CURLING

Curler Martin Rios: «Wir sind hier, um Gold zu holen»

Martin Rios und Jenny Perret sorgen für die erste Schweizer Medaille in Pyeongchang. Sie besiegen im Halbfinal die Russen und haben Silber auf sicher. Im heutigen Final wollen sie es Favorit Kanada schwermachen.
13.02.2018 | 04:40

Andreas Eisenring, Pyeongchang

sport@luzernerzeitung.ch

Was für ein Nervenkrimi: Vor der letzten russischen Abgabe lag ein Schweizer Stein beim Stand von 6:5 Shot. Die Russen hätten einfach einen reinlegen müssen, um ein Zusatzend zu erzwingen. Doch Alexander Kruschelnitzki versagten die Nerven, der Stein geriet zu lang. Jenny Perret und Martin Rios lagen sich in den ­Armen. Was gar nicht so selbstverständlich ist bei den beiden, wegen ihres ruppigen Umgangs untereinander.

Gestern agierten die zwei Schweizer aber sehr fokussiert, ihre Diskussionen waren sach­licher als auch schon, da wurde nicht unnötig Reibungsenergie verschwendet. Das war wohl der Schlüssel zum Erfolg. Zudem trat das Schweizer Mixed-Doppel nervenstärker auf als die Russen in dieser unterhaltsamen und am Ende dramatischen Partie. Unterhaltungswert hatten auch die Aussagen danach. «Ich war extrem nervös wie noch nie, schon ­Stunden vor dem Spiel», gab die 26-jährige Seeländerin Jenny Perret zu. Ihr Glarner Partner Martin Rios (36) kommentierte das auf seine bekannt träfe Art: «Es war sehr gut, dass Jenny ­nervös war, denn wenn sie den Kopf abstellt und nicht über alles nachdenkt, spielt sie am besten.» Seine eigene Gemütslage beschrieb er so: «Heute war ich ­ruhig wie noch nie. Zwar bin ich auch etwas nervös gewesen am Nachmittag, aber sobald das Spiel begonnen hatte, wurde ich sehr ruhig und habe irgendwie gespürt, dass es gut kommt.»

Für einmal begannen die Schweizer gut, nachdem sie am Olympiaturnier bisher öfters erst in der zweiten Spielhälfte erwacht waren. Bis zur Pause nach vier Ends führten sie mit 4:2, doch danach glichen die Russen auf 4:4 aus. Im 6. End verpassten die Schweizer die Vorentscheidung, als sie beim Versuch, mit dem letzten Stein zwei Punkte zu schreiben, ihren Shot liegenden Stein selber rauskatapultierten. So hiess es 4:5 statt 6:4.

Der letzte Stein im 8. End wurde dann zum Drama für die Russen. Die Schweizer lagen zwar Shot, aber die Russen hatten den letzten Stein und zwei Möglichkeiten: mit einem (einfachen) Draw ein Zusatzend erzwingen oder mit einem (risikoreichen) Versuch zwei Punkte schreiben und in den Final einziehen. Diese Entscheidung schien die Russen zu verunsichern, zumal ihnen die Zeit runterlief. Letztlich zerbrachen sie unter diesem enormen Druck: Der Stein von Alexander Kruschelnitzki geriet zu lang. Die Russen waren konsterniert, versuchten den Blackout so zu erklären: «Wir entschieden uns gegen das Risiko und wollten einen Punkt für das Zusatzend holen. Aber wir waren sehr nervös.»

«Der Erfolg gibt uns recht»

Für einmal hatten die Schweizer ihre Nervosität in positive Energie umgewandelt. «Ich weiss, jetzt sagen wieder viele, ob wir zwei nicht ein bisschen anders umgehen können miteinander», sagte Rios, der als Doppelbürger einmal zwei Jahre für Spanien gespielt hatte, nach dem 7:5-Sieg. «Aber das ist unsere Sache allein. Das ist unser Weg, und das geht nur uns zwei etwas an. Jedenfalls kann nicht alles so falsch sein, der Erfolg gibt uns recht.»

Und heute (12.05 Uhr) also das Spiel um Gold gegen den ­Favoriten Kanada «Wir haben das vorher niemandem gesagt, aber wir zwei unter uns haben das ganz klar ausgedrückt: Wir sind nur hierher gekommen, um Gold zu holen. Wir haben nie ein an­deres Ziel gehabt», gibt sich Rios selbstbewusst. Es klang nicht etwa überheblich, sondern zeigt das Selbstbewusstsein von einem bodenständigen Glarner, der sich nicht scheut, auch an Olym­pischen Spielen nur die höchsten Ziele zu formulieren. Rios fügte augenzwinkernd noch an: «Unter uns gesagt ist der goldene Staubfänger viel schöner als der silberne. Ich hoffe, wir werden noch die Hymne hören.»

Das Rezept dafür ist Martin Rios auch klar: «Wenn wir die erste Hälfte des Halbfinals und die zweite vom Gruppenspiel gegen die Russen zusammenbringen, dann wird es auch für die Kanadier nicht einfach, uns zu besiegen.»

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