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Das sagt Ignaz Walker zum überraschenden Urteil des Bundesgerichts

Ignaz Walker erklärt, wie es ihm nach der Entlassung aus der Sicherheitshaft ergangen ist, warum er im März Velos gestohlen hat – und was er sich von der dritten Verhandlung vor dem Urner Obergericht erhofft.
14.05.2017 | 00:30

Interview: Carmen Epp

carmen.epp@urnerzeitung.ch

Die Geschichte von Ignaz Walker (50) ist in der Schweizer Rechtsprechung einzigartig. Das Urner Obergericht hatte ihn zu 15 Jahren Haft verurteilt, weil er 2010 auf einen Mann geschossen und einen Auftragskiller auf seine Ehefrau angesetzt haben soll. 2014 hob das Bundesgericht das Urteil auf. Das Obergericht verurteilte ihn darauf wegen der Schüsse zu 28 Monaten Haft, sprach ihn aber vom Mordversuch frei.

Im März dieses Jahres geriet Walker wieder in die Schlagzeilen. Er war in ein Velogeschäft eingebrochen. Im April folgte die grosse Überraschung. Das Bundesgericht hob den Freispruch des Urner Obergerichts auf und wies den Fall erneut zurück.

Nun äussert sich Ignaz Walker erstmals in der Öffentlichkeit. Er traf sich mit unserer Zeitung in Basel. Wo er wohnt, will er nicht preisgeben – er wolle seine Ruhe und nicht verfolgt werden.

 

Ignaz Walker, bis zum Einbruchdiebstahl im März war es lange ruhig um Sie.

Zu diesem Fall möchte ich nichts Konkretes sagen. Es war ein grosser Fehler, ein riesen Scheissdreck, den ich da getan habe.

Viele sehen sich nun darin bestätigt, dass Sie eine kriminelle Energie aufweisen.

Ich habe nie behauptet, ich sei ein Engel. Eine gewisse Schlitzohrigkeit gehört zu mir. Der Einbruchdiebstahl entspricht der Kleinkriminalität, in der ich mich immer bewegt habe. Die Taten, die mir in Uri vorgeworfen werden, sind aber von ganz anderer Qualität. Insofern widerlegt der Einbruchdiebstahl eigentlich das Bild des schwerkriminellen Ignaz Walker, das der Oberstaatsanwalt seit Jahren zu zementieren versucht.

Inwiefern?

Wenn ich tatsächlich so wäre, wie der Oberstaatsanwalt behauptet, also auf Menschen schiesse und einen Mord in Auftrag gebe, hätte ich es ja wohl kaum nötig, in ein Velogeschäft einzubrechen. Welcher Schwerkriminelle geht schon drei Velos klauen? Da gäbe es andere Möglichkeiten, aber so bin ich nicht. Zudem war ich von Anfang an geständig, was beweist, dass ich zu Taten, die ich begangen habe, auch stehe.

Jetzt reden Sie den Diebstahl klein. Warum haben Sie diese Velos gestohlen?

Bis vor kurzem kam ich finanziell einigermassen über die Runden, bis dann viele Rechnungen kamen und ich finanziell immer mehr unter Druck geraten bin.

Sie wurden 2015 nach knapp fünf Jahren Sicherheitshaft unbetreut entlassen. Hätten Sie Hilfe gebraucht?

Ich habe nach meiner Entlassung jede Hilfe angenommen, die mir angeboten wurde. Natürlich wollte ich nicht ausgerechnet bei den Behörden Hilfe anfordern, die mitverantwortlich waren für meine ungerechtfertigte Haft. Und nachdem ich in einem ersten Gespräch vom Sozialamt Erstfeld abgewimmelt wurde, musste ich auf Hilfe von Freunden zurückgreifen. Trotzdem mache ich niemanden für meine Tat im März verantwortlich. Es war meine Entscheidung – sicher eine der dümmsten, die ich in meinem Leben je getroffen habe.

Wovon leben Sie im Moment?

Ich hatte nach meiner Entlassung ein paar hundert Franken Verdienst aus dem Gefängnis, verkaufte meine Lebensversicherung für rund 10000 Franken und machte noch eine kleine Erbschaft. Daneben habe ich in dieser Zeit über 50 Bewerbungen geschrieben. Als ich in die engere Auswahl kam, hiess es jeweils, ich solle mich wieder melden, wenn mein Verfahren abgeschlossen sei. Das nicht nur in der Zentralschweiz, sondern auch in der Ostschweiz. Während eines halben Jahres habe ich dann in einer Garage geschlafen. Aufs WC ging ich am Bahnhof, gewaschen habe ich mich im See.

Erwarten Sie Mitleid?

Nein, ich brauche kein Mitleid, sondern Gerechtigkeit. Dazu gehört auch, dass die ganzen Fehler, die in meinem Verfahren gemacht wurden und aktenkundig sind, endlich untersucht werden.

Mit der Aufhebung des Freispruchs durch das Bundesgericht ist dies in weite Ferne gerückt.

Als ich das Urteil erhalten habe, spielte ich mit Selbstmordgedanken. Nicht wegen des Inhalts des Urteils, sondern weil die Ungerechtigkeit wieder da war. Inzwischen konnte ich mich wieder fangen. Ich weiss, dass ich den stärksten Partner an meiner Seite habe, den man sich nur vorstellen kann: die Wahrheit. Und bin nach wie vor überzeugt, dass die irgendwann ans Licht kommt. Dafür werde ich kämpfen, bis zu meinem Tod. Und selbst wenn ich noch mal ins Gefängnis muss: Damit komme ich klar. Wie die Leute, die das alles zu verantworten haben, mit ihrem Gewissen umgehen können, wenn irgendwann alles auf den Tisch kommt, weiss ich nicht.

Wie finden Sie es, dass nun dasselbe Gericht Ihren Fall zum dritten Mal verhandelt?

Das Obergericht hat in seinem letzten Urteil bewiesen, dass sich unweigerlich Zweifel an meiner Schuld aufdrängen, wenn man die Akten studiert. Ich hoffe, dass sich diese Zweifel beim dritten Mal noch verstärken werden.

Bevor es so weit ist, wird nun eine erneute Sicherheitshaft geprüft. Haben Sie Angst?

Nein. Ich habe mich noch nie versteckt. Wenn es zu einem Haftbefehl kommt, werde ich mich dem stellen.

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