HIGHLIGHTS

Das waren die Spiele in Südkorea

Am Sonntag gingen die 23. Olympischen Winterspiele in Pyeongchang mit der Schlussfeier zu Ende. Die zwei Wochen brachten unvergessliche Augenblicke. Eine Auswahl.
26.02.2018 | 21:29

Erfolgreichste Schweizerin

Die Schweizer Delegation kehrte mit 15 Medaillen in die Heimat zurück. Damit wurde die bisherige Bestmarke von 1988 in Calgary egalisiert. In Kanada gab es je fünf Gold-, Silber und Bronzeauszeichnungen, in Südkorea fünfmal Gold, sechsmal Silber und viermal Bronze – dazu kamen 26 Diplome. 170 Athleten aus der Schweiz kämpften in Pyeongchang um die Medaillen, am erfolgreichsten schnitt Wendy Holdener ab. Die 24-jährige Schwyzerin komplettierte ihre Medaillensammlung nach Silber im Slalom und Bronze in der Kombination mit Gold im Team-Wettkampf zusammen mit der Engelbergerin Denise Feierabend sowie Ramon Zenhäusern, Daniel Yule und Luca Aerni. Holdener  schaffte damit etwas, was sportartenübergreifend an Olympischen Winterspielen aus Schweizer Sicht erst Vreni Schneider gelungen war. Die Glarnerin hatte 1994 in Lillehammer Gold im Slalom, Silber in der Kombination und Bronze im Riesenslalom gewonnen. Mit sieben Medaillen (wie Österreich) holten die Skifahrer beinahe die Hälfte aller Schweizer Medaillen. Die Engelbergerin Michelle Gisin gewann die Kombination, Beat Feuz Bronze in der Abfahrt und Silber im Super-G, Ramon Zenhäusern Silber im Slalom.

a.k.


Heimlicher Star

Für besonderes Aufsehen sorgte Fabian Bösch. Der Grund für das grosse, fast schon übertriebene Interesse am 20-Jährigen aus Engelberg ist ein kurzes Video. Es zeigt Bösch, wie er die Rolltreppe benutzt. Er macht dies so, wie wir es alle noch nie getan haben – und wohl auch nie tun werden. Bösch steht an der Aussenseite der Treppe und lässt sich einhändig ins nächste Stockwerk hochziehen. Das Witzige: Ein Volunteer, der den konventionellen Weg wählt, scheint etwas irritiert ob der bizarren Situation, während Bösch kerzengerade bleibt. Das Video wurde bisher beinahe 900000-mal angeschaut. Die Follower von Bösch haben sich in dieser Zeit von rund 26000 auf  über 70000 hochgeschraubt. Grosse News-Portale und Zeitungen weltweit haben den Clip aufgegriffen. Entstanden ist das Rolltreppenvideo, als sich die Freeski-Equipe im Hotelkomplex in Bokwang rumtrieb. «Wir mussten warten, es war langweilig. Dann kam uns diese Idee», sagt Bösch. Nach dem Hype um sein Rolltreppen-Video und dem überstandenen Norovirus setzte sich das olympische Auf und Ab des Zentralschweizers am Wettkampftag fort. Zuerst stürzte er, danach patzte er und verpasste den Final – nur Platz 24.

cza


Neue Königin

Die letzten Meter hinauf auf den Gipfel des Olymps waren ein wahrer Triumphlauf. Marit Björgen trug die norwegische Fahne in der rechten Hand, sie lachte, sie liess es jetzt ruhig angehen – trotzdem gewann die neue Winter-Königin mit einem derart aberwitzigen Vorsprung, dass sie den Rest des Feldes zum Fussvolk degradierte. 1:49,5 Minuten lag die 37 Jahre alte Langläuferin nach 30 km im klassischen Stil vor der zweitplatzierten Finnin Krista Pärmäkoski. Es war ein wahrhaft angemessen majestätischer und damit auch historischer Abschied von Olympia. «Als ich den letzten Anstieg hoch bin, habe ich Gänsehaut bekommen», sagte Björgen. «Es sind meine letzten Spiele», ergänzte sie, auf diese Art Abschied zu nehmen vorerst nur von Olympia, «ist fantastisch». Marit Björgen tritt als Rekordhalterin von der grössten aller Bühnen ab: mit achtmal Gold, viermal Silber und  dreimal Bronze (8-4-3) – keiner, keine Frau, kein Mann, hat je
bei Olympischen Winterspielen mehr Auszeichnungen erreicht. Mit der achten Goldmedaille überholte Marit Björgen ihren Landsmann Ole Einar Björndalen (8-4-1) – der auch schon 44 Jahre alte Biathlet war nicht mehr für die Spiele in Südkorea nominiert worden.

sid


Nordkoreas Unterstützung

Südkorea hat mit 17 Medaillen inklusive 5 Goldmedaillen sein Ziel nicht erreicht. Trotzdem zeigte sich das Gastgeberland nicht unzufrieden. Mit Yun Sungbin hat zum ersten Mal ein Asiate den Skeleton-Wettbewerb der Männer gewonnen. Im südkoreanischen Paradesport Shorttrack gab es dreimal Gold, dazu einmal im Eisschnelllauf. Für eine Überraschung sorgte das Curling-Team der Frauen mit Silber. Die beste Platzierung der nordkoreanischen Athleten erreichte das Eiskunstlauf-Paar Ryom Tae-Ok/Kim Ju-Sik (Platz 13). Das gesamtkoreanische Eishockey-Team der Frauen, zu dem zwölf Nordkoreanerinnen zählten, verlor alle fünf Spiele. Mehr in Erinnerung bleiben dürfte die «Armee der Schönheit», die Gruppe von gut 200 Cheerleadern aus dem kommunistischen Norden, die ihre Athleten vor Ort anfeuerte. Kim Yo Jong, die Schwester des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un und Vizedirektorin der mächtigen Propagandaabteilung der Arbeiterpartei, war an der Eröffnungsfeier dabei und sah, wie die beiden Länder gemeinsam einliefen. Das war das erste Mal seit dem Ende des Koreakriegs im Jahr 1953, dass ein Familienmitglied des mächtigen Kim-Clans südkoreanischen Boden betrat.

sda


Tschechisches Ausnahmetalent

Die grösste Geschichte schrieb in Südkorea zweifellos Ester Ledecka (22). Mit ihrem Sieg im Super-G der Skirennfahrerinnen schaffte die Snowboard-Weltmeisterin einen Coup sondergleichen. In der Wildnis von Jeongseon düpierte die Teilzeit-Skifahrerin sämtliche Favoritinnen – der Österreicherin Anna Veith, der IOC-Präsident Dirk Bach bereits zum Sieg gratuliert hatte, blieb schliesslich nur Silber. Bitter war der Erfolg von Ledecka vor allem für Lara Gut: Statt Bronze gab’s für die Tessinerin nur Platz 4. Weniger überraschend kam Ledeckas zweiter Sieg eine Woche später im Parallelriesenslalom der Snowboarderinnen. In ihrer Kerndisziplin trat die Pragerin mit der spannenden Vita als grosse Favoritin an und hielt dem Druck problemlos stand. Als erste Athletin triumphierte sie an den gleichen Winterspielen in zwei verschiedenen Sportarten. Ledecka soll nach ihren beiden olympischen Goldmedaillen schon bald zur Comic-Heldin werden. Ihr Bruder wolle sie nach den zwei Triumphen in Pyeongchang zum Cartoon-Star machen, sagte die Tschechin. Jonas Ledecky ist in Tschechien bekannt für seine Kunstwerke, er entwarf auch die futuristischen Rennanzüge der Ausnahmekönnerin.

sda


Streitbares Duo

Curling Jenny Perret (26) und Martin Rios (36) gehen auf dem Eis nicht zimperlich miteinander um. Auf den Erfolg des Duos, das einst auch privat ein Paar war, hat der raue Umgangston keinen Einfluss. Der Glarner und die Seeländerin gewannen bei der olympischen Premiere des Mixed-Curlings Silber (Niederlage gegen Kanada) und bescherten der Schweiz die erste Medaille. Die Umarmung am Schluss der Vorrundenpartie gegen das Team OAR täuschte. Solch herzliche Gesten kommen zwischen den beiden nämlich selten vor. Rios und Perret pflegen einen speziellen Umgang miteinander, der gar nicht dem gängigen Muster entspricht. Es ist auf den ersten Blick das pure Gegenteil einer harmonischen Curlingbeziehung. Angesichts der Schonungslosigkeit der streitbaren Dialoge, welche die TV-Mikrofone ungeschönt und frei Haus lieferten, sträuben sich jedem Kommunikationscoach die Nackenhaare. So sagte Perret nach dem Einzug in den Final: «Natürlich ist es toll, dass die Schweiz jetzt eine Medaille auf sicher hat – und dann auch noch durch das Team mit der Gurke aus dem Glarnerland.» Oder: «Es ist super, wenn Jenny nervös ist. Dann kann sie nicht denken. Und wenn sie nicht denken kann, dann spielt sie besser.»

eisa/sda


Neutraler Auftritt

Für die stolze Sportnation waren es Winterspiele zum Vergessen. Das Nationale Olympische Komitee (ROC) war wegen des Dopings in Sotschi vor vier Jahren gesperrt. Die Folgen: keine russische Fahne und Hymne. Neutrale Kleidung für die vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eingeladenen Sportler, die dann so unter Druck standen, dass sich auch die abgespeckten Medaillenhoffnungen nur selten erfüllten. Bis zwei Tage vor dem Ende musste das Team OAR (Olympic Athlets from Russia) auf das erste Gold durch die Eiskunstläuferin Alina Sagitowa warten. Immerhin sicherten sich die Russen am Schlusstag ihre wichtigste Goldmedaille, jene im Eishockey. Der Favorit bezwang die erstaunlichen Deutschen im dramatischen Final in der Verlängerung mit 4:3. Der Bann für das nationale Olympische Komitee soll bald zu Ende gehen. Das IOC-Exekutivkomitee entschied am Sonntag aber, die im Zuge des Dopingskandals verhängte Suspendierung vor der Abschlussfeier der Winterspiele noch nicht aufzuheben. So mussten die Russen erneut mit der neutralen Flagge einlaufen. Die Begnadigung soll dann erfolgen, wenn alle Dopingproben von Pyeongchang als negativ bestätigt werden.

sda

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  • (© Mediainjector)

    Fabian Bösch, der Stuntman bei Olympia

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