Uri
18.05.2017 05:00

Die aufklappbare Brücke von Realp

  • Der Mittelteil der Steffenbachbrücke, kurz bevor er komplett nach oben aufgezogen ist.
    Der Mittelteil der Steffenbachbrücke, kurz bevor er komplett nach oben aufgezogen ist. | Roger Grütter (Realp, 16. Mai 2017)
  • Arbeiter zu Beginn der Aufzugsarbeiten.
    Arbeiter zu Beginn der Aufzugsarbeiten. | Bild: Pius Amrein (Realp, 16. Mai 2017)
BAHNVERKEHR ⋅ Die Furka-Bergstrecke wird momentan für den Sommer gerüstet. Damit die Züge die Strecke befahren können, muss unter anderem die Steffenbachbrücke heraufgeklappt werden. Das hat auch seine Tücken.

Matthias Stadler

matthias.stadler@urnerzeitung.ch

Einen besseren Tag hätten sich die Männer nicht aussuchen können. Strahlend blauer Himmel empfängt sie am vergangenen Dienstag zwischen Realp und dem Furkapass. Hier, auf rund 1700 Metern über Meer, herrscht T-Shirt-Wetter. Doch sind die 15 Männer nicht hier, um etwa zu wandern oder eine späte Skitour zu machen, sondern sie ziehen heute die Steffenbachbrücke auf. Aus der ganzen Deutschschweiz sind die Mitglieder des Vereins Furka-Bergstrecke angereist, um hier freiwillig mitzuhelfen. Albert Camenzind aus Gersau etwa tut seit 1996 mit. Zwei festangestellte Mitarbeiter sind ebenfalls vor Ort. Die Brücke liegt auf der Strecke der Furka-Bergbahn und wird jeweils während des Winterhalbjahres mittels eines ausgeklügelten Systems heruntergelassen und die Bahnstrecke somit unterbrochen. Der Mittelteil der Brücke hängt dann jeweils am talseitigen Ende des Übergangs wie ein Ast hinunter, der nur noch mit einem kleinen Teil am Baum hängt.

Die Brücke wird seit ihrer Erstellung 1925 jährlich heruntergelassen, damit Lawinen ihr nichts anhaben können. Denn hier, wo der Steffenbach in die Furkareuss fliesst, donnern im Winter sehr oft Lawinen ins Tal. Eine normale Brücke würde von den Schneemassen mitgerissen, da die Linienführung nicht hoch genug über dem Flussbett durchführt. Deswegen kamen die damaligen Ingenieure auf die Idee, die Brücke abklappbar zu bauen. Die Idee war so gut, dass sie bis heute funktioniert. Und so sagt auch Patrick Smit, welcher für die Schneeräumung der Furka-Berglinie zuständig ist: «Ich bin mir nicht sicher, ob es heute eine bessere Lösung dafür geben würde.»

«So wenig Schnee hat es hier wohl noch nie gehabt»

So schön der Tag hier oben inmitten von Bergen, Schneefeldern und Wasserfällen ist, so schwer haben es die vergangenen Wochen den Männern zuvor gemacht. Diese brachten viel Schnee. Zuvor hatte es «wahnsinnig wenig Schnee. So wenig hat es hier wohl noch nie gehabt», wie Patrick Smit erklärt, der seit 2005 mithilft, die Brücke zu montieren. Die letzten Wochen hätten viele Lawinen mit sich gebracht. «Die Lawinengefahr ist hier latent», sagt Smit. Er ist seit einer Woche vor Ort und analysiert die Lage. Diese sei sicher. Momentan ist auch das Steffenbachtobel unter einer 10 Meter hohen Schneedecke begraben.

Doch das hält die Männer nicht von der Arbeit ab. Etwas anderes hingegen hielt sie am Freitag von der Montage der Brücke ab: Ursprünglich war der Aufzug dann geplant, doch machte eine defekte Stromleitung den Arbeitern einen Strich durch die Rechnung, der Aufzug der Brücke musste verschoben werden. Zwar funktioniert die Stromleitung nach wie vor nicht, doch mittlerweile konnte ein Aggregat organisiert werden. Und so heisst es am Dienstag um 8 Uhr Besprechung. Dann werden die Männer mit einer Lokomotive von Realp bis zur Brücke gefahren. Doch weil sie am Vortag nicht vorbereiten konnten, müssen sie nun sämtliche Aufstellarbeiten durchführen. Und weil wegen der kurzfristigen Verschiebung teilweise andere Arbeiter aufgeboten werden mussten, die diese Arbeit noch nie gemacht haben, kennt sich die Mannschaft noch nicht gut. Die Handgriffe sitzen noch nicht einwandfrei. Deshalb dauert es eine Weile, bis Bewegung in die Sache kommt. «Aber Hauptsache, die Brücke ist oben, und es passiert kein Unfall», findet Patrick Smit. Er erklärt, wieso die Männer die Strapazen auf sich nehmen: «Diese Arbeit ist wie ein Virus, gegen welches es kein Gegenmittel gibt.» Die Nostalgie der Bahn, die Bergwelt, die Kameradschaft. Das ziehe die Männer an.

Auf beiden Seiten der Brücke arbeiten derweil die Männer. Zuerst wird ein erster Teil der talseitigen Brücke, das auf dem normalen Trassee liegt, mittels Kabelwinden sozusagen in die freie Luft hinausgeschoben. Dabei bewegt sich auch die Stütze des Brückenteils hinaus. All das geschieht in Zeitlupe. Nach der Mittagspause ist der bergseitige Teil dran. Und nach gut fünf Stunden Arbeit kommt schliesslich das Herzstück der 36 Meter langen und 32 Tonnen schweren Brücke an die Reihe. Der Mitteilteil, welcher gut ein Drittel der gesamten Länge ausmacht. Langsam wird er hinaufgezogen, alle helfen mit. Die Konzentration der Arbeiter ist auf dem Höhepunkt angelangt. Immer wieder kontrollieren die verantwortlichen Monteure den Fortschritt. Und so hebt sich die Brücke Stück für Stück nach oben. Rund 20 Minuten dauert der Spuk. Die Brückenteile werden miteinander verankert – und dann ist sie begehbar.

Doch ganz zu Ende ist die Arbeit der Männer nicht. Da sich die Brücke wegen der Wärme ausgebreitet hat, sind die Gleise noch ein paar Zentimeter zu lang. Über Nacht sollen diese dank der Kälte wieder schrumpfen, dann werden sie laut Patrick Smit passen und zusammengeschraubt. Und dann wartet schliesslich noch die Schneeräumung der Strecke bis zur Station Furka. Vom Wallis her wird momentan ebenfalls Schnee geräumt. Ende Juni soll der erste Zug die Strecke befahren. Patrick Smit erwartet, dass die Männer heute Donnerstag auf der Station Furka ankommen. Diese erhalten für ihre Arbeit übrigens Verpflegung, Unterkunft, gratis Bergfahrten und vor allem eine Arbeit, die sich wohl mit nichts vergleichen lässt.

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