Kultur
27.07.2016 00:00

Der Zuger Antonius im Thurgau

  • Das Ölbild auf Leinwand von Kaspar Wolfgang Muos hängt heute im grossen Kreuzgang der Kartause Ittingen.
    Das Ölbild auf Leinwand von Kaspar Wolfgang Muos hängt heute im grossen Kreuzgang der Kartause Ittingen. | Andreas Fässler / Neue ZZ
WARTH-WEININGEN ⋅ Ein barockes Gemälde im Kreuzgang der Kartause Ittingen fällt ins Auge. Es stammt von einem Zuger Maler. Stifter des Kunstwerkes war niemand Geringeres als ein Mitglied der einst bedeutendsten Zuger Adelsfamilie.

Es ist wirklich erstaunlich, wie häufig einst Kunstwerke aus Zug ihren Weg bis weit über die Kantonsgrenzen hinaus gefunden haben – immer wieder stösst man auf Zuger Namen, sei es in Museen, repräsentativen Herrenhäusern, Kirchen oder Klöstern: Die kleine Stadt in der Zentralschweiz hat wiederholt namhafte und gefragte Künstler mit überregio­nalem Ansehen hervorgebracht.

Ein grossformatiges Ölgemälde aus Zug etwa ist vor über 300 Jahren in den Thurgau gelangt: In der Kartause Ittingen nahe Frauenfelds hängt im grossen Kreuzgang am östlichen Ende des südlichen Armes das barocke Bildnis des hl. Antonius von Padua mit dem Jesuskind im Arm. Die Inschrift verrät den Urheber: C. Woff. Muos, Tugien. pinx. – gemalt von Kaspar Wolfgang Muos aus Zug. Ein weiteres, wichtiges Detail gibt zudem einen Hinweis darauf, warum das Bild aus Zug in diesem ehemaligen Kartäuserkloster in der heutigen Thurgauer Gemeinde Warth-Weiningen hängt. In der unteren linken Ecke prangt ein reich gefasstes, bekröntes Vollwappen der Zuger Adelsfamilie Zurlauben, gehalten von zwei Löwen über einem Text, der auf eine Stiftung hinweist, namentlich von Hern Beat Jacob Zurlauben von Gestellenburg/Statt- und Landtsmaior loblichen Orths Zug/gewester Landtvogt der Landgraffschafft Turgeüw/und Freyen Ämbtere im Arg... Frau Maria Barbara Zurlauben von Gestellenburg, seine ehliche Fr. Gemahlin, 1702.

Im benannten Jahre also schien der Zuger Adelsmann dieses Gemälde beim damals angesehenen Zuger Maler Kaspar Wolfgang Muos (1654–1728) in Auf­trag gegeben oder es von ihm erstanden zu haben, um es dem Thurgau zu stiften – möglicherweise schenkte er es direkt dem Mönchskloster, weil ein näherer Kontakt Zurlaubens zu diesem als naheliegend betrachtet werden kann, denn Beat Jakob Zurlauben (1660–1717) war von 1696 bis 1698 Landvogt im Thurgau, welcher bis 1798 unter der Herrschaft der alten Eidgenossenschaft stand. Der adelige Zusatz «von Gestellenburg» (eigentlich «von Turn und Gestellenburg») schlägt den Bogen in ganz alte Zeiten zurück, als die Vorfahren der Zurlauben im Wallis – demzufolge in der Region des heutigen Dorfes Niedergesteln – ansässig gewesen waren, wo man sie als «Freiherren von Turn und Gestellenburg» kannte – und fürchtete. Den Namen Zurlauben nahmen sie erst an, nachdem sie um 1375 aus dem Wallis vertrieben worden waren.

Freilich stand Kaspar Wolfgang Muos im Schatten des berühmteren Zuger Barockmalers Johannes Brandenberg (1660–1729), weshalb die kunsthistorische Forschung ersteren bis zum heu­tigen Tage vernachlässigt hat. Dies zu Unrecht, hat Muos der Nachwelt doch ein beachtliches Werk hinterlassen. Dem Vergessen zuträglich mag gewesen sein, dass die Muos bereits 1837 ausgestorben sind. Man weiss nur wenig über den Maler Muos. Vermutlich hat er den klassischen Werdegang eines Malers von einst zu verzeichnen: gelernt bei einem einheimischen Meister mit anschliessender Künstlerwanderschaft. Dass Muos nicht akademisch geschult war, lässt sich an vielen seiner Werke anhand fehlender Feinheiten erkennen, auch sind seine Gemälde von geringerer Brillanz als diejenigen seiner berühmteren Zeitgenossen. Auf unserem Bild aus der Kartause fällt die etwas missratene Stellung von Antonius’ Füssen auf. Diese Feststellung insofern unter Vorbehalt, als das Gemälde gemäss einer Notiz am unteren Rand im Jahre 1937 von einem Alfred Baur restauriert worden ist. Es ist demzufolge nicht auszuschliessen, dass im Zuge dessen Details des Bildes mehr oder weniger fachmännisch verändert respektive ergänzt worden sind. Denn viele der Gemälde in der Kartause Ittingen haben vor den Sanierungsarbeiten an den Gebäuden stark unter der Feuchtigkeit des mittelalterlichen Gemäuers gelitten und waren stellenweise irreversibel ausgebleicht und gar beschädigt. Ein Glück war es, dass die Familie Fehr, welche 1867, fast 20 Jahre nach Aufhebung des Klosterbetriebes, die Kartause als Familiensitz erwarb, darauf bedacht war, das historische Inventar zu erhalten.

Abgesehen von der unnatürlichen Fussstellung des Heiligen – das angewinkelte Bein ist überdies länger als das scheinbar gerade – wirkt das Bild qualitätvoll, zumal Antonius von einer interes­santen und recht detailreichen Szenerie umgeben ist. Wird der Heilige ansonsten vorwiegend mit dem Jesuskind, das hier mit Rubens’scher Pummeligkeit daherkommt, allein dargestellt, so thront über Muos’ Antonius in den Wolken Gottvater mit der Weltkugel und der Heilig-Geist-Taube neben drei Engelsköpfen. Säule, Balustrade, Blumenbouquet und die Bibel auf dem Tisch bilden den irdischen Rahmen der Szenerie.

Kaspar Wolfgang Muos’ Werk umfasst hauptsächlich sakrale Ölgemälde, von denen die meisten in Kirchen der Kantone Zug und Luzern zu finden sind. Ausserhalb der Zentralschweiz werden – abgesehen von unserem Gemälde in der Kartause Ittingen – einzig in der Klosterkirche Disentis sowie im Verenamünster in Zurzach erwähnenswerte Arbeiten des Zuger Barockmalers genannt.

Andreas Faessler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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