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UNSPUNNEN

«Ich kenne auch Ernst Schläpfer»

Interlaken vereint in diesen Tagen den üblichen Tourismustrubel mit urschweizerischen Bräuchen. Für Einheimische ist das noch längst kein Grund, nervös zu werden – auch wenn nach dem Unspunnen der nächste Grossanlass folgt.
27.08.2017 | 04:38

Claudio Zanini, Interlaken

Im Vorgarten des Nobelhotels Victoria Jungfrau spielt der Pianist Wohlfühl-Jazz. Die Gäste sitzen in gediegenen Fauteuils, sind adrett gekleidet, das Personal serviert in Langarmhemd und Krawatte – die Temperaturen liegen bei 30 Grad. Nur der Höheweg trennt das Fünfsternehaus von der direkt gegenüberliegenden Höhematte, welche an diesem Sonntag zum Epizentrum des Schwingsports wird.

Dort drüben fläzt sich gerade Gottlieb auf seinen Strohteppich, wenige Meter von der Arena entfernt. Gottlieb ist momentan der berühmteste Stier der Schweiz, der Siegermuni, der Lebendpreis für den besten Athleten am Unspunnen-Schwinget. Von einem der Zaungäste wird der Koloss schon seit geraumer Zeit beäugt. Er heisst Josef Schulthess, ein 77-jähriger Mann aus dem bernischen Oberdiessbach. In seinem Hut stecken Pins von gefühlt allen eidgenössischen Jodlerfesten, die bisher veranstaltet wurden. Auch kürzlich sei er dabei gewesen, als sich die Jodler Ende Juni in Brig versammelten. Schulthess trägt zwar keine Schweizer Tracht, es sei eine Mischung aus einer österreichischen und einer deutschen Tracht. «Ich kenne übrigens auch Ernst Schläpfer», fügt Schulthess quasi nahtlos an, mit dem zweimaligen Schwingerkönig habe er schon persönlich zu tun gehabt. Geschwungen wird auch schon, am Vortag des Saisonhöhepunktes, allerdings bei den Jungschwingern, in einem Sägemehlring ausserhalb der Arena.

Nach Unspunnen ist vor dem Marathon

Das Bödeli, wie die Ebene zwischen dem Thuner- und dem Brienzersee genannt wird, beherbergt zurzeit verschiedene Welten: Älpler und Araber, Asiaten und Urchige. Nebst dem üblichen Tourismus kommen in diesen Wochen die Grossanlässe hinzu. Nach dem Unspunnen-Schwinget folgt die Unspunnen-Woche mit täglichen Veranstaltungen, am kommenden Sonntag wird das Unspunnenfest mit einem Umzug beendet.

Und am darauffolgenden Wochenende steht bereits der Jungfrau- Marathon mit 4000 Startplätzen und Ausgangspunkt Interlaken an. Der «schönste Marathon der Welt» – so der Werbeslogan.

Während des Unspunnenfests werden 150 000 Besucher erwartet. Die unzähligen Souvenirshops in der Tourismusdestination müssten sich die Hände reiben ob der potenziellen Kundschaft, denkt man sich. Das sei ein Irrtum, entgegnet etwa Pia Alscher, die rund 200 Meter vom Festgelände entfernt einen Souvenirladen betreibt. «Ich gehe nicht davon aus, dass ich mehr verkaufen werde als sonst. Ich erwarte auch nicht, dass es spürbar mehr Leute im Ort haben wird.» Ob sie sich selbst irgendwann aufs Festgelände wage, wisse sie noch nicht, sagt Alscher. Aber das Schwingfest mit den 120 Besten der Schweiz habe sicher seinen Reiz.

Billette nur für die Schwingklubs

Die Vermutung liegt nahe, dass bei all den Grossanlässen ein Unspunnenfest die Einheimischen nicht komplett aus den Socken haut. Die Nüchternheit habe vielleicht noch andere Gründe, mutmasst Alscher: «Im Dorf sind sehr viele Leute enttäuscht, weil sie keine Tickets bekommen haben fürs Schwingen», sagt sie. Wie gewohnt gab es keinen öffentlichen Verkauf, die Billette gehen ausnahmslos an die Schwingklubs. Gestern durften aber alle die Arena besichtigen. 15 000 Sitzplätze fasst sie. Mit den Rasensitzplätzen, den etwas unkomfortableren Bänken direkt am Sägemehlrand, sind es gar 16 000. «Lue, die si vom Fernseh», sagt einer ehrfürchtig, während das Schweizer Fernsehen Tests für die mehr als neunstündige Livesendung durchführt. Neun Kameras am Boden und in der Luft stehen dabei im Einsatz.

Irgendwann nach 17 Uhr werden wir heute Abend wissen, wer der neue Unspunnen-Held ist und Siegermuni Gottlieb nach Hause nehmen darf. Interlaken dürfte deswegen kaum aus den Fugen geraten. Vielleicht auch dann nicht, wenn es entgegen der Erwartungen kein Berner sein sollte.

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