auf ihren Termin warten müssen.»

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