Zug
17.07.2017 17:51

Mit Hightech auf der Suche nach Fledermäusen

  • Die Fledermausschutzbeauftragte des Kantons Zug, Isabelle Bögli, im Gebiet Feldhof in Zug. (© Bild: Maria Schmid (6. Juli 2017))
    Die Fledermausschutzbeauftragte des Kantons Zug, Isabelle Bögli, im Gebiet Feldhof in Zug. | Bild: Maria Schmid (6. Juli 2017)
  • Der Detektor wandelt die Ultraschallrufe der Fledermäuse in für Menschen hörbare Töne um. (© Bild: Maria Schmid (6. Juli 2017))
    Der Detektor wandelt die Ultraschallrufe der Fledermäuse in für Menschen hörbare Töne um. | Bild: Maria Schmid (6. Juli 2017)
ZUG ⋅ Meistens nehmen wir Fledermäuse in der Nacht gar nicht wahr. Aber um sie ranken sich gruselige Geschichten. Die Zuger Beauftragte für Fledermausschutz ist dauernd auf der Suche nach den nützlichen Tieren.

Harry Ziegler

harry.ziegler@zugerzeitung.ch

Ihnen haftet etwas Unheimliches an. Fledermäuse sind, obwohl geschützt, unbekannte Tiere. Vor allem, weil sie nachts aktiv sind. Eine Person, die sich mit diesen Säugetieren auskennt, ist Isabelle Bögli (30). Die Umweltingenieurin ist seit 2011 die Fledermausschutz-Beauftragte des Kantons Zug.

Sie geht beim Eindunkeln einer Sichtungsmeldung im Gebiet Feldhof in Zug nach. «In der Nähe des Bocciadroms wurden von einer Frau und Kindern Fledermäuse gesichtet», erklärt Isabelle Bögli. Es scheint, als hätten die Fledermäuse in einem Kanalisationsabfluss in der Nähe eine Unterkunft bezogen. «Das muss ich nun verifizieren», erklärt die Fledermausschützerin.

Hightech, Taschenlampe und ein schnelles Auge

Um allfällige Fledermäuse in der anbrechenden Dunkelheit überhaupt erkennen zu können, braucht Isabelle Bögli einen Fledermaus-Detektor. Dieser wandelt die Flugrufe der Fledermäuse, die für das menschliche Ohr unhörbar sind, in wahrnehmbare Töne um. Dabei tönt jede Fledermausart anders. «Überhaupt verfügen Fledermäuse über ein komplexes Sprachsystem. Die Tiere kommunizieren auch untereinander über Töne. Diese sozialen Rufe sind tiefer, und einige sind auch fürs menschliche Ohr hörbar.»

An diesem Abend tönt es meistens «tock-tock-tock» in schneller Abfolge aus dem Gerät. Laut Bögli scheint es sich um Zwergfledermäuse zu handeln. Um die Art bestimmen zu können, müsste die Signatur aufgenommen und dann in Ruhe analysiert werden. Den für Aufnahmen ausgelegten Detektor hat Bögli nicht dabei. Es gehe in erster Linie darum, die Sichtung zu bestätigen und nicht darum, die Fledermausart zu bestimmen.

«Fledermäuse haben zwar gute Augen», erklärt Bögli. «In vollkommener Dunkelheit allerdings orientieren sich die Tiere am Echo ihrer Rufe.» Interessant wird es auf dem Detektor, wenn die Tiere auf Beute stossen. Dann tönt es aus dem kleinen Lautsprecher, als ob ein Maschinengewehr abgefeuert würde. «Tönt es so, dann haben die Fledermäuse Beute geortet. Erwischen sie diese, dann ist es für Millisekunden ruhig auf dem Detektor. Dann wird das Insekt vertilgt», erklärt Isabelle Bögli. Und dann geht es weiter mit der Nahrungssuche. Immer und immer wieder, ein Tier vertilgt in einer Nacht über tausend Insekten. «Die Erfolgsquote bei der Jagd nach Insekten liegt bei etwa 50 Prozent.»

Zum Einsatz kommt in dieser Nacht neben dem Detektor die Taschenlampe. Mit ihr leuchtet Bögli Brückenbogen aus oder in Abflussröhren hinein, in denen die Fledermäuse hausen könnten. «Zur Ausrüstung gehört auch eine Endoskopkamera, mit der ich in Spalten oder Ritzen schauen kann, in denen die Tiere leben. Fledermäuse bauen nämlich keine Nester.»

Langsam gewöhnen sich auch die Augen an die Dunkelheit, die durch einige Lampen der nahen Siedlung nur wenig erhellt wird. Tatsächlich liefern die Töne aus dem Detektor die Information, dass Fledermäuse im Gebiet Feldhof auf der Jagd sind. Nach einiger Zeit gelingt es einem, die eine oder andere schnellfliegende Fledermaus mit blossem Auge zu sehen.

Irrwitzig schnelle und sichere Flieger

Noch immer gelten Fledermäuse als Träger der Tollwut. Tatsächlich trügen einige Tiere den Virus in sich. In der Schweiz sind drei Fälle von Fledermäusen mit Tollwut nachgewiesen. Ihr sei in Europa kein Fall bekannt, bei dem Menschen oder Haustiere über eine Fledermaus mit dem Tollwutvirus angesteckt wurden, sagt Bögli.

Mittlerweile hat sie verschiedene Abflussrohre geprüft und auch ausgeleuchtet. Von einer Fledermaus-Behausung findet sich im untersuchten Gebiet im Feldhof keine Spur. Dafür scheint das Gebiet mit den angrenzenden Fussballfeldern bei den Fledermäusen sehr beliebt, um zu jagen. Ein Rinnsal sorgt dafür, dass genügend Nachschub an Mücken vorhanden ist. Immer wieder sind Fledermäuse zu sehen, die sich irrwitzig schnell auf die Wasseroberfläche zu- und wieder wegbewegen. Manchmal scheinen sie die Wasseroberfläche zu streifen. «In diesen Momenten nehmen die Tiere Wasser auf.» Erstaunlich sei gemäss Isabelle Bögli, dass die Fledermäuse sich über den Fussballfeldern auf die Jagd nach Insekten begeben. «Diese intensiv gepflegten Rasenflächen sind nicht das bevorzugte Jagdgebiet, weil dort eher weniger Insekten vorkommen.» Immer wieder sind dabei in den wenigen Lichtquellen Fledermäuse zu beobachten, die schnell auf Bögli zufliegen, um im letzten Moment links oder rechts auszuweichen. Und das, wenn der Detektor ausgeschaltet ist, völlig lautlos.

Im Kanton Zug sind 16 der 30 verschiedenen in der Schweiz beheimateten Fledermausarten verbreitet. «Viele Arten sind gefährdet», sagt Bögli. Deshalb stünden die Fledermäuse auch unter Schutz. Der Lebensraum wird auch für sie durch die Zersiedelung immer enger. Im Haus von Isabelle Bögli leben natürlich Fledermäuse – ganz wie sich das für die Fledermausschutz-Beauftragte gehört.

Hinweis

In unserer Sommerserie «Zug bei Nacht» begleiten wir während der Sommerferien Menschen, die nachts arbeiten oder unterwegs sind.

 

Jährlich brauchen 70 Tiere Hilfe

Pflegestation In der Schweiz kennt man aktuell 30 verschiedene Fledermausarten. 16 davon kommen im Kanton Zug vor. In den meisten Industrieländern Westeuropas hat die Zahl der Fledermäuse in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen – so auch in der Schweiz. Fledermäuse sind bedroht und sämtliche Arten in der Schweiz aus diesem Grunde geschützt. Die Ursachen für den Rückgang sind vielfältig: Lebensraumverlust, Insektizide und Pestizide sowie die Zerstörung von Fledermausquartieren sind nur einige Faktoren, die dazu geführt ­haben. Dementsprechend sind viele Fledermausarten gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass verletzte oder geschwächte Fledermäuse gefunden werden. In Walchwil betreiben Karin Schneebeli (52) und in Baar Elke Raffa (52) nebenberuflich und auf ehrenamtlicher Basis die Pflegestationen für Fledermäuse im Kanton Zug. Je nachdem, wer besser verfügbar ist, wird das Fledermausnottelefon immer zu einer der beiden Fledermauspflegerinnen umgeleitet.

Verschiedene Ursachen machen Pflege nötig

Die häufigsten Ursachen, die eine Betreuung in der Pflegestation nötig machen, sind gemäss Schneebeli Verletzungen durch Katzen oder geschwächte Tiere, wenn beispielsweise wegen der Witterung das Nahrungsangebot knapp ist oder gar nicht gejagt werden kann. Weiter finden junge Tiere, die noch nicht gut fliegen können und nicht mehr zum Quartier zurückfinden, Aufnahme. Aber auch frisch geborene Tiere, deren Mutter gestorben ist, werden gepflegt. Fledermäuse übernehmen bei verwaisten Tieren keine Ammenfunktion.

Im letzten Jahr wurden gemäss Statistik, die Karin Schneebeli führt, 69 Fledermäuse in der Pflegestation aufgenommen. Am meisten Eingänge (43) verzeichnete die Zwergfledermaus. Mit 10 Eingängen wird die Rauhautfledermaus geführt. Weiter wurden 2016 in der Station 8 Mückenfledermäuse, je 3 Bart- und Zweifarbenfledermäuse, 1 Weissrandfledermaus sowie 1 Braunes Langohr gepflegt. Zum Vergleich: 2011 wurden in der Pflegestation 35 Tiere betreut. 2015 mussten mit 71 die meisten Tiere gepflegt werden.

Was tun, wenn eine Fledermaus gefunden wird?

Wenn eine Fledermaus bei Tag draussen gefunden wird, stimmt normalerweise etwas nicht, und sie braucht dringend Hilfe. Das Tier sollte mit einem Lappen oder Handschuh aufgenommen und in eine kleine Kartonschachtel mit Haushaltspapier gelegt werden. Die Schachtel muss unbedingt gut verschlossen werden, Fledermäuse sind Ausbruchskünstler. In die Schachtel ein paar kleine Luftlöcher machen und dann die Pflege­station für Fledermäuse informieren (Telefonnummern siehe Hinweis).

Man kann auch selber einen Beitrag zur Erhaltung der Fledermäuse leisten. Beispielsweise kann der eigene Garten so gestaltet werden, dass er viele Insektenarten beheimatet. Diese sind Beute für die Fledermäuse. Dazu sollten duftende Kräuter und in der Nacht blühende Blumen gepflanzt werden. Und wer die Möglichkeit hat, könnte sogar einen kleinen Weiher anlegen. Wer ein Fledermausquartier beherbergt, kann nämlich stolz sein, denn die Standorte, an denen sich Fledermäuse niederlassen, sind selten und in asiatischen Ländern wird behauptet, Fledermäuse bringen Glück.

Hinweis

Das Fledermausnottelefon im Kanton Zug hat die Nummer 041 758 07 34, ausserkantonal 079 330 60 60. Informationen gibt es unter www.zg.ch/fledermaus sowie www.fledermausschutz.ch. Die rote Liste der Schweizer Fledermausarten gibt es unter www.fledermausschutz.ch/Schutz/RoteListe.html

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