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SURFEN

Zuger geht für die Schweiz an die Surf-Weltmeisterschaft: «Ich surfe mit Spass und Respekt»

Nächste Woche beginnt in China die Weltmeisterschaft auf dem Longboard. Das Binnenland Schweiz entsendet Alejandro Flores Molina. Für den Zuger (40) mit mexikanischen Wurzeln wird ein Traum wahr.
14.01.2018 | 09:23

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

«Was? Die Schweiz hat einen Surfverband? Und du gehst für ihn an die WM?» Mit einem Lachen erzählt Alejandro Flores Molina, welch erstaunte Fragen ihm seine Angehörigen aus Mexiko stellen. Tatsächlich ist es nicht selbstverständlich, dass die Schweiz als Binnenland in der internationalen Surfszene präsent ist (siehe Kasten). Das ändert aber nichts an der Leidenschaft und am Ehrgeiz, mit dem Molina über die Wellen reitet. An den Longboard-Weltmeisterschaften in Wanning auf der chinesischen Insel Hainan (19. bis 25. Januar) möchte er mindestens die erste Runde überstehen. Doch dazu später mehr.

Alejandro Flores Molina lebt seit über elf Jahren in der Schweiz. Ursprünglich hatte der gebürtige Mexikaner hier lediglich einen dreimonatigen Deutschkurs eingeplant, um sich für die Arbeit im nordamerikanischen Werk des Volkswagen-Konzerns unweit von Mexiko-Stadt zu rüsten. Die Liebe allerdings änderte seine Pläne. Im Juanito’s, einem mexikanischen Restaurant in Zug, lernte er seine spätere Frau Rahel kennen, eine Zugerin, mit der er mittlerweile zwei Töchter hat (Nuria, 7-jährig; Emilia, 4). Angestellt ist der studierte Auslandshandelsspezialist als Logistikkoordinator bei Glencore. An das Leben in der Schweiz habe er sich schnell gewöhnt, «am schwierigsten war es mit dem Essen, ich vermisse die Tacos und die verschiedenen Sorten von Suppe, die wir in Mexiko haben», erzählt er 40-jährige Schweiz-Mexikaner.

Die Freude am Surfen entdeckte Alejandro schon als kleiner Junge. Aufgewachsen ist er in Veracruz am Golf von Mexiko, sein Zuhause war nur zwei Strassen vom Strand entfernt. «Surfen, essen, weitersurfen – an den Wochenenden machte ich nichts anderes. Unter der Woche war ich um 6 Uhr im Meer, surfte eine Stunde und ging dann ohne zu duschen mit salzigem Körper zur Schule», erinnert er sich lächelnd.

Zwei heikle Unfälle im «versteckten Hafen»

Alejandro Flores Molina imponiert dabei die Balance zwischen Mensch und Natur. «Es ist ein Sport, der für Adrenalin sorgt, du kannst der Welle nicht sagen, was sie zu tun hat. Ich surfe mit Spass und mit viel Respekt.» Letzteres flössten ihm zwei Unfälle im berühmt-berüchtigten Puerto Escondido (versteckter Hafen) ein. «Zweimal schluckte ich Wasser, verlor das Bewusstsein und wurde an Land getrieben. Ich hatte Glück.» Sei eine Welle höher als vier Meter, lasse er die Finger davon.

Im Gegensatz zur grossen Masse, die auf kurzen Brettern surft (Shortboard), wählt Molina das Longboard (ab 9 Fuss oder 2,74 Meter). «Von da kommt das Surfen, das ist Tradition, so hat alles begonnen», erklärt er. Doch wie kann man sich in der Schweiz das Rüstzeug für eine Weltmeisterschaft holen? In einem Wavepool, wo eine künstliche Welle produziert wird? «Nein, das habe ich dreimal ausprobiert. Das fühlt sich für mich ganz anders an als im Meer, da fühle ich mich wie ein Anfänger.»

Im Winter sei er oft auf dem Snowboard in Andermatt unterwegs, im Sommer surfe er in den Ferien regelmässig in Indonesien und Portugal. Der Rest besteht aus Fitness- und Koordinationstraining in der Schweiz, inklusive seinem fünfminütigen Arbeitsweg auf dem Skateboard.

Startgeld zahlt Verband, den Rest finanziert Molina selber

«Ich bin sehr fit», betont er. Das Gefühl auf dem Brett, die Surfpraxis im Wasser, die geht ihm allerdings ab. Vor seinem Abflug gestern Mittag Richtung Peking sagte er deshalb: «Ich bin sehr nervös. Während viele meiner Konkurrenten schon vor Ort üben, sitze ich noch in meinem Büro.» Um den Rückstand wettzumachen, werde er während den verbleibenden fünf Tagen bis zum Wettkampfstart acht Stunden täglich surfen.

Qualifiziert hat sich Molina mit einer Wild Card des Schweizer Surfverbands SSA. An seiner ersten Schweizer Meisterschaft im letzten Oktober im spanischen Loredo belegte er auf dem Longboard den vierten Platz. Hätte er mehr Vorbereitungszeit gehabt, wäre der Sieg möglich gewesen, davon ist er überzeugt. Da die vor ihm Klassierten auf die WM-Teilnahme verzichteten, kam der Zuger zum Handkuss. «Ein Traum wird wahr», schwärmt er, denn selbstredend ist auch die WM in China eine Premiere für ihn.

Mit Ausnahme der Startgebühr von 250 Dollar, die von der SSA übernommen wird, finanziert der Schweiz-Mexikaner alles selber. Druck von aussen habe er daher keinen, den mache er sich selber. Trotz seines Exotenstatus möchte er in China positiv auf sich aufmerksam machen.

Nur schon, um weitere erstaunte Fragen aus seiner Heimat mit Stolz beantworten zu können.

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