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SCHWINGEN

Wo Klischees aufs Kreuz gelegt werden

128 Mädchen und Frauen kämpften am Samstag am Eidgenössischen Frauenschwingfest in Schachen um den Titel der Schwingerkönigin. Unsere Reporterin erlebte zum ersten Mal ein Schwingfest – und war begeistert.
23.09.2017 | 21:33

Natalie Ehrenzweig

sport@luzernerzeitung.ch

Obwohl ich selber Kampfsport betreibe – Brazilian Jiu-Jitsu –, war ich noch nie an einem Schwingfest, schon gar nicht an einem eidgenössischen Frauenschwingfest, wie es am Samstag in Schachen stattfand. Schade eigentlich. Denn da gibt es viel zu sehen!

Ich gebe zu: Mir imponieren Menschen, die ihren Weg gehen, auch wenn sie dafür Dinge tun, die für die Gesellschaft als «untypisch» für ihr Geschlecht gelten. Etwa Krankenpfleger. Oder Schwingerinnen. Am Eidgenössischen Frauenschwingfest ist mir das interessante Spannungsfeld aufgefallen, in dem sich das Frauenschwingen befindet: Einerseits ist Schwingen eine sehr traditionelle Sportart, gewachsen aus einem Hirtenspiel, das zum ersten Mal im 13. Jahrhundert dargestellt wurde. Ein Nationalsport, der eigentlich fest in Männerhand ist. Andererseits gibt es seit 1992 den Eidgenössischen Frauenschwingverband. Der Sport wird wie bei den Männern ausgeübt – auf dem gleich grossen Sägemehlrund, mit den gleichen Regeln und in den gleichen aus Zwilch hergestellten kurzen Hosen.

Überhaupt: An diesem Prachtstag in Schachen werden viele Klischees herausgefordert. Mädchen haben Angst, sich einen Nagel abzubrechen! Mädchen möchten immer hübsch sein! Schwingerinnen haben das Format eines Schrankes und sind Mannsweiber! All das kann man getrost über Bord werfen. Schon bei den jüngsten Mädchen in der Kategorie Zwergli (6 bis 9 Jahre) geht es zur Sache. Und auch in den Kategorien Meitli 2 (10 bis 12 Jahre), Meitli 1 (13 bis 15 Jahre) und bei den Aktiven (ab 16 Jahre) schenkt man sich nichts.

Kälins Vorsprung reicht für den Titel

Schon wieder bin ich beeindruckt. Während in meinem Kampfsport die Kämpfe in Gewichtsklassen, Gurtklassen und Altersklassen durchgeführt werden, gilt hier nur das Alter. Da kann es passieren, dass eine kleine Schwingerin gegen eine viel grössere und schwerere antreten muss. Das passierte etwa Melissa Klossner, die dann durch viel Geschick ihre grössere Gegnerin besiegte: Der Jubel war umso grösser. Die Schwingerinnen, die am Samstag im Sägemehl kämpften, waren gross, klein, muskulös, rundlich, dünn. Und genau das ist toll: Frauenschwingen muss dem Selbstwertgefühl gerade von kleinen Mädchen sehr gut tun, denn im Sägemehl wird klar, dass Sportlichkeit, Fitness, Kraft und Wendigkeit nicht mit einem dünnen Körper einhergehen. Frauenschwingen lässt eine, wie ich finde, gesunde Vielfalt zu.

Auch Nicole Kurmann wurde, als sie vor 16 Jahren mit dem Schwingen anfing, mit Vorurteilen konfrontiert: «Bei mir dachten sie, ich sei eine Tussi. Als ich dann mit den Männern trainierte, waren sie davon beeindruckt, wie ich mich für den Sport engagierte», erzählt die OK-Präsidentin lachend. Mit über 1000 Besucherinnen und Besuchern und einem neuen Teilnehmerinnenrekord kann sie das auch. Es sei zwar so, dass viele Männer Frauenschwingen immer noch nicht ernst nehmen würden. «Das liegt zum Teil daran, dass Frauen mit ihren körperlichen Voraussetzungen im Schnitt etwas langsamer schwingen. Aber die Spitze ist auch hier technisch extrem gut», betont Kurmann. Mit dem Männerschwingen mag sie ihren Sport auch gar nicht vergleichen: «Wir sind eine Randsportart und werden es wohl auch bleiben. Doch es gibt immer mehr Mädchen, die zum Schwingen finden – auch, weil es Vorbilder wie etwa Sonia Kälin (32) öfter in die Presse schaffen.»

Bei Evelin Müller (11) aus Nebikon und Livia Grüter (11) aus Buttisholz gab es aber andere Gründe. «Meine Schwester schwingt auch», erzählt Evelin, der es gefällt, dass sie beim Schwingen die Wut, die Energie rauslassen kann, dass sie gewinnen kann. «Ich kam durch den Ferienpass zum Sport. Ich habe schon immer gern ‹gerutzt›, darum habe ich Spass beim Schwingen», so Livia. Ihr Umfeld findet es nicht merkwürdig, dass sie einen untypischen Sport ausübt. «Nur mein Gotti findet, dass das nicht zu einem Mädchen passt», erzählt Livia. Anders als bei den Männern findet das Eidgenössische Frauenschwingfest jedes Jahr statt. Zur Schwingerkönigin wird gekürt, wer am meisten Punkte während der ganzen Saison erkämpfen konnte. Sonia Kälin hatte einen genug grossen Vorsprung, dass sie trotz der Knieoperation ihren Titel verteidigen konnte. Das tat dem Jubel der Festgewinnerin keinen Abbruch: Sarah Wisler (17) konnte es erst fast nicht glauben.

Zähe, starke Mädchen und Frauen massen sich im Sägemehl. Ich bin froh, dass wir in unserem Trainingslokal Matten haben und ich barfuss kämpfen kann. Aber gemeinsam ist uns der grosse Respekt vor unseren Gegnerinnen: Wir verbeugen uns, die Schwingerinnen geben sich die Hand und klopfen der Verliererin das Sägemehl vom Rücken. Und wir trainieren hart, kämpfen, verlieren und gewinnen – und haben Spass in unserer Randsportart. Ich verstehe zwar den Ablauf auch nach meinem ersten Schwingfest noch nicht wirklich – wieso jubelt das Publikum jetzt plötzlich? –, aber die Neugier ist geweckt.

Eidgenössisches der Frauen

Schachen (126 Schwingerinnen, 1000 Zuschauer).

Schlussgang: Sarah Wisler bezwingt Sara Leuenberger nach 6:29 Minuten mit äusserem Haken und Nachdrücken am Boden.

Rangliste: 1. Sarah Wisler (Menznau), 58,75. 2a. Yolanda Geissbühler (Eriswil), 57,50. 2b. Isabel Egli (Steinhuserberg), 57,50. 3. Michelle Brunner (Rieden), 57,25. 4a. Marina Zahner (Kaltbrunn), 57,00. 4b. Vroni Trachsel (Zell), 57,00. 5a. Sara Leuenberger (Ufhusen), 56,75. 5b. Melissa Klossner (Horboden), 56,75. 5c. Silvia Deck (Morschach), 56,75. – Alle mit Kranz.

Meitli 1: 1. Angela Riesen (Helgisried), 59,00.

Meitli 2: 1. Lea Bühler (Steinhuserberg), 59,50.

Zwergli: 1.Laura Künzi (Escholzmatt), 58,50.

Hinweis

Am Sonntag um 11.30 Uhr findet in Schachen der Herbstschwinget der Männer statt.

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