Fussball Super League
22.09.2017 15:28

Selbstjustiz des Allmächtigen

  • Christian Constantin während einer Pressekonferenz am Freitag.
    Christian Constantin während einer Pressekonferenz am Freitag. | KEYSTONE/Olivier Maire
FC SION ⋅ Sion-Präsident Christian Constantin erträgt die Kritik von Teleclub-Experte Rolf Fringer nicht. Er traktiert Fringer mit Schlägen und verklagt ihn danach sogar. Der Chef der Swiss Football League fordert nun ein schnelles Urteil.

Daniel Wyrsch

Die Schlägerszene aus dem Schweizer Fussball hat für weltweite Schlagzeilen gesorgt. Das Video mit Sion-Präsident Christian Constantins Attacke auf Teleclub-Experte Rolf Fringer wurde überall gezeigt. Die Szene hätte aus einer korrupten Liga im Osten Europas oder aus irgendeiner Bananenrepublik stammen können. Doch sie passierte am Donnerstagabend nach dem Super-League-Spiel zwischen dem FC Lugano und dem FC Sion (1:2).

Der Fakt, dass ein derartiger Ausraster eines Klubchefs in der vermeintlich ruhigen Schweiz möglich ist, hat wohl seinen Teil zum weltweiten Medieninteresse an diesem Fall beigetragen. Online-Portale auf dem ganzen Globus griffen die Geschichte auf. Der amerikanische Sportsender ESPN schrieb: «Sion-Präsident schlägt Ex-Schweizer-Boss und klagt ihn auch noch wegen übler Nachrede an.» Online-Portale aus Brasilien, Indien, Thailand oder Ägypten berichteten ebenfalls über den 60-jährigen Walliser. Da es sich beim ebenfalls 60-jährigen Fringer um den ehemaligen Coach der Schweizer Nationalmannschaft und des deutschen Bundesligisten VfB Stuttgart handelt, erreichte der Fall hierzulande und in Deutschland natürlich eine noch grössere Dimension.

Liga-Chef Schäfer fordert Schnellverfahren

Für Täter Constantin, der die Szene in einem TV-Interview explizit schilderte, war wichtig festzuhalten, dass Fringer nicht mehr in einer offiziellen Funktion im Fussball tätig ist. Aus seiner Sicht ist der frühere Sportchef und Trainer des FC Luzern lediglich ein Angestellter eines Fernsehsenders. Für Claudius Schäfer, den Chef der Swiss Football League (SFL), ist die Funktion des Traktierten nicht entscheidend. Er betont: «Physische Gewalt ist aufs Schärfste zu verurteilen und nicht zu tolerieren.» Und sagt gegenüber «Blick»: «Wir leiten jetzt ein Verfahren ein.» Schäfer fordert von der Disziplinarkommission, die vom Luzerner Anwalt Daniele Moro geleitet wird, ein «sehr schnelles Handeln». Constantin müsse damit rechnen, dass er seine Funktion längere Zeit nicht ausüben dürfe, meint Schäfer. Dazu sei eine hohe Geldbusse eine weitere mögliche Sanktion. Allerdings hat der Sion-Boss schon manches Verfahren am Hals gehabt (siehe Box oben rechts). Nicht zuletzt mit der SFL hat er manchen juristischen Streit ausgefochten – und gewonnen. 

CC, wie Christian Constantin genannt wird, kann sich die besten Anwälte leisten. Mit 275 Millionen Franken wird das Vermögen des Wallisers angegeben. Sein Architekturbüro, die Christian Constantin SA, hat 40 Angestellte. Gemäss einem Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens aus dem Jahr 2013 sollen die meisten Mitarbeiter viele Jahre für ihn arbeiten. Dieser Fakt steht ganz im Gegensatz zu seinem Umgang mit den Trainern des FC Sion. In total 19 Jahren als Präsident hat er 39 entlassen. Mit den Spielern, die letzte Saison erstmals für Sion einen Cupfinal verloren, ist Constantin ebenso gnadenlos umgegangen. Aus dem damaligen Team sind von den Stammspielern nur noch Goalie Anton Mitrjuschkin und Elsad Zverotic in Sion. Selbst Leistungsträger wie Vero Salatic und Reto Ziegler mussten gehen.

Rücktritt von Walliser Olympiakandidatur

Gegen die Entscheidungen des Präsidenten ist bei Sion Widerspruch verboten. Constantin ist der Allmächtige, er bestimmt von A bis Z die Geschicke des grössten Walliser Sportklubs. Die Leute dort wissen: Ohne CC würde Sion nicht mehr in der höchsten Liga spielen. Total hat Sion 13-mal den Cup gewonnen, achtmal in der Ära Constantin. In diese fielen auch die beiden einzigen Meistertitel der Klubhistorie 1992 und 1997. 

Constantin ist nicht nur ein diktatorischer Boss, er ist auch ein Fan. Wenn es läuft, küsst er seine Spieler nach dem Match auf die Wange. Skisternchen Lara Gut flog er kürzlich in seinem Privatjet. Doch mit Menschen wie Fringer, der ihn in seiner Funktion als TV-Experte als «Narzisst mit null Empathie» bezeichnete, geht Constantin mit Ohrfeigen und Fusstritten vor. In einer Medienkonferenz gestern im Hotel Porte d’Octodure in Martigny, dem Sitz des FC Sion, verteidigte er diese Art der Selbstjustiz gegen seinen jahrelangen Kritiker.

Als Vizepräsident der Walliser Olympiakandidatur ist Constantin jedoch zurückgetreten. Fast ein wenig einsichtig begründet er: «Eine Sache von nationalem Interesse darf nicht durch Garderobenkriege beschmutzt werden.»

 

Constantins Aussetzer

Christian Constantin lässt seine 19 Jahre als Präsident des FC Sion von Renitenz und Skandalen begleiten. 

  • Nach der 0:4-Niederlage gegen GC im Mai 2013 stürmte der damalige Sittener Spieler Xavier Margairaz auf den Präsidenten los, der ihn provoziert hatte. Der Trainerassistent konnte sie trennen.
  • Da der FC Sion sich um ein Transfer-Verbot der Fifa foutierte und in jedem Match der Vorrunde 2011/12 nicht spielberechtigte Spieler eingesetzt hatte, musste der Fussballverband dem Club 36 Punkte abziehen. FC Sion wurde Letzter statt Dritter. 
  • Im Herbst 2006 attackierte Constantin seinen tunesischen Spieler Adel Chedli in der Kabine vor versammelter Mannschaft. Chedli soll eine Ansprache des Präsidenten gestört haben. 
  • Nach dem Spiel Kriens – Sion am 5. Dezember 2004 attackierte Constantin Schiedsrichter Markus von Känel und den Assistenten José Antonio Gonzalez. Von Känel stellte er das Bein, Gonzalez trat er zwischen die Beine. Das Amtsgericht Luzern-Land verurteilte Constantin wegen einfacher Körperverletzung zu einer bedingten Geldstrafe von 24'500 Franken. 

dw

Videos zum Artikel (3)

  • Das sagt Christian Constantin zu seinem Angriff auf Rolf Fringer

  • Nach Attacke auf Rolf Fringer: Christian Constantin im Interview

  • Christian Constantin attackiert Rolf Fringer

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