CURLING

Harmonie als Störfaktor

Das Schweizer Mixed-Doppel steht im Halbfinal. Dank einer grandiosen Aufholjagd gegen OAR (Russland) bringt der letzte Stein die Wende zum 9:8-Sieg. Heute (12.05 Uhr) kommt es zur Revanche.
11.02.2018 | 14:36
Aktualisiert:  11.02.2018, 22:00

Andreas Eisenring, Pyeongchang

sport@luzernerzeitung.ch

Vor dem allerletzten Stein der Partie liegt die Schweiz gegen die Olympic Athlets of Russia (OAR) mit 6:8 in Rückstand – aber zwei Schweizer Steine liegen shot. Damit hätte man sich wenigstens ins Zusatzend gerettet. Aber es kommt noch besser: Die Bielerin Jenny Perret (26) legt eine grandiose letzte Abgabe in die Bahn und schreibt ein Dreierhaus: Sieg und Halbfinaleinzug – nach einem 2:7-Rückstand.

«Ehrlich gesagt habe ich nicht mehr daran geglaubt in diesem Moment», gibt Perret zu. Aber da kam die grosse Stärke dieses Teams zum Tragen. «Wir waren eigentlich tot. Aber wir haben unglaublichen Kampfgeist bewiesen», nennt Martin Rios (36) den entscheidenden Faktor. Damit haben die Weltmeister das erste Zwischenziel erreicht und treffen heute im Halbfinal erneut auf die OAR, welche diese Saison erstmals der Schweiz unterlagen.

Es fliegen die (Wort-)Fetzen

Die Umarmung am Schluss der nervenaufreibenden Partie täuscht. Solch herzliche Gesten kommen zwischen den beiden nämlich selten vor. Martin Rios und Jenny Perret pflegen einen speziellen Umgang miteinander, der gar nicht dem gängigen Muster entspricht. Es ist auf den ersten Blick das pure Gegenteil einer harmonischen Curlingbeziehung. Angesichts der Schonungslosigkeit der streitbaren Dialoge, welche die TV-Mikrofone ungeschönt und frei Haus liefern, sträuben sich jedem Kommunikationscoach die Nackenhaare.

Das tönt dann live etwa so: «Du musst weniger Eis geben – hey, das ist meine Seite! – Ja, aber schon vorher gegen die USA ist es zu viel gewesen.»

Oder: «Der ist gut! – Nein, der ist zu lang! – (Lauter.) Nein, der ist gut!»

Oder: «Musst halt mal mit Köpfchen spielen! Wie kann man nur an dieser dummen Guard anhängen ...»

Kurz: Da wird «chifflet», gezankt, da fliegen die (Wort-)Fetzen.

Die beiden können sich auch problemlos noch ein Zwiegespräch liefern oder eine taktische Belehrung nachschieben, wenn der eigene Stein schon längst unterwegs ist. Man kritisiert sich gegenseitig schonungslos, schon bevor das Resultat feststeht.

Umgekehrt haben Komplimente Seltenheitswert. Für Lob wird selber gesorgt. «Der ist gar nicht so schlecht gekommen», freut sich Rios über einen eigenen gelungenen Stein. Perret schweigt. Schliesslich ist Martin oft genug der Initiant des ruppigen Umgangstons.

Streitbare Dialoge als Energiespender

Die beiden sind sich ihrer besonderen Konstellation bewusst, reflektieren offen darüber. «Ja, das gehört einfach zu uns, dieser Umgang. Wir gehen halt auf jeden kleinen Fehler ein und fordern enorm viel voneinander», erklärt die 26-jährige Bielerin Jenny Perret. Und Partner Martin Rios, der burschikose Glarner, der «Fadengrade», der viel lacht, aber ebenfalls viel fordert, bringt es so auf den Punkt: «Harmonie ist für mich definitiv kein Leistungsfaktor. Wir lassen halt mal was raus, dann ist es raus. Besser, als immer den Deckel drüber zu halten. Dadurch pushen wir uns, holen mehr aus uns heraus. Diese Emotionen geben uns auch Kraft.» Dass dies eine heikle Gratwanderung sein kann, dessen ist sich Rios bewusst: «Zu viel Kritik, zu viele Emotionen können auch schaden, da verlieren wir manchmal den Fokus.»

Diese (scheinbaren) Dissonanzen machen die Schweizer zu einem äusserst unbequemen Gegner. «Wir sind ein extrem kampfstarkes Team. Es braucht viel, um uns zu schlagen, wir geben nie auf», sagt Rios. Und dann erwähnt Perret beiläufig noch etwas, was viel erklärt: «Wir waren früher auch privat einmal ein Paar, und deshalb kennen wir uns so gut und verlangen auch so viel voneinander.» Und ja, nachtragend seien sie überhaupt nicht, nach dem Spiel sei das alles wieder vergessen.

Wie war das doch früher im Beachvolleyball mit den Brüdern Paul und Martin Laciga? Auf deren Umgang haben Aussenstehende ebenfalls irritiert reagiert. Auch die beiden Athleten haben sich zu Höchstleistungen gepusht, indem sie sich herausgefordert und sich gegenseitig alles abverlangt haben.

Harmonieversuch ist gescheitert

Natürlich ist das Schweizer Duo auch in der Curlingszene schon lange ein Thema. Die ehemalige Weltmeisterin Carmen Schäfer, die als Expertin für SRF die Olympischen Spiele begleitet, meint: «Für mich ginge das mit Martin Rios in einem Team überhaupt nicht.» Und Nationaltrainer Sebastian Stock sagt dazu: «Ja, das ist manchmal schon deftig und war am Anfang auch für mich gewöhnungsbedürftig. Aber die beiden sind selber ihre grössten Kritiker, denen braucht man nach dem Spiel die Fehler nicht aufzuzählen.»

Probiert haben sie es ja schon, mit dieser Harmonie, zu Beginn dieser Saison zum Beispiel. «Wir haben darüber gesprochen und versucht, mehr Harmonie aufzubauen, uns gegenseitig mehr zu loben, weniger zu kritisieren», sagt Perret, «aber es hat nicht funktioniert, unsere ganze Energie war weg. Wir müssen uns auf unsere Art pushen und antreiben.» Ein gewisses Mass an Disharmonie ist also die Triebfeder für die Wettkampfenergie.

Fünf Jahre sind die Weltmeister von 2017 bereits ein authentisches Curling-Duo, das nicht trotz, sondern wegen des speziellen Umgangs funktioniert. Heute geht es für Jenny Perret und Martin Rios im Halbfinal wieder um Medaillen. Nur ja keine Harmonie jetzt ...

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