zurück
SCHWINGEN

«Ich halte die Dinge gern von mir fern»

Marcel Bieri (22) aus Edlibach gehörte in der zu Ende gegangenen Saison zu den erfolgreichsten Innerschweizern. Der angehende Primarlehrer erklärt, warum er manchmal verträumt wirkt. Und warum er Niederlagen eher schätzt als Siege.
09.09.2017 | 09:03

Interview: Raphael Biermayr

raphael.biermayr@zugerzeitung.ch

Marcel Bieri lacht häufig, während er zu Hause in Edlibach am Küchentisch sitzt und von den letzten Wochen und Monaten erzählt. Das Lachen ist sein Markenzeichen, auch im Sägemehlring, wo er in den vergangenen Monaten so erfolgreich war wie nie zuvor. Der 22-Jährige vom Schwingklub Ägerital gewann sieben Kränze, darunter drei Bergkränze. Der grösste Erfolg war aber der Sieg am Zuger Kantonalfest in Baar, als er zum zweiten Mal innert Wochenfrist den Eidgenossen Christian Schuler im Schlussgang bezwang. Bemerkenswert: Wenn Bieri andere Schwinger erwähnt, nennt er konsequent den Nachnamen vor dem Vornamen. Die reine Schwingsaison ist zwar beendet, dennoch wird er heute an die Arbeit gehen, wie es so schön heisst: In Eschenbach nimmt der Athlet des STV Menzingen am Eidgenössischen Nationalturntag teil.

Marcel Bieri, Sie haben den Schlussgang am letzten Schwingfest der Saison am Allweg verloren. Dennoch sieht man Sie auf den Fotos lachen. Waren Sie nicht enttäuscht?

Nein. Ich war diese Saison so erfolgreich wie nie. Ausserdem finde ich es schön, dass Mathis Marcel sein Heimfest mal gewinnen konnte.

Gab es trotz der vielen Erfolge überhaupt Enttäuschungen in der abgelaufenen Saison?

Eigentlich nicht. Natürlich gab es einzelne Gänge, die ich nicht hätte verlieren sollen. Aber ich zähle mich immer noch zu den mittelstarken Schwingern, die auch mal verlieren dürfen.

Was hat der Erfolg dieser Saison mit Ihnen gemacht?

Ich gehöre zu den besten Zugern, wenn man die Resultate sieht. Es wäre schön, im nächsten Jahr daran anzuknüpfen. Aber es wird nicht leichter, da ich nun mit stärkeren Gegnern eingeteilt werde. Allerdings schwinge ich gern gegen die Besseren, das ist also durchaus positiv.

Was liegt Ihnen an den Besseren?

Sie müssen gegen mich gewinnen, weil ich als Nicht-Eidgenosse schlechter eingestuft bin. Mein Ziel ist es, 2019 in Zug den eidgenössischen Kranz zu holen. Bis dahin nehme ich diese Aussenseiter­rolle gern.

Weil Sie sich so sehen oder weil diese Rolle Ihrer tatsächlichen Stärke entspricht?

Ich zähle mich wie erwähnt wirklich nicht zur nationalen Spitze, sondern ­ als Mittelschwinger. Ausserdem ist es schön, wenn man ohne Druck schwingen kann.

Sie haben vor dieser Saison nie einen Schlussgang gewonnen. Verändert einen die Erfahrung, diesen finalen Kampf zu gewinnen?

Ich denke schon. Hätte ich in Pfäffikon nicht gewonnen, hätte ich auch das Zuger Kantonale nicht gewonnen, davon bin ich überzeugt. Denn so wusste ich, dass ich Schuler Christian bezwingen kann. Und natürlich ist es etwas Schönes, ein Fest zu gewinnen.

Das empfinden Sie also doch, trotz all der Gelassenheit?

Ja. Aber wenn ich diese Schlussgänge verloren hätte, wäre das auch nicht so schlimm gewesen. Im Schlussgang zu stehen, ist auch ein Erfolg.

Das heisst, Sieg oder Niederlage im Schlussgang macht für Sie keinen Unterschied?

Die Bedeutung des Sports für mich ändert sich nicht. Klar ist man etwas motivierter dabei, wenn man mal gewonnen hat. Aber lehrreich sind nur Niederlagen, von Siegen nehme ich nicht viel mit.

Haben Sie einen Angstgegner?

Nein.

Einen Lieblingsgegner?

Eidgenossen (lacht). Ich glaube nicht, dass es so etwas wie einen Lieblingsgegner gibt. Denn wenn man gegen einen gewonnen hat, kennt der dich und macht es dir das nächste Mal schwerer. So kommen viele gestellte Gänge zu Stande.

Orientieren Sie sich am Stil eines bestimmten Konkurrenten?

Natürlich gibt es Züge, die man sich von anderen abschaut. Aber einen Stil kopiere ich nicht. Dafür verfolge ich wahrscheinlich zu wenig Schwingfeste. Ich bin bis heute erst einmal an einem gewesen, ohne selbst zu schwingen.

Das heisst, das Schwingen interessiert Sie eigentlich nicht besonders?

Doch, das schon. Ich schaue mir Zusammenfassungen auf Tele 1 an und halte mich auf dem Laufenden. Aber Feste besuche ich als Zuschauer keine. Ich bin ja als Schwinger schon genug an solchen.

Im Training werden Sie im Schwingklub Zug und im kleinen Zuger Verband nicht so stark gefordert wie manche Konkurrenten anderer Verbände. Wünschen Sie sich mehr Abwechslung?

Die Trainingssituation ist nicht schlecht, ich war ja in der abgelaufenen Saison ziemlich erfolgreich damit. Natürlich ist es besser, wenn man auch gegen Gegner schwingen kann, die man nicht kennt. Das merke ich bei Zusammenzügen des Innerschweizer Verbands vor Grossanlässen. Aber der eigene Klub würde leiden, wenn seine besten Schwinger nicht mehr an seinen Trainings teilnehmen würden. Das wäre es mir nicht wert, denn schliesslich hat mich der Klub ja sozusagen aufgezogen. Dafür bin ich ihm dankbar.

Aus Ihrem Klub heisst es, Sie wirkten an Schwingfesten manchmal verträumt. Woher kommt das?

Es kommt mir zugute, wenn ich mir keinen grossen Druck aufbaue.

Sind Sie als Leistungssportler lockerer als sonst im Leben?

Nein, ich halte die Dinge generell gern von mir fern. Ich versuche das auch im Studium und im Privaten. Natürlich klappt das nicht immer.

Was für Reaktionen haben Sie von aussen auf Ihre Auftritte im Sägemehlring erhalten?

Es sagen mir viele, dass ihnen meine Art zu schwingen gefällt. Man merkt, dass ich keinen Gang stellen will, sondern auf Angriff schwinge. Ausserdem gab es ­Buben, die Autogramme wollten.

Wie haben Sie das empfunden?

Am Anfang war es schon komisch. Nur, weil ich das Zuger Kantonalfest gewonnen hatte, kamen die Leute plötzlich auf mich zu – dabei schwinge ich ja schon seit zwölf Jahren. Aber das gehört dazu und stört mich auch nicht. Gratulationen sind ja etwas Schönes.

Erhalten Sie auch Gratulationen von den Schweizer Spitzenschwingern?

Nicht von den Schwingern, aber von Verwandten, von denen manchmal. Am Schwarzsee-Schwinget zum Beispiel hat mir ein älterer Herr gratuliert, den ich nicht kannte. Ein Freund von mir hat mir erklärt, dass das der Vater von Sempach Matthias ist.

Ihr Primarlehrerstudium wird voraussichtlich im Sommer 2018 beendet sein. Ziehen Sie in Erwägung, statt sofort mit dem Arbeiten zu beginnen, sich ein Jahr lang auf das Eidgenössische in Zug zu konzentrieren?

Nein. Es würde mir nicht zusagen, nur auf den Sport zu setzen. Ich kann mir eher vorstellen, zu arbeiten oder reisen zu gehen.

Sie gehören dem «Schenker-Storen-Team» an, in dem junge Schwinger mit grossem Potenzial aus der ganzen Schweiz gesponsert werden. Wie ist diese Zusammenarbeit zu Stande gekommen?

Jemand kontaktierte mich, was mich sehr überraschte. Aber ich war interessiert und sah darin eine gute Chance. Sie haben einen guten Deal gemacht mit Orlik Armon und Aeschbacher Matthias, die auch zu diesem Team gehören.

Mit Ihnen haben sie auch keinen schlechten Deal gemacht …

Ja, ja (lacht).

Welche Ziele stecken Sie sich für die Saison 2018?

Ich will wieder an jedem Kranzfest den Kranz holen. An einem Kantonalen im Schlussgang zu stehen, wäre schön, aber das wird schwierig. Das Wichtigste nächstes Jahr ist sowieso, das Studium abzuschliessen.

Weitere Artikel