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BILDUNG

Privatschulen: Das Wachstum ist gebremst

Expats im Kanton Zug wählen für ihre Kinder häufiger die öffentlichen Schulen, wie sich beispielsweise in Walchwil zeigt. Das ist auf mehrere Gründe zurückzuführen – unter anderem finanzielle.
11.01.2018 | 08:10

Rahel Hug

rahel.hug@zugerzeitung.ch

Zug ist schweizweit bekannt für seinen hohen Anteil an Privatschülern. Als Ergänzung zu den öffentlichen Schulen haben private, internationale Schulen hier nicht nur eine lange Tradition, sondern auch eine besonders starke Stellung. Doch sie ist weniger stark als auch schon, wie Zahlen der kantonalen Bildungsdirektion zeigen. Die Daten des aktuellen Schuljahres sind noch nicht verfügbar, aber es liegen Zahlen bis 2016 vor. Der Anteil von Privatschülern im kantonalen Durchschnitt lag 2012 bei 9,1 Prozent. Er stieg dann bis ins Jahr 2014 auf 9,6 Prozent an und ging dann wieder leicht zurück auf 9,5 Prozent im Jahr 2016.

Das ist keine markante Veränderung, doch es zeigt sich: Das Wachstum bei den Privatschulen, von dem noch vor rund fünf Jahren die Rede war, ist gebremst. Woran liegt das? «Der Anteil an Privatschülern ist in erster Linie von den sogenannten International Schools abhängig», sagt Bildungsdirektor Stephan Schleiss. «Deren Segment sind diejenigen Expats, die davon ausgehen, Zug in wenigen Jahren wieder zu verlassen.» Es könne nun sein, dass weniger Expats kommen oder dass die Expats länger bleiben. Zudem würden sich die Expats «schul-kulturell» auch nach Herkunft unterscheiden. «Es kann also daran liegen, dass sie vermehrt aus Osteuropa statt aus Nordamerika nach Zug kommen», so Schleiss. In Osteuropa haben Privatschulen keine grosse Tradition. Schliesslich, erklärt der SVP-Regierungsrat, dürfte auch ein Faktor sein, dass die gemeindlichen Schulen fremdsprachige Kinder heute «noch besser und gezielter eingliedern können». Schleiss sagt: «Wir stellen fest, dass Expats die Informationsveranstaltungen zum Zuger Schulwesen sehr gut besuchen. Das Interesse für die öffentlichen Schulen ist gross.»

Kanton hat die Unterstützung gekürzt

Ein weiterer Grund könnten die tieferen Beiträge des Kantons sein. Im Rahmen des Sparpakets 2018 hat der Zuger Kantonsrat nämlich beschlossen, die Zahlungen an anerkannte Privatschulen zu kürzen – was für die Eltern Mehrkosten bedeutet. Stephan Schleiss sagt dazu: «Es gab keine Rückmeldungen seitens der Privatschulen, dass sich wegen der Kürzung weniger Schülerinnen und Schüler angemeldet hätten.» Im Vorfeld der Streichung hätten aber einige Vertreter gemeldet, dass die tieferen Beiträge für sie «einschneidend» seien. Kommt dazu, dass Firmen die Schulkosten für die Kinder der Mitarbeiter nicht mehr im gleichen Mass übernehmen wie früher. «Das ist eine Rückmeldung, die wir seitens Privatschulen gehört haben», erklärt Stephan Schleiss. «Ökonomische Überlegungen spielen hier sicher eine Rolle.» Das bestätigt eine Vertreterin der International School of Zug and Luzern (ISZL). «Wir sind uns bewusst, dass einige Firmen ihre Kompensationspakete für internationale Mitarbeiter geändert haben, was allerdings eher eine globale Entwicklungstendenz ist», sagt sie und fügt an: «Die Kürzungen haben für die ISZL und unsere Familien natürlich einen Einfluss, dessen Ausmass wir zurzeit nicht abschätzen können.» Die Sprecherin sagt, dass die Schülerzahlen der ISZL seit 2014 stabil sind.

Eine Anfrage bei zwei grossen Zuger Arbeitgebern mit internationaler Belegschaft zeigt, wie die Unterstützung von Firmen funktioniert. Das Unternehmen Johnson & Johnson AG in Zug beispielsweise bezahlt die Kosten für den Besuch einer internationalen Schule für Kinder von Mitarbeitenden in einem sogenannten «International Assignment». Solche Mitarbeiter kommen für eine begrenzte Zeit in die Schweiz. Die Vermutung, dass Kosten nicht im gleichen Mass wie früher übernommen werden, bestätigt Sprecher Thomas Moser indes nicht. Er sagt lediglich: «Werden Mitarbeitende mit einem International Assignment lokalisiert, also nach Ablauf weiterhin in der Schweiz beschäftigt, wird die finanzielle Unterstützung beendet.»

Auch die Roche Diagnostics International AG in Rotkreuz übernimmt Schulkosten «in besonderen Fällen», wie Sprecherin Amira Hamami sagt. Das heisst, bei nicht deutschsprachigen Kindern von neuen Mitarbeitenden und bei Kindern von vorübergehend in der Schweiz tätigen Angestellten. «Das Konzept für die Übernahme der Kosten für internationale Schulen besteht seit vielen Jahren. Eine Änderung ist nicht geplant», erklärt Hamami. Die Anzahl der Kinder, deren Schulkosten übernommen werden, unterliege keinem Kontingent.

Bedürfnis zur Integration zeigt sich vermehrt

Während in den meisten Gemeinden die Anteile an Privatschülern stabil, leicht steigend oder leicht abnehmend sind, verzeichnet Walchwil einen starken Rückgang. 2012 lag der Anteil noch bei 26,8 Prozent. Die Seegemeinde war damit Spitzenreiterin. Sie war es auch 2016 noch, allerdings ging der Anteil bis dann auf 19,1 Prozent zurück. Die vermehrte Einschulung in der öffentlichen Schule hat auch der Gemeinderat wahrgenommen. «In Walchwil betrifft es vor allem ausländische Schülerinnen und Schüler, die an der ISZL waren», sagt Bildungsvorsteher Stefan Hermann (CVP). Für den Rückgang führt er die gleichen Gründe wie Regierungsrat Stephan Schleiss ins Feld: die Unterstützungsbeiträge und den guten Ruf der öffentlichen Schulen. Hermann spricht zudem einen weiteren Aspekt an: «Viele Expats und ausländische Zuzüger haben vermehrt das Bedürfnis, ihre Kinder im Dorf zu integrieren.» Auch die sprachliche Integration habe bei den Eltern an Bedeutung gewonnen.

Eine ähnliche Entwicklung ist in Unterägeri zu beobachten. Dort hat der Gemeinderat im Vorfeld zur letzten Gemeindeversammlung über die höheren Schülerzahlen informiert. Viele Kinder, welche zuvor Privatschulen besucht hätten, würden neu in Unterägeri in die Schule gehen, schrieb der Gemeinderat. Schulvorsteher Beat Iten (SP) ergänzt auf Anfrage: «Expat-Eltern und -Kinder kommen oft aus Ländern, in denen die Volksschule nicht den besten Ruf hat. Unser öffentliches Schulsystem bewegt sich zweifellos auf einem anderen Niveau.» Dies bleibe den Eltern und Erziehungsberechtigten nicht verborgen. Iten bestätigt ausserdem, was auch sein Kollege aus Walchwil feststellt: «Möglicherweise ist der Wille zur Integration heute stärker vorhanden. Die Kinder und Jugendlichen beteiligen sich oft generell stärker am gesellschaftlichen Leben, etwa in Sport- oder Musikvereinen.»

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