Obwalden
15.11.2017 05:00

Amtsblätter sind neu digital abrufbar

  • Nahm im Krieg kein Blatt vor den Mund: der «Obwaldner Volksfreund» vom 14. November 1917.
    Nahm im Krieg kein Blatt vor den Mund: der «Obwaldner Volksfreund» vom 14. November 1917. | Bild: Staatsarchiv Obwalden
OBWALDEN ⋅ Die Obwaldner Amtsblätter bis 1917 und sämtliche Ausgaben des «Obwaldner Volksfreundes» sind neu digital abrufbar. Eine Fundgrube für Zeitgeschichte und Kuriositäten.

Franziska Herger

franziska.herger@obwaldnerzeitung.ch

«Dass in Russland alles drunter und drüber geht, haben wir ja bereits vermeldet.» So fängt der «Obwaldner Volksfreund» vor genau 100 Jahren seinen Bericht über die Kriegslage in Europa an. Der Erste Weltkrieg zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausgabe vom 14. November 1917, die neu wie sämtliche Ausgaben von 1870 bis 1972 auf den Webseiten der Kantonsbibliothek und des Staatsarchivs aufgeschaltet ist (Artikel vom 10. November ). «Unser Land ist heute mehr denn je auf Eigenproduktion angewiesen», heisst es im Regionalteil. In Obwalden würden jedoch Entwässerungs- und Landzusammenlegungspläne zur Gewinnung von Ackerland hintertrieben. Der «Volksfreund» nimmt kein Blatt vor den Mund: «Dieser Standpunkt ist ebenso unpatriotisch wie falsch.»

Dem Krieg wurden neben einer gewissen journalistischen Distanz auch die Kohleverteilung, der Brot- und Mehlbezug und sogar die Butterpoduktion untergeordnet. So heisst es im Obwaldner Amtsblatt vom 15. November 1917: «Für die Bevölkerung wir die normale Ration auf 225 Gramm Brot pro Tag und 350 Gramm Mehl pro Monat festgelegt.» Das schweizerische Volkswirtschaftsdepartement lässt weiter verlauten, die Käseherstellung sei ab 1. November verboten und «die Buttererzeugung zu vermehren», um die Milch besser auszunutzen. Um Kohle zu sparen, durften Theater und Versammlungsräume laut Bundesratsbeschluss auf höchstens 13 Grad geheizt werden.

Es ist eines der letzten Amtsblätter, die neu in den Jahrgängen von 1854 bis 1917 digital einsehbar sind. Denn was vor 100 Jahren offiziell war, ist heute oft geheim. In den Amtsblättern finden sich etwa detaillierte Listen der Bevormundeten. «Aufgrund des Datenschutzes wollten wir sicherstellen, dass niemand im Internet auftaucht, der noch lebt», sagt Mario Seger, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Staatsarchiv. Nun soll jedes Jahr ein neuer Jahrgang aufgeschaltet werden. Auch weitere staatliche Überlieferungen habe das Staatsarchiv digitalisiert, so etwa die Staatsrechnungen und die Ratsprotokolle bis 1800, sagt Seger. «Die Qualität der Digitalisierung ist aber nicht überall gleich gut. Zudem sind diese Dokumente handschriftlich und schwer zu entziffern.»

Digitalisierung dient dem Schutz der Dokumente

Doch wer schaut sich die alten Schriften an? «Besonders für Leute, die Familienforschung betreiben, sind die Amtsblätter und die alten Zeitungsausgaben eine Fundgrube», meint Seger. Die Bestände würden relativ viel benutzt. «Das Papieroriginal nimmt dabei jedes Mal einen gewissen Schaden», so Siger. «Die Digitalisierung ist daher nicht nur bequemer für die Benutzer, sondern dient auch dem Schutz der Dokumente.»

Es ist ein unverstaubter Einblick in die Obwaldner Geschichte. Dass das Leben neben dem ständigen Blick auf den Krieg weiterging, zeigt die Inserateseite des «Volksfreunds». Hier werden Felle und Herrenbekleidung verkauft, Glaserarbeiten angeboten und «Winkler’s Eisenessenz bei Bleichsucht und Magenbeschwerden zu 3 Franken die Flasche» angepriesen. Am Donnerstag, 15 November, kauften zudem gleich zwei «autorisierte Schweizerfirmen alte und neue künstliche Zähne und Gebisse zu allerhöchsten Preisen». Was sie damit anstellten, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.

Hinweis

www.staatsarchiv.ow.ch und www.kbow.ch unter «Plattform für digitalisiertes Schriftgut».

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