Schwyz
06.09.2017 04:40

700-jährige Häuser vor dem Abbruch: «Regierung macht einen Fehler»

  • Die Bewilligung für den Abbruch dieses Hauses in Steinen liegt vor. Es ist rund 700-jährig.
    Die Bewilligung für den Abbruch dieses Hauses in Steinen liegt vor. Es ist rund 700-jährig. | Bild: Jürg Auf der Maur
SCHWYZ ⋅ Nott Caviezel, der Präsident der Eidgenössischen Denkmalpflege, ist enttäuscht. Schwyz zerstöre mit der Abbruchbewilligung für zwei jahrhundertealte Häuser in Steinen europäisch wertvolles Kulturgut.

Interview: Jürg Auf der Maur

zentralschweiz@luzernerzeitung.ch

Nott Caviezel, die Schwyzer Regierung hat für ein 700-jähriges Haus in Steinen die Abbruchbewilligung erteilt (wir berichteten). Für ein zweites Haus ist diese noch hängig. Was war Ihre Reaktion?

Wir haben auf Wunsch des Kantons Schwyz für diese beiden Häuser ein Gutachten erstellt. Wir wünschten, wie immer bei solchen Gutachten, dass wir über Entscheide und weitere Schritte auf dem Laufenden gehalten werden.

Das war nicht der Fall?

Wir haben nachträglich von aussen erfahren, dass die Schwyzer Regierung bereits Mitte Juni die Abbruchbewilligung erteilt hat. Unser Wunsch wurde also nicht erfüllt, die Information kam nicht auf offiziellem Weg zu uns.

Und?

Wir sind enttäuscht und ziemlich irritiert. Wir haben ein Gutachten verfasst, das zum Schluss kam, dass es hier um sehr wertvolle Häuser geht. Um Objekte, die zu einer europaweit einmaligen Holzhäuserlandschaft gehören, die exakt in die Gründungszeit der Eidgenossenschaft zurückreicht. Jetzt erfahren wir, dass die Regierung sich nicht an unsere Empfehlungen hält.

Regierungsrat Michael Stähli sagt, man habe sich den Entscheid nicht einfach gemacht. Es gebe kein Rückkommen.

Die Sache ist doch klar. Es geht ja nicht einfach um einen x-beliebigen Stall. Diese Objekte sind nicht einfach nur für Schwyz oder für Steinen relevant, sondern für die ganze Schweiz. Ich will wirklich den Mund nicht zu voll nehmen. Aber die Häusergruppe ist von europaweiter Bedeutung. Sie ist einmalig.

Weshalb denn?

Wir haben mit diesen Holzhäusern intakte Belege aus der Gründungszeit der Schweiz. Das ist nicht nur einzigartig, sondern auch aus kultur-, politik- oder demokratiegeschichtlicher Sicht relevant. Diese Häuser sind wertvolle Zeugen der Geschichte unseres Landes. Mich erstaunt, dass dieses Bewusstsein nicht stärker in den Köpfen verankert ist. Um 1300 hat in Steinen Landammann Stauffacher gelebt und gewirkt. Die beiden Häuser in Steinen wurden nicht vom einfachen Volk bewohnt. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass jemand aus dem Umfeld von Stauff­acher oder er selber darin lebten. Und diese Zeugen will man nun abbrechen!

Was ärgert Sie als Gutachter besonders am Entscheid?

Ich bin nicht der alleinige Gutachter; es handelt sich um ein Gutachten einer 15-köpfigen Kommission. Man weiss in Schwyz seit über 20 Jahren, dass man im Besitz einer solch einmaligen Holzhäuserlandschaft aus der frühesten Zeit der Eidgenossenschaft ist. Wir haben bei der Kontroverse um den Abbau des Niederöst-Hauses und beim Abriss der beiden Häuser am Dorfbach versucht, auf mildem Weg zu einer Einigung zu kommen.

Sind der Regierung diese wertvollen Häuser egal?

Ich sage nicht, dass die Schwyzer Regierung leichtfertig mit der Fragestellung umgeht. Aber insgesamt ist es für uns einfach sehr enttäuschend. Schwyz besitzt hier ein Alleinstellungsmerkmal. Damit müsste etwas Positives gemacht werden, statt einfach die Bagger auffahren zu lassen.

Regierungsrat Stähli sagt, es wäre unverhältnismässig, die beiden Häuser in Steinen nicht abbrechen und Neuem weichen zu lassen.

Für uns ist es genau umgekehrt. Es ist unverhältnismässig, dass exakt dort etwas Neues gebaut werden soll, wo ein so altes und wertvolles Kulturgut steht. Wir haben nichts gegen neue Bauten, die unseren modernen Ansprüchen besser entsprechen. Aber man muss deswegen nicht derart wichtiges Kulturerbe zerstören. Es gibt genügend gute Beispiele, wie man sehr alte Holzhäuser, ohne sie zu zerstören, mit wohlüberlegten baulichen Massnahmen an unsere Bedürfnisse anpassen kann. Was die Schwyzer Regierung in Steinen macht, ist in meinen Augen ein Fehler. In zehn Jahren wird man sich auch in Schwyz vielleicht an den Kopf greifen und fragen, wie das geschehen konnte.

Sie sagen, aus diesen alten Häusern könnte auch Positives entstehen. Was schwebt Ihnen vor?

Jährlich reisen Tausende in die Toskana, um sich die einmaligen Geschlechtertürme in San Gimi­gnano anzuschauen. Hier in der Innerschweiz und vor allem im Kanton Schwyz haben wir eine einmalige Häusergruppe, die etwa aus derselben Zeit stammt.

Holzhäuser als Tourismusmagnet?

Ich könnte mir vorstellen, dass man als Tourist nicht nur in Luzern Uhren kaufen will, sondern auch mit grossem Interesse 700-jährige Holzhäuser besucht, um zu erleben, wie die Bevölkerung zu Beginn der Eidgenossenschaft lebte. Man könnte das touristische Potenzial nutzen. Der Kanton oder die Gemeinde könnten die Häuser kaufen, in Stand stellen und etwas daraus machen, eventuell in Kombination mit historischen Führungen von Luzern zum Rütli, ins Bundesbriefmuseum und zu den alten Holzhäusern.

Sie schwärmen von dieser Häusergruppe. Stellen Sie den Antrag bei der Unesco, diese in die Liste des Weltkulturerbes aufzunehmen?

Das ist eine sehr interessante, aber nicht von heute auf morgen umsetzbare Idee. Der Kanton Schwyz könnte sich so einen Vorschlag einmal überlegen. Der offizielle Antrag an die zuständige Stelle des Unesco-Welterbes müsste dann von der Eidgenossenschaft eingereicht werden. Was wir hier im Kanton Schwyz haben, ist europaweit einmalig. Eine hochmittelalterliche Holzhäuserlandschaft wie hier ist meines Wissens bisher nicht auf der Liste des Unesco-Welterbes.

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