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ANALYSE

Alles hängt vom Goalie ab; so einfach ist es

Sportreporter Klaus Zaugg aus Pyeongchang über die Schweizer Hockey-Nationalmannschaft.
14.02.2018 | 04:40

Die Schweizer sind wohlbehalten auf dem olympischen Gelände eingetroffen. Nur ein Problem gibt es vor dem Startspiel gegen Kanada (morgen, 13.10 Uhr): Nationalmannschaftsdirektor Raeto Raffainer moniert, die Betten seien zu hart für ältere Spieler mit kleinen Bresten. Man werde deshalb im Warenhaus hier vor Ort ein paar weichere Matratzen kaufen.

Die Episode mit den harten Betten passt gut zur Ausgangslage der Schweizer. Weil die NHL-Profis fehlen, wird es mit ziemlicher Sicherheit ein ­«weiches» Spektakelturnier. Geprägt von Tempo und Technik. Denn die meisten Spieler – über 60 – kommen aus der gross­russischen KHL. Der technisch besten Liga, die auf den grossen Eisfeldern spielt.

Ein Augenschein bei den ersten Trainings bestätigt diesen Eindruck. Die Russen, die als Einzige alle Spieler aus der KHL rekrutieren, mahnen beim leichtfüssigen Üben an ihre Vorväter, die von 1954 bis 1992 die Hockeywelt dominiert haben. Damals spielten die meisten bei ZSKA Moskau unter Trainer Viktor Tichonow, und so trainierte das sowjetische Nationalteam unter gleichen Bedingungen wie eine Klubmannschaft. Jetzt kommen 15 Spieler und der Trainer vom beinahe unbesiegbaren ­ St. Petersburg. Eine solche Konzentration, eine so gute Vorbereitung auf ein Titel­turnier hat es seit sowjetischen Zeiten nie mehr gegeben.

Im Training brausen die Russen übers Eis wie der Wind über die kasachische Steppe. Technisch perfekt, beweglich wie Balletttänzer. Vielleicht zu verspielt. Dagegen wirken die meisten Kanadier und die Amerikaner wie raue, hüftsteife Hockeyarbeiter.

Und die Schweizer? Sie haben in ihrer DNA mehr russische als nordamerikanische Elemente. Ja, so ist es: Es wird ein Turnier der spielerischen europäischen Sinfonien, nicht des rauen nordamerikanischen Rock-’n’-Rolls. Mehr NLA- als NHL-Hockey. Das müsste uns entgegenkommen. Wir sind spielerisch eher besser als die Kanadier und die Amerikaner und stehen auf Augenhöhe mit den Skandinaviern.

Der kluge Kommunikator Patrick Fischer hat neben dem Eis alles im Griff. Polemik hat es um sein olympisches Aufgebot keine gegeben. Ein wenig vermisst der langjährige Beobachter die Beschwörung des grossen Ziels, die einst der legendäre Ralph Krueger so wunderbar zu zelebrieren verstand. Ein bisschen Magie, ein bisschen Pathos, ein bisschen offener zur Schau getragenes Medaillen-Selbstvertrauen fehlen schon. Der National­trainer ist ein charismatischer Leitwolf. Aber das Anrichten mit der grossen emotionalen Kelle liegt ihm dann doch nicht.

Noch selten sind die Schweizer auf so ruhigen Gewässern in ein grosses internationales Abenteuer gesegelt. Die vor­zeitige Vertragsverlängerung mit Patrick Fischer bis 2020 wirkt sich aus. Er ist vorerst einmal unentlassbar. Keine äusseren Einflüsse stören die Harmonie. Unangenehm sind für ein paar helvetische Eis-Titanen tatsächlich nur die harten Betten. Diese Harmonie ist beinahe beunruhigend. Im Curling erlebten wir gerade, wie ein bisschen Zoff Energie für grosse Taten freisetzen kann. Deshalb die bange Frage: Sind die Schweizer für einmal zu brav und zu nett für den grossen Erfolg in diesem Spiel der rauen Männer?

Wegen zu wenig Talent werden wir diesmal nicht scheitern. In diesem ausgeglichensten Spektakel seit dem olympischen Turnier 1994 (dem letzten ohne NHL-Profi) werden Details entscheiden. Und es wird ein Turnier der Torhüter und der Coaches. Der Bandengeneral, der die Zauberformel, die Balance zwischen Offensive und Defensive findet und den richtigen Torhüter einsetzt, kann weit kommen. Im Falle der Schweizer bis in den Halbfinal. Aber ausgerechnet jetzt, da uns ein grosser Torhüter wie beispielsweise Reto Berra 2013 gar zu Medaillen hexen könnte, haben wir erstmals seit Jahren keinen grossen, charismatischen letzten Mann. Die kanadische Trainerlegende Dave King ist bereits 70 und arbeitet hier für die Kanadier. Er pflegt seine Vorträge mit einer launigen Bemerkung zu beenden: «Meine Herren, wenn Sie keinen grossen Torhüter haben, ver­gessen Sie alles, was wir heute besprochen haben.»

So einfach ist es. Wenn Leonardo Genoni sein bestes Hockey spielt, dann spielt es keine Rolle, wenn Patrick Fischer nur neben, aber nicht auf dem Eis alles im Griff hat. Dann wird trotzdem alles gut. Wenn der SCB-Tor­hüter nicht sein bestes Hockey spielt, dann sind alle unsere olympischen Hoffnungen und Analysen Makulatur.

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