FC Luzern
18.06.2017 05:00

Die Kunst der Regeneration

  • Eisspray drauf und weiter geht’s für Carlitos vom FC Sion. Am Knie: ein Kinesiologie-Tape, das entzündungshemmend wirkt.
    Eisspray drauf und weiter geht’s für Carlitos vom FC Sion. Am Knie: ein Kinesiologie-Tape, das entzündungshemmend wirkt. | Bild: Steffen Schmidt/Freshfocus (Zürich, 5. Dezember 2015)
SPORTMEDIZIN ⋅ Die Fussballer der Super League haben nur eine kurze Sommerpause. Zu kurz? Laut Experte Oliver Faude genügen in der Regel drei Wochen. Es braucht aber eine individuelle Herangehensweise.
 

Raphael Gutzwiller

Wenn die Saison länger wird, werden die Beine schwerer und die Waden härter. Selbst gut trainierte Spitzensportler brauchen irgendwann eine Pause. Regeneration lautet das Zauberwort. Deshalb sind die Ferien bei den Spitzensportlern nicht nur zum Spass da, sondern nötig, um die Batterien wieder aufzuladen.

Nur zu einer kurzen Sommerpause kommen in diesem Jahr aber Schweizer Fussballprofis. Zwar läuft keine grosse Endrunde, WM und EM finden jeweils in den geraden Jahren statt, in der Super League geht es aber schon früh wieder los. In diesem Jahr insbesondere für den FC Luzern. Der FCL hat die abgelaufene Saison als Fünfter der Super League abgeschlossen und tritt deshalb schon am 13. Juli in der 2. Qualifikationsrunde zur Europa Lea­gue an. Schon am nächsten Samstag beginnen die Innerschweizer wieder mit der Vorbereitung für die neue Saison – nur 22 Tage nach dem letzten Meisterschaftsspiel in Lugano.

«Ein Skandal, dass wir so früh wieder ran müssen»

Der Luzerner Trainer Markus Babbel hat öffentlich seinen Ärger kundgetan und gesagt, die Pause sei viel zu kurz. «Es ist ein Skandal, dass wir so früh wieder ran müssen. Ich weiss nicht, was sich die Uefa dabei überlegt.» Babbel findet, die Spieler hätten kaum Zeit, sich zu erholen. «Es ist fahrlässig, wie da mit den Spielern umgegangen wird, weil das Verletzungsrisiko extrem hoch ist, wenn der Kopf nicht frei und der Körper nicht regeneriert ist. Da muss sich der Verband definitiv etwas überlegen.»

Dr. Oliver Faude, Bewegungs- und Trainingswissenschafter an der Universität Basel, weiss genau, worum es geht. Er hat schon für Borussia Dortmund und die deutsche Nationalmannschaft gearbeitet. Er sagt: «Eine allgemein gültige Aussage zur Belastung zu machen, ist sehr schwer. Denn jeder Körper ist anders, somit müssen die Situationen individuell angeschaut werden.» Gerade zum Ende der Saison könne es für Fussballer streng werden, zumindest für die Mannschaften, die um den Meistertitel, europäische Ränge oder gegen den Abstieg spielen. Deshalb werde eine längere Pause nötig. «Doch im Grundsatz gilt: Drei Wochen Pausen reichen, um sich von der Saison zu erholen.»

Um einer Überbelastung vorzubeugen, gibt es laut Faude einige Massnahmen, die beachtet werden können. So sei das Entscheidende, dass die Spieler wirklich fit sind. «Eine gute Athletik schützt vor einer Überbelastung.» Das sorgte in der Vergangenheit bei Vereinen aber auch schon für Diskussionen. Denn: In einer kurzen Sommerpause ist es schwierig, durch gezieltes Konditionstraining fit zu werden, ohne eine Überbelastung zu riskieren.

Fragwürdige Auslandreisen

Fit sein alleine reicht aber nicht. «Es braucht ein individuelles Belastungsmonitoring», sagt Faude. «Was einige Spieler können, können andere wiederum nicht. Je früher Überbelastungen erkannt werden, desto besser.» Deshalb nützen die Vereine Systeme, um die Fitness der Spieler zu messen. «Einige Spieler brauchen unter Umständen einen anderen Trainingsplan.»

Des Weiteren sei wichtig, dass man sich gut ernährt. «Das ist inzwischen im Spitzensport wohl jedem bekannt», sagt Faude. «Was aber lange unterschätzt wurde, ist der Schlaf. Der ist ebenfalls sehr wichtig.» Weiter seien aktive Erholungsformen wie Auslaufen sowie Kältebäder sinnvoll. Dank des Kältebades kann man viel rascher regenerieren. Faude: «Das ist insbesondere in einer trainings- oder spiel­intensiven Zeit entscheidend.»

Fussballer, die ihre Freizeit an der Playstation verbringen, tun sich übrigens keinen Gefallen – selbst wenn sie die Beine dabei hochlagern. Denn beim Benutzen von technischen Geräten wie Spielkonsolen, Smartphone oder Tablet bleibe das Nervensystem zu stark aktiviert, so Faude. «Es kommt auch wegen des Lichts nicht zur Ruhe, daher ist das für die Regeneration wenig hilfreich. Bei Videospielen wird das noch verstärkt, weil man sich dabei konzentrieren muss.»

Der Experte ist sich in einigen Punkten nicht einig mit den Vereinen. Die Topklubs in Europa, wie Bayern München, Real Madrid oder Barcelona, gehen in der Sommervorbereitung jeweils auf Werbetour nach Asien oder in die USA. «Aus wirtschaftlichen Gründen sind diese Reisen verständlich, aus trainingswissenschaftlicher Sicht widersprechen sie aber den Regeln für eine gute Regeneration», erklärt Faude. Zu viel Rummel, zu viele Flüge und Zeitverschiebungen stören eine erfolgreiche Vorbereitung.

Besondere Belastung für Nationalspieler

Aus diesen Gründen werden auch Spieler, die bei U-Nationalmannschaftsturnieren oder beim gestern gestarteten Confed-Cup im Einsatz stehen, länger brauchen, um wieder fit zu sein. Das trifft aus der Super League nur auf wenige Fussballer zu, da sich sowohl die Schweizer U21- als auch die U19-Nationalmannschaft nicht für die Endrunden qualifiziert haben. Am Confed-Cup nimmt mit FCL-Profi Tomi Juric (Australien) nur ein Spieler teil. «Dass er bereits in der Europa-League-Qualifikation bei 100 Prozent ist, ist unrealistisch», sagt Faude. Die Luzerner nehmen Rücksicht und geben dem australischen Nationalspieler länger Ferien. Die anderen Super-League-Teams starten am 22. und 23. Juli in die Meisterschaft. Eine viel längere Pause haben sie also nicht. Die Spieler des FC St. Gallen, die bereits morgen in die Saisonvorbereitung starten, haben sogar eine noch kürzere Erholungszeit.

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