ZEITMESSUNG

Ausreden im Eishockey sind vorbei

Auch an diesen Olympischen Spielen ist Schweizer Präzision unentbehrlich. Die Firma Omega als «Official Timekeeper» hat den Vertrag mit dem IOC bis 2032 verlängert.
10.02.2018 | 13:15

Andreas Eisenring, Pyeongchang

sport@luzernerzeitung.ch

Immer weiter, immer schneller, immer höher – das sind im Prinzip noch heute die grundlegenden drei Masse, um dem Sport zahlenmässig beizukommen. Längst aber ist der Begriff «Official Timekeeper» von den ungeahnten Möglichkeiten der sportspezifischen Datenautobahn überholt worden, erzeugt doch die technologische Entwicklung jährlich immer wieder neue Messparameter. Beim Schweizer Uhrenhersteller Omega mit Sitz in Biel forschen allein 170 Angestellte an Weiterentwicklungen. Und: Omega hat den Vertrag mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) bis 2032 verlängern können, einhergehend mit dem 100-Jahr-Jubiläum des olympischen Engagements der Firma in 14 Jahren.

Zu den Innovationen in Pyeongchang gehört beispielsweise, dass die Athleten in den meisten Sportarten mit Bewegungssensoren ausgestattet werden, welche eine Vielzahl an neuen Analysemöglichkeiten eröffnen. Im Ski alpin zum Beispiel wird allen Abfahrern ein rotes, batteriebetriebenes Kästchen hinten am Skischuh befestigt. Es ermöglicht, in drei Sektionen der Olympiaabfahrt den Rückstand oder Vorsprung eines Fahrers zum Führenden einzublenden, sozusagen Meter für Meter. Das während der ganzen Fahrt zu tun, ist wegen der Länge der Abfahrt aber eine noch nicht gelöste technologische Herausforderung.

Zum ersten Mal in Sotschi eingesetzt wurde im Eishockey die Zeitmessung via Schiedsrichterpfiff (Whistle Detection System): Der löst via Funk automatisch einen Impuls aus, der die Uhr sofort anhält. Dazu sind rund ums Stadion 20 höchst sensible Wireless-Antennen montiert, die nur auf Schiedsrichter-, nicht aber auf Zuschauerpfiffe reagieren sollen. Im Vergleich zur normalen menschlichen Reaktionszeit wird so pro Pfiff fast eine halbe Sekunde gewonnen, womit pro Partie bis zu 40 Sekunden an reiner Spielzeit mehr übrig bleiben – genug Zeit für das entscheidende Tor. Das von Hand bediente Kästchen hat dennoch nicht ausgedient: Es ist das Back-up, falls das automatische System einmal versagen sollte.

Livetracking der Eishockeyspieler

Eine Premiere ist im Eishockey das Livetracking der Spieler, welches Dutzende von neuen Auswertungen erlaubt. Zu diesem Zweck werden in jedes Spielerleibchen kleine schwarze Sensoren eingenäht. «Wir haben insgesamt 1700 solche Tags für alle Frauen- und Männermannschaften produziert», erklärt Pascal Rossier, verantwortlich für die gesamte technologische Abwicklung an den Spielen. Eine besondere Herausforderung war, die Sensoren so anzubringen, dass sie bei einem Check kein Verletzungsrisiko darstellen. Sie befinden sich im Leibchen in einer kleinen Tasche in der Abschlussnaht des Halskragens. Zudem müssen die hochsensiblen Sensoren waschmaschinenfest sein. «Wir haben das natürlich auch getestet und die Tags versuchsweise in Socken gewaschen», schmunzelt Rossier.

Diese Technologie ermöglicht beispielsweise, dass die effektive Eiszeit und die Anzahl Einsätze jedes Spielers jederzeit live eingeblendet werden können. Oder bei einem Unterbruch können einzelne Spieler- oder Puckwege visuell aufgeschaltet werden. Und den Trainern werden dynamische Taktik-Visualisierungen angeboten. Mittels bewegter Abfolgen zeigen sie beispielsweise, welche Wege die Verteidiger des zweiten Blocks beim Gegentor in der 17. Minute genau zurückgelegt haben und wo dem Gegner zu viel Spielraum gelassen wurde. Zudem können sämtliche Laufwege eines Spielers nachverfolgt werden.

Wie viele und welche Daten in einer Liveübertragung dem TV-Zuschauer zugemutet werden sollen, ist eine andere Frage, denn die theoretischen Möglichkeiten übersteigen die Aufnahmefähigkeiten des Fernsehzuschauers bei weitem. So verzichtet OBS (Olympic Broadcasting Services) darauf, im Eishockey Beschleunigung und Speed einzelner Spieler einzublenden. Die Trainer hingegen dürften grosses Interesse an dieser Funktion haben. So können sie leicht nachweisen, dass Verteidiger X mit seiner Beschleunigung weit hinten rangiert, und ihm deswegen zusätzliche Schnellkrafteinheiten im Kraftraum aufbrummen. Die Eishockeyspieler werden es in Zukunft schwerer haben, sich mit Ausreden gegen die Folgen dieser Datenauswertungen zu wehren.

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