SNOWBOARD

Der schwierigste Moment in Podladtchikovs Karriere

Die Schweiz hat einen Medaillen-Kandidaten weniger: Iouri Podladtchikov muss für Olympia Forfait geben und fliegt bereits heute wieder nach Hause.
09.02.2018 | 15:12

Nur wenige Stunden vor der Eröffnungsfeier nimmt Iouri Podladtchikov im House of Switzerland Platz und sagt zu den Journalisten: «Ich habe leider traurige Nachrichten für euch.» Seine Worte sucht er genau aus, die Situation ist ernst. Der 29-Jährige hat in diesem Moment wenig gemein mit demjenigen Podladtchikov, den wir aus dem Fernsehen kennen, der manchmal aufgedreht wirkt. Nach dem Sturz bei den X-Games – er prallte fürchterlich mit dem Kopf auf - sei er kurz bewusstlos gewesen, führt er fort. Entgegen der kommunizierten Gehirnerschütterung hätten die Ärzte aber Hirnblutungen festgestellt.

Die Dimension der Diagnose fällt unerwartet aus. Und die Ausführungen des Olympiasiegers von Sotschi klingen zunächst verheerend. «Einige Ärzte sagten, meine MRI-Bilder sehen aus wie die eines Koma-Patienten.» Erst dann sei ihm bewusst geworden, wie intensiv die Verletzungen eigentlich sind. Gemäss Stefan Fröhlich, dem anwesenden Arzt von Swiss Olympic, sei die Wahrscheinlichkeit jedoch gering, dass der Snowboarder mit bleibende Schäden zu leben hat – anhand des bisher positiven Verlaufs.

Zwar herrschten schon vor der Pressekonferenz Unklarheiten über Podladtchikovs Gesundheitszustand nach dem Unfall in Aspen, dass er aber am Freitag im Bokwang Snowpark trainierte, schien zumindest keine schlechte Nachricht zu sein. Verschiedene Ärzte hätten ihm vom Trainingstag abgeraten. «Trotzdem wollte ich alles spüren, das Brett, den Schnee.» Denn der zweite MRI-Untersuch am Donnerstag, der «viel besser» war als der erste, brachten den Optimismus wieder zurück. Doch das verpuffte ganz schnell im Schnee. «Es gab Momente im Training, in denen mir sehr unwohl war. Das reicht nicht für das Niveau bei Olympischen Spielen. Ich kann und will so nicht teilnehmen.» Ersetzt wird Podladtchikov durch den erst 16-jährigen St. Galler Elias Allenspach. Der B-Kader-Athlet mit Jahrgang 2001 glänzte im letzten Jahr mit einem vierten Platz bei der Junioren-WM.

«Dann stehe ich vielleicht nicht wieder auf»

Podladtchikovs Vortragsweise wirkte gefasst. Und das erstaunte. Zumal es eine weitere schwere Verletzung in seiner Karriere ist. Schon im März 2017 schien sich der Traum von der Titelverteidigung bei Olympia ein erstes Mal in Luft aufzulösen. Bei der WM in Sierra Nevada riss er sich das Kreuzband im rechten Knie. Üblicherweise werden für den Heilungsverlauf in einem solchen Fall neun Monate prognostiziert. Podladtchikov ging das zu wenig schnell. Dank der sogenannten Speed-Recovery, einer Rehabilitations-Technik, in der verschiedene Methoden wie kürzere Narkose und verminderte Operationszeiten angewendet werden, stand er nach drei Monaten bereits wieder im Schnee. Nach einem halben Jahr konnte er schon Tricks des höchsten Schwierigkeitsgrades ausführen. Durch die rasante Heilung wurde der Zürcher zum Prototyp für andere Athleten. Auch die Schwyzer Snowboarderin Verena Rohrer (21), die in Pyeongchang in der Halfpipe an den Start geht, wandte das Podladtchikov-Modell erfolgreich an, nachdem sie sich im vergangenen Juli einen Kreuzbandriss zuzog. Auch sie war nach sechs Monaten wieder fit. Sie sagt: «Iouris Weg war hilfreich, um zu sehen, dass es möglich ist.»

Das Unmögliche möglich machen – es ist gewissermassen die Paradedisziplin von Podladtchikov. Dies ist mit ein Grund, warum er nach dem Crash bei den X-Games überhaupt nach Südkorea flog. Er glaubte nach wie vor an einen Einsatz. «Meine Reise hierher war von negativen Gefühlen begleitet. Als ich in Pyeongchang ankam, fühlte ich mich besser. Die Chance, dass ich bei Olympia mitfahren kann, bestand immer.» Doch ein Wettkampf auf der olympischen Bühne, gegen Halfpipe-Grössen wie den Amerikaner Shaun White, den Australier Scotty James oder den Japaner Ayumu Hirano, macht in dieser Verfassung keinen Sinn. «Unser Sport ist mit einem enormen Risiko verbunden. Wenn ich mir nochmals den Kopf anschlage, stehe ich vielleicht nicht wieder auf.»

Letztlich war der Respekt vor einem neuerlichen Sturz zu gross. Bereits heute Samstag fliegt er wieder zurück in die Schweiz, diverse Untersuche stehen an. Er wolle sich nun Zeit lassen und rechnet mit drei, vielleicht sechs Monaten bis er wieder fit ist. Ob er weiterhin Snowboarder sein will, hatte er sich auch überlegt. Er sagt: «Dies wird nicht annähernd der Endpunkt meiner Karriere sein.»

Claudio Zanini, Pyeongchang

claudio.zanini@luzernerzeitung.ch

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    Iouri Podladtchikov muss auf Olympia-Start verzichten

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