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HANDBALL

«Alte Spanier» wollen Geschichte schreiben

Spaniens Altherrenriege rockt die EM in Kroatien. Heute (20.45 Uhr, TV 24) wollen sich die Iberer im Final gegen Rekord-Europameister Schweden mit dem Titel krönen.
28.01.2018 | 09:34

Die «alten Herren» tollten wie kleine Kinder über das Parkett. Sie hüpften im Kreis, feierten ausgelassen mit ihren Fans und fielen sich immer wieder freudestrahlend in die Arme. Nach dem Überraschungscoup gegen Weltmeister Frankreich wollen sich Spaniens Handballer im Endspiel von heute gegen Rekord-Europameister Schweden nun im sechsten Anlauf auch endlich die EM-Krone aufsetzen.

«Dieses Gefühl ist sehr schön», sagte Joan Canellas, berauscht vom erstaunlich ungefährdeten 27:23-Halbfinalerfolg gegen den grossen Turnierfavoriten. Doch schon im nächsten Atemzug erinnerte der erfahrene Rückraumspieler daran, dass die Mission des Deutschland-Bezwingers noch nicht erfüllt ist. «Wir sind zufrieden, aber das waren wir auch schon vor zwei Jahren. Jetzt wollen wir Geschichte schreiben.»

Das wollten die Spanier schon öfter. Bereits fünf Mal standen die Iberer in einem Endspiel bei Europameisterschaften – alle fünf Mal scheiterten sie. Zuletzt 2016 in Polen an Deutschland. Bloss kein weiteres Déjà-vu, der Finalfluch soll endlich besiegt werden. «Das war von Anfang an unser Ziel», sagte Abwehrchef Gedeon Guardiola vom deutschen Meister Rhein-Neckar Löwen. Zum Vergleich: Für die Schweden geht es schon um den EM-Titel Nummer fünf.

Die Stärke der Spanier, die vor dem Turnier wie die Skandinavier nicht zu den ganz grossen Favoriten zählten, liegt in der Erfahrung. Mit 30,5 Jahren bewegt sich der Altersschnitt des EM-Kaders weit über dem der anderen Mannschaften. Neun Spieler haben die 30 bereits überschritten. «Das ist unser Geheimnis», sagte Guardiola, «unsere Mischung ist unglaublich gut. Wir haben junge Aussen und Erfahrung im Rückraum. Das ist perfekt.» Hinzu kommt seit Freitag ein weiterer Trumpf namens Arpad Sterbik. Der 38 Jahre alte Torhüter, der seine internationale Karriere eigentlich schon längst beendet hatte, steht nach der Verletzung von Stammkeeper Gonzalo Perez de Vargas plötzlich wieder im Aufgebot. Den Franzosen flösste der Weltmeister von 2013, Spitzname «serbischer Bär», so viel Respekt ein, dass sie gleich drei Mal vom Siebenmeterpunkt an ihm scheiterten.

Die Kraft liegt in der Ruhe

«Er ist wie eine Maschine», sagte Canellas über den Welthandballer von 2005, der seine erste WM-Medaille vor 19 Jahren mit Jugoslawien gewann. Sterbik habe «Kraft im Kopf» und «viel Erfahrung. Du hast immer ein bisschen Angst, wenn du gegen ihn wirfst.»

Neben seinen hervorragenden Torhütern besticht Spanien mit einer kompromisslosen Abwehr und einem konzentrierten Angriffsspiel. Während die Schweden im Halbfinal gegen Olympiasieger Dänemark mit ihrem spektakulären Tempospiel für Furore sorgten, liegt bei den Spaniern die Kraft eher in der Ruhe. So auch am Freitagabend gegen den Weltmeister. Immer wieder bissen sich die französischen Rückraumstars um Nikola Karabatic die Zähne an der spanischen Defensive aus. Vorne führten die Oldies Daniel Sarmiento (34) und Canellas (31) geschickt Regie und liessen den Ball geduldig laufen, bis sich irgendwo eine Lücke auftat.

Diese Qualitäten werden die «alten Herren» auch heute in die Waagschale werfen, um sich ihren grossen Traum zu verwirklichen: Nach den WM-Triumphen von 2005 und 2013 wollen die Spanier endlich auch den EM-Thron besteigen.

 

Christian Stukenbrock (SID), Zagreb

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