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SCHWINGERMODE

Das Hemd der Könige

Die Top-Athleten im Sägemehlring tragen auffallend häufig ein Hemd der Marke Kauf. Was ist das Geheimnis dieses Toggenburger Produktes?
27.08.2017 | 05:02

Nina Kobelt und Hans Graber

«Die Schwinger haben zum ­Appell pünktlich und in der vorgeschriebenen Kleidung anzutreten», so steht es im Regulativ des Eidgenössischen Schwinger­verbandes. Äusserlich wird zur Hauptsache unterschieden zwischen Turner- und Sennenschwingern.

Erstere entstammen oft Turnvereinen, wobei man heute zu Beginn der Karriere frei wählen kann, ob man als Turner- oder als Sennenschwinger in den Ring steigen will. Dann muss man aber dabei bleiben. Turnerschwinger tragen traditionsgemäss Weiss, den Sennenschwingern hingegen wird lediglich vorgeschrieben, ein «strapazierfähiges, farbiges, nicht grelles Hemd, dunkle lange Hose (keine Mode- oder Fantasiehemden)» zu tragen.

Ein Reglement, das viele Umsetzungen erlaubt: Diese nicht grellen, strapazierfähigen Hemden sehen bei jedem Sennenschwinger anders aus. Schaut man sich die «Bösen» genauer an, sticht aber ein Schwingerhemd hervor, nicht wegen seiner Farbe, sondern weil die durchtrainierten Schwinger, die es tragen, grad so aussehen, als ob sie im Ausgang gewesen wären oder bei einem Essen. Also sehr modisch und ziemlich sexy.

Auch die letzten beiden Schwingerkönige, Matthias Sempach und Matthias Glarner, tragen dieses schöne Textil, ferner weitere Berner wie Remo Käser und Willy Graber, der Solothurner Christoph Bieri oder der Innerschweizer Christian Schuler.

Einmal Libero, immer Libero

Das Hemd heisst Libero und kommt aus Ebnat-Kappel im Toggenburg. Es ist ein Klassiker der Firma Kauf, die seit 1904 Textilien herstellt und heute insbesondere auf hochwertige und modische Herrenhemden spezialisiert ist. Bezüglich Qualität gibt es auch beim Libero rein nichts einzuwenden, von der Erscheinungsform her gesehen wirkt es jedoch bei nicht ganz so sportlichem Körperbau eher zeitlos. Es hat aber trotzdem oder gerade deswegen eine treue Stammkundschaft. Einmal Libero, immer Libero, lautet die Losung.

Zusammengesetzt ist es aus 50 Prozent Baumwolle und 50 Prozent Polyester. Das Kleidungsstück überzeugte schon früh: Die Schwingerlegenden Karl Meli und Rudolf Hunsperger schwangen sich bereits in den Sechzigerjahren in solchen Hemden zum Königstitel. In den Siebzigern stach das Libero dann sozusagen alle Konkurrenten aus: «Es passte einfach alles zusammen», sagt der heutige Geschäftsführer der Toggenburger Firma, Michael Kauf, «der Schnitt – eng anliegende Hemden waren der letzte Schrei –, die Qualität, das Marketing, die Tatsache, dass es nicht gebügelt werden musste.» Allerdings hatte das Textil damals vor allem als Businesshemd Erfolg, und es war gefertigt aus 66 Prozent Polyester und 33 Prozent Viscose.

Schwingerversion mit Edelweissmuster

Die Schwingerversion von heute – weich, bügelfrei, mit Knopf oder Reissverschluss, neuerdings manchmal mit Edelweissmuster – hat laut Kauf einen Vorteil, den auch Schwinger bestätigen: Man könne das Sägemehl gut abwischen. Lustigerweise schwingen ausgerechnet die Toggenburger nicht im Toggenburger ­Libero, sondern vorzuweise weiterhin im Barchenthemd, also in aufgerauter Baumwolle. Nur der Noldi Forrer, sagt Kauf, trage ein regionales Hemd, die Edelweissversion mit Stehkragen.

Erhältlich ist das klassische Libero in sechs Farben. Die beliebtesten sind Hellblau (wie bei Sempach) gefolgt von Stahlblau, weitere Varianten sind Weiss, Marineblau, Silber und Bordeaux. «Es gibt auch Schwinger, die weisse Hemden kaufen und diese dann nach eigenen Vorlieben färben», sagt Conny Oberholzer, zuständig für Marketing und Verkauf bei Kauf. «Ich war zunächst der Meinung, dass das gar nicht möglich ist, aber die Schwinger haben mich eines Besseren belehrt», amüsiert sich Conny Oberholzer, «nimmt mich wunder, wie die das machen …»

Was das «strapazierfähig» im Schwinger-Regulativ angeht, müssen sich die Sportler nicht sorgen. Das Hemd vertrage was, sagt Michael Kauf, es sei fast nicht kaputtzukriegen. Das hänge mit dem Produkt an sich zusammen, «Jersey kann man dehnen, bis er verrupft». Kauf hat als langjähriger Swissair-Lieferant Waschtests gemacht. Resultat: Ein Kauf-Hemd hält 50 Haushaltswäschen und 28 Industriewäschen aus. Ein Libero noch mehr. Die Schwinger kaufen die Liberos übrigens ab Stange. Sonderanfertigungen gibt es nur für Matthias Sempachs Freizeitkluft.

Was Original und Kopie unterscheidet

Was erfolgreich ist, wird auch immer mal kopiert. Das Libero bildet da keine Ausnahme. Eine Fachperson kann aber oft auf ­einen Blick erkennen, ob es sich um das Original von Kauf handelt: «Beide Ärmel sind an einem Stück geschnitten. Das ist der ­typische patentierte Libero- Schnitt», sagt Conny Oberholzer. Weil aber auch dieser sogenannte Raglanschnitt kopiert werden kann, müsste man zur Beseitigung letzter Zweifel zugreifen – ans Hemd des Schwingers. «Da würde man die Qualität spüren, weich und elastisch.»

Offen bleibt die Frage, ob man in einem Libero automatisch auch besser schwingt. Mehrere Königstitel sind zwar ein gutes Argument, aber selbst wenn alle so ein Hemd tragen würden, gewinnt am Schluss meistens nur einer. Jene «Bösen», die vom Erfolg bisher nicht verwöhnt wurden, sollten es halt mal versuchen. Landen sie trotzdem auf dem Rücken, lässt sich wie gesagt das Sägemehl besser vom Rücken abschütteln. Immerhin das.

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