Obwalden
16.07.2017 19:45

Winnetou-Nostalgie mit starken Helden

  • Westernkulisse und legendäre Figuren wie Old Shatterhand und Sam Hawkens (Bild oben links, Mitte) oder Winnetou (Bild rechts). (© Bilder: Urs Flüeler (Key)/Corinne Glanzmann (12. Juli 2017))
    Westernkulisse und legendäre Figuren wie Old Shatterhand und Sam Hawkens (Bild oben links, Mitte) oder Winnetou (Bild rechts). | Bilder: Urs Flüeler (Key)/Corinne Glanzmann (12. Juli 2017)
ENGELBERG ⋅ Im Programmheft schwärmt Tourismusdirektor Frédéric Füssenich von «der schönsten Freilichtbühne der Welt». Unbescheiden, aber nicht völlig zu Unrecht: Und damit ist auch gleich gesagt, wo eine der Stärken der neusten «Winnetou-Festspiele» liegt.

Romano Cuonz

kultur@luzernerzeitung.ch

Schroff und romantisch zugleich türmen sich vor der Bühne Felsen. Bis hinauf zu zackigen Berggipfeln sind sie mit Bäumen und Büschen begrünt. Irgendwo hört man einen Wasserfall rauschen.

Direkt vor der Tribüne – auf einem Hügelzug – steht realistisch nachgebaut das Pueblo der Mescalero-Apachen, wo sich rote Krieger, Squaws und Kinder friedlich tummeln. Nicht einmal der tiefblaue Rio Pecos, so wie ihn Fantast Karl May in seinem berühmtesten Buch «Winnetou I» beschreibt, fehlt. Und wenn sich dann die vielen Scheinwerfer erst noch auf die Westernstadt St. Louis mit Saloon, Gun-Store, Barbierladen und Pferdestall richten, ist man mitten im Abenteuerland von Karl May.

Kämpfe zum Teil noch etwas zaghaft

In der Tat: Produzent Tom Volkers (persönlich als glaubwürdiger Winnetou auf Pferd Iltschi) und Regisseur Giso Weissbach (auch als weisser Lehrer Klekih-petra agierend) bieten zwischen Eiwäldli und Fürenalpbahn eine berauschende Szenerie.

Dass die Initianten genau jene Landschaft, die Karl May in seinem Buch so weitschweifig beschreibt, nun für sich sprechen lassen, ist ein kluger Schachzug. Wer für eine so ehrgeizige und finanziell aufwendige Produktion noch das nötige Publikum haben will, tut gut daran, die Nostalgie der «Fans» von einst wieder aufleben zu lassen. Zumal in unserer Zeit, wo edle Helden wie Winnetou und Old Shatterhand beim jungen Publikum längst Harry Potter und Co. weichen mussten!

Vielleicht gelingt es ja den Grosseltern, ihre Enkel wieder mit ins Kanu zu holen. Vor allem dann, wenn vor der perfekten Naturkulisse auch die manchmal stockenden Dialoge und zaghaften Kämpfe noch etwas an jugendlichem Fluss und Tempo gewinnen. Derweil es die Pyroszenen jetzt schon in sich haben.

Fast gemütlich – und stets angenehm akustisch verstärkt – beginnt das Zweistundenstück des 78-jährigen Berliners Giso Weissbach im Western-Dorf. Aus Lautsprechern tönt die unvergessliche Musik des mittlerweile 90-jährigen Martin Böttcher. Eine smarte Stimme nimmt die Rolle eines rückblickenden Erzählers ein und trägt die Handlung ans pathetische Ende. Bis zum Moment, wo Tränen abgewischt und Friedenstauben in den Himmel geschickt werden.

Doch erst muss Greenhorn «Charley» gleich mehrmals den Beweis erbringen, warum er Old Shatterhand (Schmetterhand) genannt wird. Christoph Kottenkamp mausert sich Szene um Szene zum ebenso geliebten wie gefürchteten Helden. Er ist es, der Winnetou von seinen Fesseln befreit. Und er wird – obwohl bereits zum fürchterlichen Tod am Marterpfahl verurteilt – dessen Blutsbruder. Gemeinsam bringen die beiden den ruchlosen Mörder des Apachen-Häuptlings Intschu tschuna (Walter Küng) und seiner hübschen Tochter Nscho-tschi (Alejandra Cardona) zur Strecke. Santer (Sven Furrer, ein perfekt düsterer Bösewicht im Gentleman-Look) findet seine gerechte Strafe. Lodert unter Applaus des Publikums wie eine Fackel. Derweil reiten Winnetou und sein Freund – nun schon nach neuen Abenteuern sinnend (wer weiss, vielleicht sogar wieder in Engelberg?) – von dannen.

Leider lässt sich auch in dieser Inszenierung Karl Mays Deutschtümelei, die vor allem am Lebensende des Autors verpönt war, nicht ganz vermeiden. Zumal sich das Team um Giso Weissbach vorgenommen hat, näher bei der ursprünglichen Geschichte zu bleiben, als dies Harald Reinl in seinen legendären Filmen tat.

«Hi, hi, hi»: Sam Hawkens als Publikumsliebling

Eine Figur sticht hervor. Fast unheimlich nahe beim Helden, wie man ihn sich als jugendlicher Karl May-Leser vorgestellt hat, ist Sam Hawkens! Wunderschön, wie Pit Anders (einer aus der Heimat Karl Mays) den eitlen, stets «Hi, hi, hi»-grinsenden und – wenn er sich nicht gerade irrt – fast clownesk auftretenden Westernheld auf die Bühne zaubert. Von den jüngeren Akteuren überzeugt vor allem Velia Krause als Señorita Miranda. Die «Can-Can-Einlage» vor ihrem Saloon gehört zum Erfrischenden. Auch das Lied der singenden Apachin (Isaura Moser) beim Indianerbegräbnis wird in Erinnerung bleiben.

Nicht vergessen darf man die grosse Zahl von ehrenamtlichen Komparsen, ohne die das Spektakel nicht möglich wäre. Und die vielen Pferde erst! Selbst der Tatsache, dass die Geschichten Karl Mays heute ohne Lächeln auf den Stockzähnen nur schwer erträglich sind, tragen die Initianten da und dort Rechnung: Etwa, wenn ein Stuntman dem andern nach dem Kampf das «Sägemehl» vom Rücken wischt oder im Wilden Westen ironische Anspielungen auf die Schweiz und ihre Politiker gemacht werden.

Fazit: Karl Mays Winnetou in Engelberg wird, trotz einiger noch etwas «greenhornmässiger» Szenen zum spektakulären Sommertheater auf einer tollen, neu entdeckten Freilichtbühne.

Hinweis

Freilichtspiele Engelberg mit Karl Mays «Winnetou 1». Aufführungen bis zum 13. August 2017. Tickets unter www.winnetou.ch.

Bilderserien zum Artikel (1)

Videos zum Artikel (1)

  • Bei einem Treffen zwischen den Apachen und Old Shatterhand kommt es aber zu einem tragischen Vorfall: Klekie Ptra, der weise Lehrer von Winnetou, wird erschossen. (© Corinne Glanzmann)

    Generalprobe von Winnetou in Engelberg

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