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SCHWINGEN

Stucki – der König der Herzen

Christian Stucki feiert mit dem Unspunnen-Triumph seinen grössten Sieg. Der 32-jährige Hüne bewahrt damit die Berner in Interlaken vor einem Debakel.
27.08.2017 | 21:41

Klaus Zaugg, Interlaken

sport@luzernerzeitung.ch

Die mächtigen, bösen, königlichen Berner fielen wie Knechte. Aber der König der Herzen ist stehen geblieben. Christian Stucki (32), der Titan mit dem weichen Herzen, gewinnt als erster Berner seit 30 Jahren Unspunnen. Nach Kilchberg 2008 triumphiert er zum zweiten Mal bei einem Fest mit eidgenössischem Charakter. Also mit allen Bösen des Landes. Nun ist ihm auch ohne Königstitel ewiger Ruhm sicher. Nicht einmal die Könige Karl Meli, Rudolf Hunsperger und Ernst Schläpfer haben Unspunnen und Kilchberg gewonnen.

Ja, Stucki hat die Berner vor einer Demütigung sondergleichen bewahrt. Sie beginnen nämlich dieses Fest mit Karacho. Stucki braucht gegen Titelverteidiger Daniel Bösch und Marcel Mathis nicht einmal eine Minute zur Maximalnote. Nach zwei (von sechs Gängen) finden wir in der Rangliste unter den ersten neun nicht weniger als sechs Berner. Die Diskussionen drehen sich nicht mehr darum, ob die Schmach von 2011 (als die Berner nach drei Gängen schon keine Chance mehr auf den Festsieg hatten) getilgt wird. Der Sieg scheint sicher. Die Frage ist nur noch, an wen er fallen wird. An die Könige Matthias Sempach und Kilian Wenger? Oder doch eher an Christian Stucki? Und die Kenner diskutieren bereits, ob das Einteilungskampfgericht mangels konkurrenzfähiger Gegner gar schon im dritten oder doch spätestens im vierten Gang Berner gegen Berner antreten lassen muss.

Stucki schnappt Wicki den Sieg weg

Und dann geht das bernische Königreich der Bösen nach der Mittagspause innert ein paar Minuten beinahe unter. Gleich nacheinander verlieren die Könige Kilian Wenger (gegen Armon Orlik) und Matthias Sempach (gegen Reto Nötzli) und sind aus dem Rennen. Aber Stucki bleibt stehen. Er siegt im dritten und im vierten Gang und sichert sich mit einem Gestellten gegen den wehrhaften Buttisholzer Sven Schurtenberger im fünften Durchgang die Qualifikation für den Final. Dieser Schlussgang gegen den «Papier-Berner» Curdin Orlik gerät zum Drama. Erst knapp eine Minute vor Ablauf der Kampfzeit gelingt es ihm unter Aufbietung all seiner urweltlichen Kräfte doch noch, seinen Gegner zu bezwingen. Welch ein Bild, wie der wahrscheinlich kräftigste Mann des Landes mit einer letzten Willensanstrengung doch noch den grossen Triumph erringt. Im Falle eines Unentschiedens hätte der Sörenberger Joel Wicki den Festsieg geerbt.

Ist Curdin Orlik ein Berner?

Der Triumph ist wahrlich ein grosser: Zwei Berner haben den Schlussgang bestritten. Christian Stucki aus Lyss und Curdin Orlik (24) aus Kandersteg. Richtig, Curdin Orlik ist ein Bündner, aus Maienfeld, und der ältere Bruder des Nordostschweizer-Leitwolfes Armon Orlik, des Schlussgangverlierers des Eidgenössischen von 2016 (gegen Matthias Glarner). «Ich fühle mich als Berner, ähhh als Bündner natürlich», hat Curdin Orlik einmal auf eine entsprechende Frage der «Berner Zeitung» geantwortet.

Seit dieser Saison schwingt er für den Berner Teilverband. Des Rätsels Lösung: Er studiert in Zollikofen bei Bern Agronomie, er lebt in Kandersteg, mit seiner aus dem Oberland stammenden Partnerin hat er einen einjährigen Sohn. Im Herzen sei er ein Bündner geblieben, gesteht er, «aber ich bin hier bestens integriert». Der einstige Judokämpfer mit den Händen eines Pianisten (gelegentlich spielt er in der Kirche von Kandersteg die Orgel) ist also ein schwingerischer «Papier-Berner».

Der Unspunnen-Schlussgang ist sein bisher grösster Erfolg. Er ist ja noch nicht einmal «Eidgenosse», er hat also beim Eidgenössischen noch keinen Kranz gewonnen. Am Sonntag hatte er das Pech, gleich zweimal gegen Christian Stucki antreten zu müssen: Er hatte bereits im vierten Gang verloren, und schliesslich reichte die Kraft auch im Schlussgang nicht – er ist viel kleiner (187 cm) und leichter (103 kg) als der Titan aus dem Seeland (198 cm, rund 150 kg). Immerhin gehen die Orlik-Brüder in die Geschichte ein: Sie haben beide einen Schlussgang eines Festes mit eidgenössischem Charakter gegen einen echten Berner verloren. (kza)

Christian Stucki ist wahrlich ein König der Herzen. Ein Titan mit einem sanften Gemüt, über den sein Lehrer Hansjörg Wegmüller (7. bis 9. Klasse) einmal gesagt hat: «Christian überragte alle anderen um mehrere Kopflängen. Er war aber sehr rücksichtsvoll mit allen Mitschülern. Auch bei Ballspielen. Oft verzichtete er auf den eigenen Vorteil. Sowieso war er gegenüber Kleineren und Schwächeren immer hilfsbereit. Hob die Kleinen sogar auf eine Mauer, damit er mit ihnen auf Augenhöhe diskutieren konnte. Christian war ein sympathischer, guter Schüler und so bescheiden, dass er seine Erfolge bei den Jungschwingern nie erwähnte.»

So wie er als Schüler war, so ist er auch heute noch, mit 32 Jahren und längst zum Titanen von 198 Zentimetern Grösse und gut und gerne 150 Kilo Gewicht herangewachsen. Dass er noch nie König war, dürfte seine Ursache in eben dieser Art haben: Der ultimative Ehrgeiz, die königliche Verbissenheit sind nicht seine Sache. Und er sagte deshalb auch, dass der Schlüssel zum Erfolg eine Zielstrebigkeit war, um die er sich in dieser Saison bemüht habe. Und wie es seine Art ist, hat er gleich nach dem grössten Triumph seiner Karriere seinen Gegner gewürdigt und ihm zur Leistung gratuliert. Und auf die Frage, was er nun tun werde, entgegnete er, typisch «Stucki Chrigu»: «Jetzt gehe ich erst einmal duschen ...»

Video: Interview mit Unspunnen-Sieger Stucki

Der Seeländer Schwinger Christian Stucki hat am Sonntagabend den Berner Verbandskollegen Curdin Orlik in der letzten Minute des Schlussgangs bezwungen. Das Interview mit dem Unspunnen-Sieger. (Sarah Ennemoser)


Video: Unspunnen: «Stucki ist der Beste»

«Stucki ist der Beste», da sind sich die meisten Zuschauer auf der Tribüne des Unspunnen-Schwingfests in Interlaken einig. Stimmen aus dem Publikum, bevor es in die beiden letzten Gänge geht und der neue Unspunnen-Sieger bekannt wird. (Sarah Ennemoser)



Bildergalerie: Unspunnen-Schwinget 2017

Gegen den Zürcher Eidgenossen Fabian Kindlimann, der die ersten beiden Gänge ebenfalls gewonnen hatte, errang Christian Stucki im dritten Gang des Unspunnenfests seinen dritten Sieg. (Peter Schneider/Keystone )

Bildergalerie: Unspunnen: die Notenblätter der Innerschweizer

Die Noten der 33 Innerschweizer Schwinger am Unspunnen-Schwinget 2017 in Interlaken (Roger Grütter )

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