Tennis
16.07.2017 21:07

Federer-Rausch mit einigen Tränen

  • Wird von seinen Gefühlen übermannt: Roger Federer.
    Wird von seinen Gefühlen übermannt: Roger Federer. | Bild: Adrian Dennis/AFP (Wimbledon, 16. Juli 2017)
TENNIS ⋅ Nach dem achten Wimbledon-Triumph wird Roger Federer wie ein König gefeiert. Mit diesem Sieg hat der Schweizer sogar wieder Chancen auf die Weltnummer 1.

Jörg Allmeroth, London

sport@luzernerzeitung.ch

Auf der Terrasse des Millenium Buldings ist am Abend des historischen Tages für Roger Federer auch ein Mann da, der etwas Einmaliges in dieser Saison geschafft hat – nämlich den Maestro auf einem Grasplatz zu bezwingen. Es ist Tommy Haas, einer der besten Freunde von Federer, ein ewiger Weggefährte. Als die Rasensaison begann, in der Woche nach den French Open, standen sich Haas und Federer auf dem Stuttgarter Weissenhof gegenüber. Haas siegte nach hartem Kampf, er sagte nun in Wimbledon, er werde sich wohl ewig daran erinnern: «Ich glaube, ich habe jetzt wenigstens einen Grund, Roger mal aufzuziehen und ein bisschen Spass mit ihm zu machen.» Und wie sieht Haas, der Kollege, den achten Wimbledon-Titel von Federer, diesen Coup für die Geschichtsbücher? «Ich würde mich ja an seiner Stelle fragen, ob ich noch mal wiederkomme», sagt der 39-jährige Deutsche, «aber ich glaube, Roger denkt nicht ans Aufhören. Er hat eher die Motivation, weiter dranzubleiben, das ist einfach bewundernswert.»

Während Haas mit seiner Frau Sarah Foster über das Terrain der Spielerlounge schlendert, lässt sich Federer gerade am Haupteingang zum Centre Court feiern, dort, wo auch die Prominenz die Royal Box betritt. Wirklich wie ein Wimbledon-König wird der achtmalige Sieger umjubelt, dessen Rekord vielleicht nicht für alle Ewigkeiten Bestand haben muss. Aber doch erst mal für eine kleine Ewigkeit, für viele, viele Jahre. Glückwünsche hat er zuvor auch von Prinz William und Ehefrau Kate empfangen. Kate hatte unlängst verraten, dass ihre Mutter einer der grössten Federer-Fans auf Erden sei, sie selber ist auch eine grosse Tennis-Liebhaberin und kommentiert den Federer-Auftritt so: «Sehr, sehr gut gespielt.»

Die ganze Familie feiert mit

Dann drückt auch William, in näherer oder fernerer Zukunft dann einmal der König, auch noch kräftig die Hand des Kings von der Church Road. Auch Federers Eltern sind in der Nähe, natürlich auch Ehefrau Mirka und die vier Kinder. Allen fällt Federer um den Hals, verdrückt noch einmal ein paar Tränen. So wie schon auf dem Centre Court, als er die ganze Familienschar erblickt hatte: «Es ist fast ein bisschen zu viel für mich, diese ganze Szene», hatte er da gesagt. Immer hatte er ja betont, dass seine Kinder einmal seine grossen Erfolge miterleben sollten, nun sind sie alle dabei, Charlene und Myla, Leo und Lenny. Ein Bild wie gemalt, fast zu schön, um wahr zu sein.

Zurück auf die Terrasse des Spielerzentrums, dem Umschlagplatz für Informationen und Eindrücke zu diesem besonderen Tag. Severin Lüthi, der Trainer und Davis-Cup-Boss, wird von Reportern umringt. «Roger wird jetzt nicht abheben, das nun wirklich nicht», sagt er, als er gefragt wird, wie man in diesem Federer-Rausch noch kühl und beherrscht bleiben könne, «er wird das sauber und positiv geniessen.» Ein Risiko sei das alles eher nicht gewesen, das Pokerspiel mit dem Verzicht auf die Sandplatztour und die volle Konzentration auf die Rasensaison: «Gras ist ein so natürlicher Belag für ihn. Er muss nur ein, zwei Spiele gewinnen, dann macht es Klick für ihn. Jemand mit seiner Erfahrung wird da nicht zum Hasardeur», sagt Lüthi.

Tommy Haas, der eingeladene Freund von Roger Federer, setzte also nur eine bemerkenswerte Fussnote mit seinem Sieg von Stuttgart. Aber ein Spielverderber für den grossen Federer-Traum, vollendet an diesem 16. Juli, konnte er nicht werden. «Ich bin auch sicher», so Lüthi, «dass Roger jetzt noch Hunger auf mehr hat.»

Dank seinem Triumph wird Federer heute in der Weltrangliste erstmals seit August 2016 wieder in den Top 3 erscheinen. Er überholt sowohl Stan Wawrinka als auch Novak Djokovic. Der Rückstand Federers auf die Nummer 1 Andy Murray beträgt noch gut 1000 Punkte. Obwohl Federer zwei der drei Grand-Slam-Turniere 2017 gewonnen hat, liegt er im Jahresranking noch immer gut 500 Punkte hinter Rafael Nadal (ATP 2). Auch wenn die Weltnummer 1 für Federer kaum Priorität geniesst, hat er gute Chancen, in der zweiten Jahreshälfte noch einmal die Spitze der ­Weltrangliste zu erklimmen, da er als Folge seiner ­Pause im letzten Jahr keine Punkte zu verteidigen hat.

Federer stand bislang 302 Wochen an der Spitze der Weltrangliste, einer seiner vielen Rekorde.

Wimbledon

Grand-Slam-Turnier (31,6 Mio. Pfund/Rasen). Männer. Final: Federer (SUI/3) s. Cilic (CRO/7) 6:3, 6:1, 6:4.

Mixed. Final: Murray/Hingis (GBR/SUI/1) s. Kontinen/Watson (FIN/GBR) 6:4, 6:4.

Bemerkung: Hingis feierte damit ihren 23. Grand-Slam-Titel. In Wimbledon ist es der sechste Titel, nachdem sie 1997 im Einzel, 1996, 1998 und 2015 im Doppel sowie 2015 im Mixed triumphiert hatte.

«Ich will 2018 hier wieder antreten und den Titel verteidigen»

Roger Federer, wie speziell ist es für Sie, nun in Wimbledon den achten Titel gewonnen zu haben? Dort, wo Sie auch den allerersten Major-Pokal holten?

Das ist wirklich etwas sehr Anrührendes, Aussergewöhnliches. Wimbledon war immer mein Lieblingsturnier, und es wird auch immer mein Lieblingsturnier bleiben. Hier sind die Helden meiner Kindheit auf die Courts marschiert. Ich wollte den Spuren dieser Spieler folgen, mir hier meine Träume erfüllen. Es ist schön, jetzt wieder für ein Jahr der amtierende Wimbledon-Champion zu sein. Das ist ein richtig gutes Gefühl. Ich habe mir immer gewünscht, Teil der grossen Wimbledon-Geschichte zu sein. Und hier bin ich nun, mit Titel Nummer acht.

Wie sehr haben Sie am Fortgang Ihrer Karriere gezweifelt, als Sie letztes Jahr in Wimbledon wegfuhren und dann eine halbjährige Pause einlegten?

Mein Spiel war ja da, ich war nicht schlecht gewesen in dem Turnier. Es ging nur um die Gesundheit, und ich war guter Hoffnung, wieder fit zu werden, wieder um die grossen Pokale zu spielen. Ich war schon total glücklich, als ich vor dem Start in dieses Turnier die Anlage betrat. Es war ein erhebendes Gefühl.

 

Sie haben noch auf dem Centre Court gesagt, dass Sie hoffen, im nächsten Jahr wiederzukommen? Das klang nicht nach 100 Prozent Sicherheit.

Nein, man kann ja auch nie sicher sein, was kommt. Aber mein Plan ist ganz klar: Ich will 2018 hier wieder antreten und den Titel verteidigen. Aber es gibt, das meinte ich damit, keine Garantien, wenn man 35 ist, bald sogar 36.

 

Als Sie 2001 gegen Pete Sampras gewannen, hatten Sie da je die Vorstellung, solche Erfolge feiern zu können?

Nein, niemals. Man träumt vielleicht von einem Titel, aber nicht von dieser langen Strecke mit so vielen Titeln. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so erfolgreich sein würde – und schon gar nicht weiter erfolgreich bin auch jetzt, mit Mitte Dreissig und einer grossen Familie. Zwei Grand-Slam-Titel in dieser Saison, das war jenseits meiner Vorstellung.

 

Was motiviert Sie in dieser Phase Ihrer Karriere am meisten?

Der Thrill, auf die grossen Bühnen unseres Sports zu marschieren, ist nie weggegangen. Ich habe noch so viel Spass daran wie vor fünf oder zehn Jahren. Auch das Reisen mit der Familie macht viel Freude, es ist nie eine Belastung gewesen für irgendjemanden. Deshalb mache ich ja auch weiter. Weil die Familie Federer es als Ganzes will.

 

Wenn Sie noch einmal auf dieses erste halbe Jahr zurückblicken, wie bewerten Sie das alles?

Es ist schlichtweg unglaublich. Wirklich nicht zu fassen. Es ist die grösste Überraschung meiner Karriere, wie das alles gelaufen ist. Wenn mir das jemand im letzten Herbst prophezeit hätte, dann hätte ich ihn vermutlich ausgelacht. Ich weiss nicht, wie lange das alles so weitergeht. Aber im Moment fühlt es sich wunderbar an.

 

Hatten Sie überhaupt schon einen Moment, wo Sie diesen Sieg hier mal ganz für sich, ganz in Ruhe geniessen konnten?

Ich muss das überhaupt nicht allein geniessen. Es war schön, sehr berührend sogar, die Familie da zu haben. Meine Frau, meine Kinder, meine Eltern und meine Freunde. Auf dem Platz, als ich nach dem Spiel auf dem Stuhl sass, da kam mir erst ins Bewusstsein, was hier an diesem Tag passiert ist. Die ganze Dimension des Sieges, der historische Moment. Es war schon ein bisschen überwältigend.

(Aufzeichnung: all)

Die 19 Grand-Slam-Titel von Federer

2003 Wimbledon
s. Philippoussis (AUS) 7:6, 6:2, 7:6

2004 Australian Open
s. Safin (RUS) 7:6, 6:4, 6:2

2004 Wimbledon
s. Roddick (USA) 4:6, 7:5, 7:6, 6:4

2004 US Open
s. Hewitt (AUS) 6:0, 7:6, 6:0

2005 Wimbledon
s. Roddick (USA) 6:2, 7:6, 6:4

2005 US Open
s. Agassi (USA) 6:3, 2:6, 7:6, 6:1

2006 Australian Open
s. Baghdatis (ZYP) 5:7, 7:5, 6:0, 6:2

2006 Wimbledon
s. Nadal (ESP) 6:0, 7:6, 6:7, 6:3

2006 US Open
s. Roddick (USA) 6:2, 4:6, 7:5, 6:1

2007 Australian Open
s. Gonzalez (ESP) 7:6, 6:4, 6:4

2007 Wimbledon
s. Nadal (ESP) 7:6, 4:6, 7:6, 2:6, 6:2

2007 US Open
s. Djokovic (SRB) 7:6, 7:6, 6:4

2008 US Open
s. Murray (GBR) 6:2, 7:5, 6:2

2009 French Open
s. Söderling (SWE) 6:1, 7:6, 6:4

2009 Wimbledon
s. Roddick (USA) 5:7, 7:6, 7:6, 3:6, 16:14

2010 Australian Open
s. Murray (GBR) 6:3, 6:4, 7:6

2012 Wimbledon
s. Murray (GBR) 4:6, 7:5, 6:3, 6:4

2017 Australian Open
s. Nadal 6:4, 3:6, 6:1, 3:6, 6:3

2017 Wimbledon
s. Cilic 6:3, 6:1, 6:4
 

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