WM
15.11.2017 04:39

Stunde null für Italiens Fussball

  • Torhüter Gianluigi Buffon kann die Tränen nicht zurückhalten. | Bild: Luca Bruno/AP (Mailand, 13. November 2017)
WELTMEISTERSCHAFT ⋅ Die Nicht-Qualifikation der Squadra Azzurra für die WM 2018 in Russland hat in Italien Katzenjammer und harsche Kritik ausgelöst. Ob die Schmach von San Siro im italienischen Fussball eine Wende zum Besseren einleiten wird, bleibt fraglich.

Dominik Straub, Rom

sport@luzernerzeitung.ch

«Das Desaster hat ja auch etwas Gutes: Wir werden uns nächsten Sommer während der WM weniger aufregen müssen», erklärte der Römer Zeitungsverkäufer Paolo gestern morgen nach dem fatalen 0:0 gegen Schweden. Er spielte damit auf die beiden letzten WM-Endrunden in Südafrika und Brasilien an, bei denen Italien jeweils sang- und klanglos in der Vorrunde ausgeschieden war. Diese Gefahr ist an der WM 2018 in der Tat gebannt: Der vierfache Weltmeister wird sich die Endrunde in Russland im Sommer am heimischen TV ansehen. Den Schweden hat ein 1:0 aus dem Hinspiel gereicht, um die «Azzurri» ins Elend zu stürzen.

Wie Zeitungsverkäufer Paolo versuchten gestern viele italienische Tifosi, sich mit Galgenhumor über die Enttäuschung hinwegzuretten. Doch insgesamt sass der Schock über die erste Nicht-Qualifikation seit sechzig Jahren für eine WM-Endrunde tief, vor allem bei den Spielern. «In der Kabine herrschte eine Stimmung wie an einer Beerdigung», erklärte der Mittelfeldspieler Daniele De Rossi. Und der 39-jährige Mannschaftskapitän Gianluigi Buffon weinte nach dem Abpfiff im Mailänder San-Siro-Stadion bittere Tränen: Für die Torhüterlegende ist an diesem Abend der Traum geplatzt, als erster Spieler der Welt an einer sechsten WM teilnehmen zu können.

«Wir fahren zu Recht nicht nach Russland»

Entsetzt waren auch die Kommentare in den Medien. Laut der «Gazzetta dello Sport» hat für Italiens Fussball «die Stunde Null geschlagen». Das rosarote Zentralorgan der Tifosi forderte den Kopf nicht nur von Trainer Gian Piero Ventura, sondern auch von demjenigen, der ihn 2014 in sein Amt gehievt hatte: Verbandspräsident Carlo Tavecchio. Der gleichen Meinung ist auch «Tuttosport»: «Die Wahrheit ist, dass wir zu Recht nicht nach Russland fahren. Jetzt sollen alle nach Hause – tutti a casa! Das ist der beste Ort, um nachzudenken und vielleicht den Mut zu finden, etwas zu ändern – nicht nur den Trainer, sondern den ganzen Fussball, der heute wie noch nie zuvor der Spiegel unserer Gesellschaft und unserer Identitätskrise ist.»

Ob die Verantwortlichen den Mut zur Veränderung aufbringen werden, bleibt abzuwarten. Zwar haben die letzten drei in der Squadra Azzurra verbliebenen Weltmeister – Buffon, De Rossi und Barzagli – angekündigt, dass das Spiel in Mailand ihr letztes in der Nationalmannschaft gewesen sei. Doch der 69-jährige Trainer Ventura, einer der Hauptverantwortlichen für die Nichtteilnahme an der WM, wollte zunächst nichts von einem Rücktritt wissen. Verbandsboss Tavecchio schwieg sich derweil aus: Er benötige erst einmal 24 oder 48 Stunden Zeit, um das Vorgefallene zu analysieren.

Viel zu analysieren gibt es freilich nicht: Italiens Fussball befindet sich in einer schweren Krise, und das nicht erst seit dem 0:1 und dem 0:0 gegen Schweden. Italien hat seit dem letzten WM-Titel in Deutschland kaum noch neue Spielerpersönlichkeiten hervorgebracht: «Die Flamme ist 2006 erloschen, fünf Minuten nach dem Sieg im Final. Damals hatten wir Del Piero, Totti, Cannavaro, Pirlo. Das Problem ist, dass wir keine Klassespieler wie sie mehr haben», betont der «Corriere della Sera». Die Ursache dafür, darin sind sich die Experten einig, ist die Vernachlässigung des Nachwuchses sowie der hohe Anteil (56 Prozent) eingekaufter Stars aus dem Ausland. Da bleibe für eigene Talente zu wenig Raum.

Der Verbandspräsident ist Teil des Problems

Hinzu kommen chronische Finanzprobleme der Vereine: In den letzten fünf Jahren sind 30 Profi-Klubs pleitegegangen. Die ganze Serie A steht unter der Aufsicht eines Kommissars. Ein gravierendes Problem bleiben auch die Hooligans in den Stadien und der immer aggressivere Rassismus auf den Rängen. Erst vor wenigen Wochen sind Lazio-Fans so tief gesunken, dass sie sogar das Andenken an Anne Frank verhöhnten. Die Gewalt und die Nazi-Parolen in den Stadien haben zur Folge, dass der Zuschauer-Durchschnitt in der Serie A auf 25 000 Personen pro Spiel gesunken ist – in der 1. Bundesliga in Deutschland liegt er um fast 20 000 Personen höher.

Verbandsboss Tavecchio ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems: Er leistete sich homophobe und frauenfeindliche Ausfälle und musste von der Uefa bereits wegen rassistischer Äusserungen verwarnt werden. Tavecchio wird versuchen, sein Amt trotz der Blamage gegen Schweden zu retten. Sollte ihm dies gelingen, dann wäre der Aufbruch zu neuen Ufern in der – gemäss italienischem Selbstverständnis – einst «schönsten Fussball-Liga der Welt» wohl erst einmal aufgeschoben.

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