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WINTERSPORT

Ein Rückblick auf die Ski-alpin-Saison

Mit dem Weltcup-Finale in Åre wurde am Wochenende die Ski-alpin-Saison beendet. Diese sechs Geschichten sind im vergangenen Winter besonders aufgefallen.
18.03.2018 | 20:01

Wohltuender Schlag

In ihrer Stammdisziplin, dem Slalom, hat die Obwaldnerin Michelle Gisin noch nie einen Podestplatz erreicht. In dieser Saison klappte es plötzlich, allerdings in den anderen Sparten. Die 24-Jährige wurde Dritte in der Abfahrt von Lake Louise. Eine Woche später im Super-G von St. Moritz gelang ihr mit dem zweiten Rang wieder ein Podestplatz. Gleichzeitig zerriss die Engelbergerin aber im Slalom keine Stricke mehr.

Gisin wehrte sich immer wieder, sie wollte im Slalom nicht abgeschrieben werden. Dass man ihr aber längst in den Speed-Disziplinen mehr zutraute, zeigte die Enttäuschung, nachdem sie in der Olympia-Abfahrt keine Top-Klassierung herausfuhr. Gisin stürzte sogar im Zielraum, kassierte einen Schlag auf den Kopf und verbrachte den Nachmittag im abgedunkelten Hotelzimmer. Am Tag danach dann die Auferstehung: Sie stürzte sich in der Kombination mit zurückgewonnenem Selbstvertrauen die Abfahrtpiste hinunter, zeigte im zweiten Durchgang ihren Slalomlauf des Jahres und wurde zur Olympiasiegerin. «Manchmal tut ein Schlag auf den Kopf gut», sagte Gisin hinterher.


Schneeball-Skandal

Krawallmacher gibt es bei Fussball- und Eishockey-Spielen. Aber im Skisport nicht, da ist die Welt noch in Ordnung. Dass dies ein Irrtum ist, stellte sich im Nachtslalom von Schladming im Januar heraus. Der lokale Held, Marcel Hirscher, führte zur Rennhälfte – Courant normal im Weltcup. Ein paar einheimische Fans wollten ihm helfen, den Vorsprung gegenüber seinem ärgsten Widersacher Henrik Kristoffersen im zweiten Durchgang ins Ziel zu bringen. Sie warfen Schneebälle nach Kristoffersen, um diesen während seiner Fahrt abzulenken. Im Zielraum war der Norweger ausser sich. Als Hirscher letztlich mit 39 Hundertstelsekunden Vorsprung gewann, sah Kristoffersen ein, dass er auch ohne Schneeballschlacht verloren hätte. «Du hast es verdient. Deine Fahrt war besser, keine Sorge», so der faire Verlierer.

Die Empörung war dennoch gross. Hirscher sagte: «99,9 Prozent der Zuschauer waren grossartig. Doch für diese 0,1 Prozent schäme ich mich sehr.» Spätestens jetzt, nach seinem 7. Gesamtweltcup-Sieg in Folge, sollten die Schneeballwerfer allerdings wissen, dass Hirscher auch ohne Hilfe ganz gut klarkommt.


Sympathischer Doppelmeter

Dass die Schweizer Slalom-Männer viel Potenzial ­haben, war schon länger bekannt. In diesem Winter konnten sie jedoch erstmals etwas Zählbares aus dieser bisher theoretischen Stärke machen. Luca Aerni machte den Anfang und belegte in Madonna di Campiglio den zweiten Rang hinter Marcel Hirscher. Es war der erste Schweizer Slalom-Podestplatz seit acht Jahren und dem zweiten Rang von Silvan Zurbriggen in Schladming.

Als Nächster war Daniel Yule an der Reihe. Der Walliser wurde in Kitzbühel Dritter – auch für ihn war es die Premiere auf dem Podium. Dann kam Olympia und der Auftritt des nächsten Wallisers. Ramon Zenhäusern holte überraschend die Silbermedaille. Im Interview mit ORF klassifizierte Zenhäusern das Geschehene als «bireweich» und deutschte den Begriff für den ratlosen Reporter netterweise noch ein: «birnenweich». Zenhäusern, der in der Mixed-Zone manchmal auf die Knie geht, um mit Journalisten zu reden, wurde schlagartig zum Sympathieträger. Eine Woche nach Olympia doppelte der Zwei-Meter-Mann nach und holte seinen ersten Weltcup-Podestplatz in Kranjska Gora.


Der wahre Rennhund

Beat Feuz hatte die Streif in diesem Winter vorbildlich im Griff. Seine Bestzeit hielt und hielt. Die Push-Mitteilungen, die seinen Kitzbühel-Sieg ins Land tragen sollten, waren auf den Online-Redaktionen bereits ausformuliert, als sich der Himmel über dem Hahnenkamm-Rennen lichtete und dem Deutschen Thomas Dressen aussergewöhnlich gute Lichtverhältnisse schenkte. Dieser wusste die Hilfe von oben zu nutzen, fuhr das Rennen seines Lebens und stiess den Emmentaler um zwei Zehntelsekunden vom Leaderthron. Dass der unschöne Ausgang für Feuz nicht ganz zufällig war, bewies Dressen bei der zweitletzten Abfahrt des Winters in Kvitfjell. Es war eine Kopie der Ereignisse von Kitzbühel. Diesmal war Dressen um acht Hundertstel besser als der Schweizer.

Doch weder Kitzbühel noch Kvitfjell trüben die Saison von Feuz. Er fuhr so konstant wie nie zuvor und holte sich die kleine Kristallkugel in der Abfahrt vor Aksel Svindal. Olympia-Silber und -Bronze garnieren die Bilanz zusätzlich. Man kann aus Schweizer Sicht nur hoffen, dass das lädierte Knie des 31-Jährigen noch lange mitmacht.


Mässige Begeisterung

In Abfahrten werden ­Legenden geboren. Namen wie Russi, Collombin, später Maier, Miller oder Cuche, mussten es sich verdienen, dass man ihre ­Geschichten den Nachkommen erzählt. Viele Abfahrtsstrecken sind berühmt, die Kulissen nicht nur wegen der mächtigen Berge atemberaubend. 45 000 Fans in Kitzbühel, 35 000 Fans in Wengen – im Alpenraum sind die Rennen immer auch Skifeste. Und wer siegt, ist meist ein Champion auf Lebzeiten.

In dieser Saison lernten wir aber: Was wir in Westeuropa mögen, müssen andere noch lange nicht gut finden. Denn bei der Olympia-Abfahrt in Südkorea hatten sich nur wenige Zuschauer auf die Tribünen verirrt. Das Fazit war schnell gemacht: Die Asiaten sind keine Connais­seure, die verstehen nichts vom Skisport, die haben halt exotische Interessen.

Doch vielleicht ist das ein Trugschluss: 60 Prozent der Weltbevölkerung sind Asiaten, das sind 4,5 Milliarden Menschen. Im Vergleich dazu ist der Europäer-Anteil mit 740 Millionen eher schmalbrüstig. Sind wir am Ende vielleicht sogar die Exoten, wenn wir Skirennen gucken?


Aufstieg des Jahres

Ein Name wie der einer Heldin aus einem Wikinger-Roman: Ragnhild Mowinckel, die furchtlose Skifahrerin aus dem hohen Norden. In diesem Winter gelang der 25-Jährigen der Durchbruch im Weltcup. Je länger die Saison dauerte, desto besser wurde Mowinckel. Im Dezember landete sie in Val d’Isère zum ersten Mal auf dem Weltcup-Podest – dritter Rang im Super-G. Im Januar wurde sie Zweite im Riesenslalom von Kronplatz. Ihren ersten Weltcup-Sieg fuhr sie vor 10 Tagen in Ofterschwang ein, ebenfalls im Riesenslalom.

Und im Februar verhielt sie sich in Südkorea wie alle Norweger und stürzte sich auf die Medaillen. Zweimal Silber, in Riesenslalom und Abfahrt. Vor allem die Abfahrtsmedaille kam überraschend, da Mowinckel bis anhin nie besser als Platz 6 klassiert war. In der Olympia-Kombination verpasste sie das Podest um drei Zehntelsekunden, führte aber nach dem ersten Durchgang vor Michelle Gisin. Mowinckel gelang der Aufstieg des Jahres.

 

Claudio Zanini

claudio.zanini@luzernerzeitung.ch

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