Schwingen
20.05.2017 04:41

Heute Tanzen, morgen Schwingen

  • Aufsteiger des Jahres 2016: Remo Käser, hier nach einem gewonnenen Gang gegen Martin Grab am Berner Kantonalen.
    Aufsteiger des Jahres 2016: Remo Käser, hier nach einem gewonnenen Gang gegen Martin Grab am Berner Kantonalen. | Bild: Urs Flüeler/Keystone (Meiringen, 17. Juli 2016)
  • Ein Bild von 2005: die Jungschwinger Remo Käser (links) und Joel Wicki (Mitte). Im Hintergrund die Eltern Adrian und Lisa Käser.
    Ein Bild von 2005: die Jungschwinger Remo Käser (links) und Joel Wicki (Mitte). Im Hintergrund die Eltern Adrian und Lisa Käser. | Bild: Instagram (Remokaeser10)
SCHWINGEN ⋅ Der Berner Remo Käser tritt morgen am Luzerner Kantonalen in Malters an. Heute Abend ist er Protagonist in einer Tanzshow des Schweizer Fernsehens. Trotz seiner unkonventionellen Art lebt er die Werte des Schwingsports.

Claudio Zanini

claudio.zanini@luzernerzeitung.ch

Wenn sich Remo Käser mit gepackten Sporttaschen kurz vor dem Schwingfest ablichten lässt, sieht er aus wie ein gewöhnlicher 20-Jähriger, der mit seinen Kollegen nach Miami oder Mallorca fliegt. Sein Bizeps spannt die Ärmel des T-Shirts, auf dem Kopf sitzt ein Cap, die Stecker in den Ohren blinken, am Handgelenk glitzert ein Chronometer. Man würde nicht sofort auf einen Schwinger aus dem bernischen Alchenstorf tippen. Eher auf einen Fussballer eines urbaneren Milieus oder einen Fernsehstar.

Gängige Klischees eines Schwingers erfüllt Remo Käser nicht wirklich, obschon ihm wohl mehr Sägemehl anhaftet als so manchem Athleten. Denn sein Vater ist Adrian Käser, sein Onkel ist Silvio Rüfenacht – beides Schwingerkönige. In der vergangenen Saison gewann Käser zwei Kranzfeste, am Eidgenössischen erreichte er den 3. Schlussrang. Nach der Saison wurde er mit dem Goldenen Kranz als Aufsteiger des Jahres geehrt.

Die schwingerische DNA gerät aber schnell in Vergessenheit, sobald der Spross von Adrian Käser in einem Promi-Magazin über Ferien in Mauritius und Delfine im Indischen Ozean sinniert oder wenn er heute Abend zur besten Sendezeit in der SRF-Tanzshow «Darf ich bitten?» mit der Kunstturnerin Giulia Steingruber antritt. Dann schwingt er zwar das Tanzbein, aber von Kurz und innerem Haken fehlt jegliche Spur.

Teilnahme trotz Ellbogenverletzung

Dass er unkonventionelle Wege geht, spürt Remo Käser. Mit Kritik, die er dafür einstecken muss, geht er pragmatisch um. «Egal, was man macht, Kritiker wird es immer geben», sagt er. Bezogen auf die Tanzshow erhalte er durchaus positive Reaktionen. «Ich kriege aus allen Kreisen unglaublich viele Komplimente und Bewunderung für meine Teilnahme. Mir macht es Spass, Tanzen ist etwas Schönes, und der Sport muss nicht darunter leiden.» Käser bewegt sich ausserhalb des Sägemehls in einer glamourösen Welt, die nicht vereinbar scheint mit dem Sport, der vom Eidgenössischen Verband im Sinne einer Denkmalpflege geführt wird und in dem Demut grossgeschrieben wird. Im Schwingen ist etwa das Format der Autogrammkarten der Athleten vorgegeben (maximal 148 x 210 Millimeter), Reklameflächen auf den Trainingsanzügen sind ebenso genau geregelt. Und nicht zuletzt müssen die Schwinger einen Zehntel der Sponsoreneinnahmen abgeben – Geld, das für die Nachwuchsförderung eingesetzt wird. Die Rahmenbedingungen für Werbung und öffentliche Auftritte sprechen eine klare Sprache: Der Sport soll geschützt, mit den Traditionen soll nicht gebrochen werden.

Für Käser ist klar: Mit seinen Aktivitäten verletzt er die Gepflogenheiten des Schwingens nicht. «Die Werte des Schwingsports – wie Kameradschaft, Respekt, Bodenständigkeit und Familie – begleiten mich im Alltag. Egal, was ich in meinem Leben mache, ich lebe diese Werte für mich.» Sein Motto lautet: «Das eine tun, das andere nicht lassen.» Heute Tanzen, morgen Schwingen. Doch die Teilnahme am Luzerner Kantonalen wackelte in dieser Woche. Am Emmentalischen letzten Sonntag zog er sich einen Teilanriss eines Bandes im Ellbogen zu. Trotz bestehendem Risiko tritt er in Malters an. «Mein Gefühl sagt mir, dass es geht – auch mit der Unterstützung eines guten Tapes.» Im Verlauf des Fests könnte es zum Duell gegen Joel Wicki kommen. Beide kennen sich seit Jungschwingertagen, zusammen absolvierten sie die Spitzensport-RS. Wicki ist Mitfavorit, Käser der stärkste Gast. Beide haben zwei Kranzfestsiege auf dem Konto. Nur hat der Berner bereits den eidgenössischen Kranz. Man möge sich seine Präsenz in Promi-Formaten ausmalen, wenn Käser nicht Dritter geworden wäre in Estavayer, sondern Erster.

«Leichter Druck» bei Titelverteidiger Schurtenberger


LUZERNER KANTONALES Malters sei gerüstet für das grosse Fest, teilten die Organisatoren gestern mit. OK-Präsident Guido Keller hofft auf 6000 Schwingfans auf dem Areal, die Oberei-Arena bietet Platz für gut 5000 Zuschauer. Einige wenige Sitzplatztickets sind an der Tageskasse (Sonntag ab 6 Uhr geöffnet) noch erhältlich. «Wir sind bereit. Nun hoffen wir einfach, dass das Wetter mitspielt», meldet Guido Keller.

Im Sägemehl sind alle Augen auf die schlagkräftige Luzerner Fraktion um Sven Schurtenberger, Joel Wicki, René Suppiger und Erich Fankhauser gerichtet. Insbesondere Schurtenberger gehört als Titelverteidiger zu den Topfavoriten. Im ersten Gang trifft der Schwinger aus Buttisholz auf Remo Käser. Es ist das erste Aufeinandertreffen der beiden Neueidgenossen.

Käser: «Schurtenberger ist nur schwer zu bezwingen»

Mit Blick auf das Duell gegen den Berner, sagt Schurtenberger: «Ich werde mir sicher noch einmal seine Gänge des Eidgenössischen anschauen, damit ich nicht überrascht werde.» Als Sieger des Luzerner Kantonalen 2016 verspüre er «einen leichten Druck», befindet der 25-Jährige. «Bisher konnte ich in dieser Saison noch nicht richtig überzeugen. Aber meine Planung ist auch auf das Teilverbandsfest und das Unspunnen ausgelegt.» Zum Auftakt der Kranzfestsaison holte Schurtenberger am Zuger Kantonalen mit Rang 3b den Kranz.

Remo Käser begegnet dem Luzerner Schurtenberger jedenfalls mit Respekt. «Sven hat gerade im letzten Jahr gegen meinen Klubkameraden Matthias Sempach gezeigt, dass er ein sehr starker Schwinger und nur schwer zu bezwingen ist.»

Nebst den Luzerner Favoriten werden auch renommierte Innerschweizer Gäste dabei sein. So etwa Andreas Ulrich aus Gersau, der am letzten Sonntag am Schwyzer Kantonalen in Arth triumphierte und seine starke Frühform unter Beweis stellte. Chancen auf den Siegermuni Dimitri haben auch die arrivierten Spitzenschwinger Bruno Nötzli (Pfäffikon SZ) und Andi Imhof (Attinghausen). Gemeldet sind neun Eidgenossen.

Nebst dem Luzerner Kantonalen stehen am Sonntag zwei andere Kranzfeste auf dem Programm. In Weiach findet das Zürcher Kantonale statt, in Tramelan das Bern-Jurassische. Letzteres dürfte vor allem auf einen Zweikampf zwischen Matthias Sempach und Christian Stucki hinauslaufen.

Luzerner Kantonales

Malters. Programm. Heute, 11.00: Öffnung Festwirtschaft. – 14.00: Malterser Schnupperschwingen. – 15.00: Talkrunde und Autogrammstunde mit Joel Wicki, Nadine Fähndrich (Weltcup-Langläuferin), Thomas Sutter (Schwingerkönig 1995). – 11.00–20.00: Besichtigung Gabentempel.

Sonntag. 6.00: Öffnung der Kassen. – 7.45: Anschwingen. – 10.15: Sonntagsstille. –10.40: Fortsetzung Schwingen. – 11.30: Mittagspause. – 13.15: Fortsetzung Schwingen. –15.15: Offizieller Festakt. – 17.00: Schlussgang.

Favoriten: Sven Schurtenberger (Sieger 2013, 2016), Joel Wicki, René Suppiger, Philipp Gloggner (2012), Erich Fankhauser (2015), Andreas Ulrich, Andi Imhof, Remo Käser.

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