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TENNIS

«Mehr kann man nicht erwarten»

17 Jahre nach seinem ersten Triumph beim Hopman-Cup präsentierte sich Roger Federer in alter Frische. Nach seinen Auftritten in Perth wird der 36-Jährige als grosser Favorit auf den Titel bei den Australian Open gehandelt.
08.01.2018 | 08:07

Jörg Allmeroth, Perth

sport@luzernerzeitung.ch

Als Roger Federer vor 17 Jahren schon einmal den Hopman-Cup in Perth gewann, war vieles anders. Gespielt wurde damals im Burswood Superdome, vor den Toren der westaustralischen Millionenstadt, und Federer war der ambitionierte Juniorpartner einer gewissen Martina Hingis. Am Ende strahlte das Team Suisse um die Wette, Hingis, die ehemalige Weltranglisten-Erste. Und ihr jüngerer Weggefährte Federer, der seinen ersten Karrierepokal überhaupt in Besitz nahm, wenn auch nur bei dieser inoffiziellen Weltmeisterschaft der gemischten Doppel.

Und nun ist er noch immer und immer wieder in voller Kraft da – dieser unverwüstlich scheinende Maestro, der mit seinen 36 Lebensjahren im Hochleistungsareal Profitennis tonangebend bleibt. Teamsenior war er jetzt, bei der Hopman-Cup-Auflage des Jahres 2018, der sanfte Anführer in der Turnierwoche, die mit einem 2:1-Finalsieg gegen das starke deutsche Team von Angelique Kerber/Alexander Zverev endete. Bencic (20), die wiedererstarkte, von Verletzungsqualen und Comeback-Sorgen erholte neue «Miss Swiss», überzeugte fast durchgehend in der Perth-Arena, kassierte nur einen Rückschlag bei der Zwei-Satz-Niederlage im Endspiel gegen Kerber.

20. Grand-Slam-Titel im Visier

Doch sie konnte genauso wie Federer frohen Mutes der Bewährungsprobe bei den am nächsten Montag beginnenden Australian Open in Melbourne entgegensehen: Federer ist dort ein Jahr nach seinem mit dem Titel vergoldeten Sensationsauftritt der klare Favorit. Der älteste Artist aus der engsten Spitze des Wanderzirkus untermauerte seine Ambitionen auf den 20. Grand-Slam-Titel mit zupackenden Auftritten in Perth, im Final holte sich der Maestro den vierten Sieg in der vierten Einzelpartie gegen den stärksten Vertreter der neuen Tennis-Generation, den schlaksigen Riesen Alexander Zverev mit 6:7 (4:7), 6:0, 6:2.

«Mehr kann man nicht wollen und erwarten zum Saisonauftakt», sagte Roger Federer nach dem Gesamtsieg beim Hopman-Cup, «ich freue mich auch besonders für Belinda.»

Wer in der Perth-Arena auf die grossflächigen Bilder des Hopman-Cup-Siegers Federer aus dem Jahr 2001 blickte, auf den neben Hingis abgebildeten Noch-Tennislehrling, den musste zunächst wieder einmal erstaunen, welchen Weg er in den letzten mehr als anderthalb Jahrzehnten gegangen ist – hin zum erfolgreichsten Tennisspieler dieser Epoche, zu einem universellen Sportheroen, zum Sympathieträger jenseits aller nationalen, kulturellen und sonstigen Grenzen. Und aus aktuellem Anlass durfte man auch noch einmal verblüfft sein, mit welchem Elan und mit welcher körperlichen Kraft dieser Federer unverbraucht am Start ist – umso mehr vor dem aktuellen Hintergrund der gewaltigen Verletztenmisere im internationalen Männertennis. Fast hatte man den Eindruck, als sei der vierfache Familienvater Federer derzeit der einzige aus der Riege der Superstars, der aufrecht und souverän auf beiden Beinen seine Bahnen im Tourgeschäft zieht.

Nadal bestreitet Exhibition-Turnier

Wohin man auch blickte sonst in der Gipfelregion, gab es Zweifel, Sorgen und Hiobsbotschaften: Andy Murray und Kei Nishikori haben ihre Teilnahme am Grand- Slam-Spektakel in Melbourne bereits abgesagt. Immerhin: Die Chancen von Stan Wawrinka, dem zweiten Schweizer in der Spitze des Männertennis, stehen besser als auch schon. Einen grösseren Wettkampf hat er seit dem Wimbledon-Turnier 2017 noch nicht bestritten. Er trainiert zwar in Melbourne, dürfte aber kaum in den Titelkampf eingreifen können. Noch am ehesten hat Rafael Nadal aus den ehemaligen Big Four Chancen auf einen einigermassen aussichtsreichen Melbourne-Einsatz. Der Weltranglisten-Erste startet jedenfalls am Dienstag zum Exhibition-Turnier Kooyong Classic, das er als Vorbereitung nutzt.

Bei Novak Djokovic ist die Perspektive mässig und unklar, seine Ellbogenverletzung erweist sich als wesentlich komplexer und langwieriger als gedacht. Der Serbe will zwar in dieser Vorbereitungswoche bei einem Schauturnier in Melbourne starten, aber ein Eingreifen in den Titelkampf bei den Australian Open erscheint unrealistisch. Ein ähnlicher Exploit wie der von Federer vor zwölf Monaten wäre nun ein noch grösseres Wunder.

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