Weltmeisterschaft
19.05.2017 04:39

Die Schweizer flogen zu hoch

  • Enttäuschte Gesichter bei den Schweizer Nationalspielern (in der Mitte Damien Brunner) nach der Niederlage.
    Enttäuschte Gesichter bei den Schweizer Nationalspielern (in der Mitte Damien Brunner) nach der Niederlage. | Bild: Christophe Simon/AFP (Paris, 18. Mai 2017)
EISHOCKEY ⋅ Versöhnliches, dramatisches Ende einer spektakulären WM-Expedition. Die Schweizer Nationalmannschaft verliert einen Viertelfinal gegen Schweden 1:3, den sie mit Glück hätte gewinnen können.

Klaus Zaugg, Paris

sport@luzernerzeitung.ch

Sie flogen zu hoch, kamen der Sonne der Sensation zu nahe und stürzten ab wie einst Ikarus. Ikarus, eine Figur aus der griechischen Mythologie, stieg trotz der Warnung seines Vaters so hoch hinauf, dass die Sonne das Wachs seiner Flügel schmolz, woraufhin sich die Federn lösten und er ins Meer stürzte.

So ist es den Schweizern ergangen. Sie fliegen im zweiten Drittel offensiv trotz der Mahnungen ihres Trainers zur defensiven Absicherung höher, immer höher und schliesslich zu hoch. Sie dominieren ihren Gegner immer stärker. Noch selten ist Schweden in einem «Alles-oder-nichts-Spiel» bei einer WM so unter Druck geraten wie in diesem zweiten Drittel. Die Schweizer setzen sich gegen eine Abwehr aus lauter NHL-Verteidigern immer wieder durch, scheitern aber an Henrik Lundqvist, einem der besten NHL-Torhüter. Da bringt der Konter die Entscheidung, den Absturz. Rafael Diaz, euphorisiert von seinen vorwärtsfliegenden Kameraden, wagt sich zu weit vor, der Wachs an den defensiven Flügeln – um bei Ikarus zu bleiben – schmilzt. Er kommt beim Gegenangriff zu spät, Christian Marti ist zu langsam, und Leonardo Genoni hat kein Glück, Schweden führt 2:1. Der Anfang vom Ende der bittersten Niederlage dieses Turniers. Auch die Statistik zeigt, dass die Schweizer auf Augenhöhe mit dem Favoriten waren: 27:29 Torschüsse.

Schweiz scheiterte an der offensiven Durchschlagskraft

Warum hat es nicht gereicht? Gewiss, die Schweden waren die nominell bessere Mannschaft. Ob es gelungen wäre, eine Führung (3:1 wäre nach zwei Dritteln möglich gewesen) über die Zeit zu retten, ist fraglich. Die Schweizer scheiterten letztlich an der fehlenden offensiven Durchschlagskraft in solchen Partien.

Am Ende ist es wohl so, dass Patrick Fischer im Laufe dieses Turniers vom «Glückskonto» zu viel abgehoben hat. Das letzte Guthaben musste er hergeben, um dieses Spiel auszugleichen. Der Ausgleich von Gaëtan Haas – er war der beste Schweizer in dieser Partie – ist ein Eigentor von Verteidiger Oliver Ekman-Larsson. Von seinem Schlittschuh prallt der Puck in die winzig kleine Lücke, die zwischen den Schonern seines Goalies offengeblieben ist. Ein sehr, sehr glückliches Tor – und nur mit weiterhin so viel Beistand der Hockey-Götter wäre es wohl möglich gewesen, in einer so intensiven, hochstehenden Partie weitere Tore zu erzielen. Dieser Beistand bleibt den Schweizern versagt. Dominik Schlumpfs reguläres Anschlusstor zum 3:2 (56. Min.) bleibt die Anerkennung versagt. Weil die Schiedsrichter das Spiel zu früh unterbrochen hatten. Und es passt ins unglückliche Gesamtbild, dass Rafael Diaz in der Schlussphase von einem Puck am Kopf getroffen wird und das Spiel nicht beenden kann.

Eines der spektakulärsten WM-Turniere seit dem Wiederaufstieg von 1998 hat ein dramatisches, aufwühlendes und letztlich doch versöhnliches Ende gefunden. Was mit einem Operettenspiel (5:4 n. P nach einer 4:0-Führung) gegen Auf- und Absteiger Slowenien begonnen hat, endet mit einem Spiel auf Augenhöhe mit einem der Titanen des Welthockeys. Am besten verkörpert der Zuger Reto Suri das Wesen dieser Mannschaft. Er hat die WM auf der Tribüne begonnen und sie gestern als einer der offensiven Leitwölfe beendet. «Ich habe versucht, aus meiner Situation immer das Beste für die Mannschaft herauszuholen. Das haben alle getan und dieser Zusammenhalt war unsere Stärke.» Zum Schluss haben wir den besten Reto Suri gesehen – und eigentlich müsste er im Herbst in Zug die Meisterschaft dort beginnen, wo er in Paris aufgehört hat. «Das werden wir sehen. Alles beginnt wieder von vorne.»

Paris 2017 weckt grosse Hoffnungen. Die Schweiz ist mit einem einzigen NHL-Vertreter knapp an einem Gegner mit 19 Spielern aus der NHL gescheitert. Die NHL-Stars dürfen beim olympischen Turnier im nächsten Februar nicht mitspielen. Die Träume von der ersten olympischen Hockey-Medaille der Männer seit 1948 in St. Moritz sind keine Schäume. Es ist eine riesige, realistische Chance für unser Hockey. Dort dürfen wir noch einmal zu einem Höhenflug aufsteigen, und die Sonne (die Gegner) ist dann nicht so stark, dass wir wieder abstürzen, wie einst Ikarus.

Schweiz – Schweden 1:3 (1:1, 0:1, 0:1)

Paris. – 8417 Zuschauer. – SR Iverson/Kubus (CAN/SVK), Otmachow/Suchanek (RUS/CZE). – Tore: 5. Bäckström (Lindberg, Nylander) 0:1. 13. Haas 1:1 (Eigentor Ekman-Larsson). 34. Nylander (Ekman-Larsson) 1:2. 44. Edler (Joel Lundqvist) 1:3. – Strafen: 1-mal 2 Minuten gegen die Schweiz, 3-mal 2 Minuten gegen Schweden.

Schweiz: Genoni; Diaz, Furrer; Loeffel, Genazzi; Untersander, Kukan; Marti; Rüfenacht, Almond, Schäppi; Praplan, Haas, Hollenstein; Ambühl, Malgin, Herzog; Bodenmann, Suter, Suri; Brunner.

Schweden: Henrik Lundqvist; Stralman, Hedman; Brodin, Ekman-Larsson; John Klingberg, Edler; Lindholm, Rask, Landeskog; Nylander, Bäckström, Lindberg; Söderberg, Karlsson, Everberg; Eriksson Ek, Krüger, Joel Lundqvist; Nordström.

Bemerkungen: Schweiz ohne Untersander (verletzt), Richard, Hiller (beide überzählig) und Schlegel (Ersatzgoalie). Schweden ohne Carl Klingberg (Zug) und Omark (beide überzählig). – Furrer (im zweiten Drittel), Almond (nach zwei Dritteln) und Diaz (49.) verletzt ausgeschieden. – Time-out Schweiz (57.) – Schweiz von 56:20 bis 56:27 und ab 57:03 ohne Goalie. – Schüsse: Schweiz 27 (5-13-9); Schweden 29 (8-9-12). – Powerplay-Ausbeute: Schweiz 0/3; Schweden 0/1.

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