WM
12.10.2017 04:39

Die Schweizer Fussballnati auf der Suche nach der Realität

  • Xherdan Shaqiri (rechts) am Dienstagabend im Estadio da Luz.
    Xherdan Shaqiri (rechts) am Dienstagabend im Estadio da Luz. | Bild: Laurent Gilliéron/Keystone (Lissabon, 10. Oktober 2017)
FUSSBALL ⋅ Die Schweiz hat beim 0:2 in Portugal ihr Potenzial nicht ausgeschöpft und muss nun die WM-Playoffs bestreiten. In der Barrage kann sie auf Nordirland, Schweden, Irland oder Griechenland treffen.

Stefan Wyss (SDA), Lissabon

sport@luzernerzeitung.ch

Das Verdikt war am Ende aus Schweizer Sicht schmerzhaft deutlich. 2:0 für Portugal lautete es. Es hätte gut auch ein 3:0 sein können, vielleicht sogar ein 4:0. «Wir waren nicht auf dem Platz», sagte der Surseer Stürmer Haris Seferovic, ­bevor er in der Nacht von Lissabon verschwand. Der Schweizer Nationalcoach Vladimir Petkovic meinte eigentlich das Gleiche, als er sagte: «Wir haben nicht so gespielt wie in den ersten neun Spielen. Das war nicht die gewohnte Schweizer Mannschaft.»

Die Schweiz ist im Estadio da Luz auf dem Boden der Realität angekommen. Doch welches ist die Realität für dieses Team? Ist es die Top-7-Klassierung im Fifa-Ranking, welche suggeriert, dass die Schweiz zum Zirkel der Schwergewichte zählt? Ist es die Serie von zehn Siegen? Sind es die 27 Punkte aus zehn Spielen in der WM-Qualifikation, welche die Schweiz statistisch hinter Weltmeister Deutschland, Spanien, Belgien und Portugal zur Nummer 5 Europas machen?

Oder ist die Realität das Spiel gegen Portugal? Eine Schweizer Mannschaft, die ihre Grenzen gesehen, die gerade in der Qualität der Offensivreihe klare Defizite im Vergleich mit dem Europameister offenbart hat. «Wir haben diesen Test nicht bestanden», sagte Granit Xhaka selbstkritisch. Spielerisch sei es ein Rückschritt gewesen, meinte Captain Stephan Lichtsteiner. «Wer aber nach einer Auswärtsniederlage gegen Portugal von einem klaren Rückschlag spricht, verkennt die Realität.»

Petkovic: «Ein Schritt zurück, zwei Schritte nach vorne»

Die Schweizer schätzten ihre Leistung kritisch und objektiv ein. Sie waren selbstbewusst nach Portugal gereist. Das war richtig. Schliesslich hatten sie im Hinspiel gegen diesen Gegner vor etwas mehr als einem Jahr in Basel 2:0 gesiegt und danach neun weitere Partien gewonnen. Doch Spieler und Trainer wussten auch, dass eine Auswärtsniederlage gegen Weltfussballer Cristiano Ronaldo & Co. natürlich im Bereich des Möglichen lag.

Überhöht wurde die Schweizer Mannschaft allenfalls von aussen. Zum Beispiel im letzten Sommer, als der Fifa-Computer mit seiner Ranking-Programmierung die Schweiz als Nummer 4 der Weltrangliste ausspuckte und sich darauf einige Beobachter die Konsequenz zusammenreimten, die Schweiz müsste nun aufgrund dieser Top-4-Klassierung ein Kandidat für die WM-Halbfinals sein.

Trotzdem muss der Auftritt in Lissabon im weiteren Zusammenhang ge­sehen werden. Die Schweiz hatte an der EM 2016 in Frankreich dem Gastgeber ein Remis abgerungen, in den Achtelfinals einen starken Gegner wie Polen 70 Minuten lang klar dominiert und danach zum Auftakt in die WM-Qualifikation den Europameister besiegt.

So gesehen war es enttäuschend, dass die Schweiz in Lissabon so unterlegen war wie nie mehr seit dem 0:2 in der EM-Ausscheidung im September 2015 in London gegen England. Coach Vladimir Petkovic sagte nach dem 0:2 in Lissabon: «Wir haben einen Schritt zurück gemacht, jetzt müssen wir in den Playoffs zwei nach vorne machen.» Die Gegner werden im November nicht so stark sein wie Portugal vom Dienstag. Aber ­Irland, Nordirland, Schweden und Griechenland (Auslosung nächsten Dienstag um 14 Uhr) sind höher einzustufen als Ungarn, als die Färöer, Lettland und Andorra sowieso.

Der Weg an die WM bleibt ein schmaler Grat

Es wird nötig sein, dass die Schweizer in diesen beiden Barrage-Spielen wieder ihr gesamtes Potenzial ausschöpfen. Denn für die WM in Russland qualifizieren sich nur 13 europäische Mannschaften, etwa halb so viele wie für eine Europameisterschaft. Der Weg an die Endrunde ist und bleibt ein schmaler Grat. Teams wie die Niederlande, die Slowakei, die Ukraine oder EM-Halbfinalist Wales sind bereits abgestürzt. Der vierfache Weltmeister Italien und die von Stars geprägte Equipe Kroatiens müssen wie die Schweiz in den Playoffs zittern.

Den Weg an die Weltmeisterschaft erfolgreich zu bewältigen, ist auf dem Kontinent mit der grössten Leistungsdichte nur für ganz wenige Länder eine Selbstverständlichkeit. Die Schweiz gehört auch im Jahr 2017 nicht zu diesem Kreis. Zumindest das ist eine sichere Realität.

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