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REGION

So wohnt die Zentralschweiz

Die Nachfrage nach grossen Mietwohnungen sinkt. Auch weil sich in Städten wie Luzern Normalverdiener kaum mehr solche leisten können. Angebot und Nachfrage driften derart auseinander, dass Immobilienfirmen gar mit Gratis-Mieten locken.
14.05.2017 | 09:00

Christian Hodel

christian.hodel@zentralschweizamsonntag.ch

 

Es herrscht Goldgräberstimmung auf dem Wohnungsmarkt. Allein 2015 wurden im Kanton Luzern 3400 neue Wohnungen gebaut. Rekord. In Sursee war der Bauboom besonders zu spüren. Ganze Siedlungen haben Handwerker in den vergangenen Jahren hochgezogen. Auf dem Hofstetterfeld etwa, an der Carl-Beck-Strasse, sind mit der Überbauung «Mein Sursee» 24 neue 21/2- und 31/2-Zimmer-Wohnungen entstanden. Bezugsbereit waren sie ab April 2014. Doch man hatte Mühe, alle Wohnungen zu besetzen – und für zwei der grösseren sucht die für die Vermietung zuständige Luzerner Immobilienfirma derzeit weiter nach Mietern.

Um die monatlich über 1900 Franken teuren 31/2-Zimmer-Wohnungen besser loszuwerden, hat das Unternehmen bis vor wenigen Tagen mit unkonventionellen Methoden geworben, wie ein Mitarbeiter auf Anfrage bestätigt. Zwei Monatsmieten wurden den neuen Mietern geschenkt. Vor wenigen Tagen, nach Anfrage unserer Zeitung, hat die Firma die Inserate per Ende April wieder vom Internet genommen.

Immer mehr Neubauten stehen leer

Das Beispiel zeigt exemplarisch, in welchem Dilemma der Wohnungsmarkt derzeit steckt: Das Angebot deckt sich nicht mit der Nachfrage. Immer mehr Neubauten stehen leer. Derzeit sind es in der Schweiz mit fast 9000 neuen Wohnungen (Stand 1. Juni 2016) so viele wie zuletzt Mitte der 1990er-Jahre. Wohin führt das, wenn Angebot und Nachfrage derart auseinanderdriften?

Von einer Immobilienblase wollen Experten noch nicht sprechen. Robert Weinert vom Immobiliendienstleister Wüest Partner in Zürich sagte vor wenigen Tagen der «Luzerner Zeitung»: Von einer Blasengefahr zu reden, sei übertrieben. Doch das Auseinanderdriften von Angebot und Nachfrage mache deutlich, «dass der Immobilienboom seinen Zenit überschritten hat».

Wie es sich anfühlt, wenn Angebot und Nachfrage auseinanderdriften, erlebt derzeit Marco Müller. Seit Monaten sucht der 23-jährige Student nach einer Wohnung. Nichts Besonderes – zwei Zimmer, zentral in Luzern. Gefunden hat er viel, aber nichts, das sein Budget von maximal 1300 Franken im Monat zulässt. Neulich war er in der Luzerner Neustadt: Wohnungsbesichtigung. Zwei Zimmer mit Balkon, gut 40 Quadratmeter, 1240 Franken, Nebenkosten inklusive. Gekommen sind ein Dutzend weitere Bewerber. Marco ging leer aus. Einmal mehr – obwohl die neuesten Statistiken eigentlich für ihn sprechen.

Seit zehn Jahren war die Leerwohnungsziffer im Kanton Luzern nicht mehr so hoch wie 2016. Freie Wohnungen müsste es für Marco genug geben. Dem ist aber nicht so, wie Michael Töngi, Luzerner Kantonsrat (Grüne) und Generalsekretär des Schweizerischen Mieterinnen- und Mieterverbands, bestätigt. «Es wird zu stark auf teure Wohnungen gesetzt», sagt er. Auch weil die Schere zwischen Nachfrage und Angebot immer grösser wird, bleibt eine bezahlbare Wohnung für viele Wunschdenken – vor allem in Ballungszentren. Wer etwa in der Stadt Luzern vier Zimmer bewohnen will, zahlt im Durchschnitt deutlich über 1500 Franken. 25 bis 30 Prozent des Nettolohns seien für die gesamten Wohnkosten zumutbar, sagen Budgetberater. Demnach kann sich ein Normalverdiener, dem monatlich netto 5000 Franken bleiben, die Stadtlage für sich und seine Familie kaum mehr leisten. Dass Experten für diesen Sommer von einer Mietzinsreduktion von 2,9 Prozent ausgehen (Ausgabe vom 26. April), ändert an der Situa­tion kaum etwas. «Auch wenn sich ­aktuell eine Entspannung am Wohnungsmarkt abzeichnet, ist die Situation vielerorts weiter prekär. Viele Wohnungen sind überteuert», sagt Töngi und fügt an: «Innert zehn Jahren sind die Mieten in der Zentralschweiz teils zwischen 40 und 50 Prozent gestiegen.»

Ihr Rechte einfordern tun längst nicht alle Mieter

Laut einer im März publizierten Studie der Raiffeisenbank müssten die Mieten in der Schweiz 40 Prozent tiefer sein, als sie es tatsächlich sind. Die Schere zwischen den effektiven Mietpreisen und den gesetzlich vorgesehenen Mitpreisreduktionen sei «schon fast beängstigend», so das Fazit der Studienautoren.

Das Problem: Viele Eigentümer missachten das geltende Mietrecht – sie geben die Gewinne aus dem sinkenden Referenzzinssatz nicht an ihre Mieter weiter. Die Folge: Vermieter verdienen mit ihren Immobilien auf Kosten der Mieter von Jahr zu Jahr mehr. «Ihre Rechte einfordern tun längst nicht alle Mieter», sagt Töngi. Einerseits, weil sie diese zu wenig kennen, andererseits um Ärger mit dem Vermieter zu vermeiden und die Wohnung mangels Alternativen nicht zu verlieren.

Die hohen Mietpreise in vielen Gebieten der Zentralschweiz bringen auch neue Trends hervor. Grosse Mietwohnungen beispielsweise sind immer weniger gefragt, wie Michael Töngi sagt. Und dies beeinflusst allmählich auch den Markt in der Region: So hat sich zum Beispiel der Bau von kleineren 21/2- und 31/2-Zimmer-Wohnungen im Kanton Luzern in den vergangenen 15 Jahren mehr als verfünffacht (siehe Grafik). Und auch in anderen Punkten reagieren die Bauherren: Die einzelnen Zimmer würden in der Tendenz wieder kleiner gebaut, sagt Töngi.

«Sursee gleicht sich immer mehr der Stadt Luzern an»

Was Experten zudem vermehrt feststellen, ist eine Verschiebung hin zu neuen Ballungsräumen. Sursee ist das beste Beispiel dafür. Die Region wuchs in den vergangenen Jahren massiv – was wiederum die Mietpreise beeinflusst. «Sursee gleicht sich immer mehr der Stadt Luzern an. Es entstehen derzeit viele Neubauwohnungen, welche meist mit einem überdurchschnittlich hohen Mietzins auf den Markt kommen», sagt Cyrill Studer, Geschäftsleiter Mieterinnen- und Mieterverband Luzern, Nidwalden, Obwalden, Uri. Bezahlbarer Wohnraum ist auch hier ein extrem rares Gut geworden.

Und jene, die sich eine neue Mietwohnung leisten könnten, wollen diese gar nicht. «Wer genügend Einkommen hat, überlegt sich aktuell wohl eher, ein Eigenheim zu erwerben oder zu bauen, statt in eine teure Mietwohnung zu ziehen», sagt Michael Töngi vom Schweizer Mieterinnen- und Mieterverband.

Wohnen in der Zentralschweiz: die interaktive Grafik

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