Kultur
14.10.2015 00:00

Zum Essen einen Kopf serviert

  • Salome präsentiert König Herodes Antipas das abgetrennte Haupt Johannes des Täufers. Fresko von Joseph Keller in der Menzinger Pfarrkirche um 1793.
    Salome präsentiert König Herodes Antipas das abgetrennte Haupt Johannes des Täufers. Fresko von Joseph Keller in der Menzinger Pfarrkirche um 1793. | Stefan Kaiser / Neue ZZ
MENZINGEN ⋅ Das grossflächige Hauptfresko in der Pfarrkirche wirkt so prachtvoll wie festlich. Die zentrale Szene übersieht man dabei leicht. Sie ist grausig.

Johannes der Täufer gilt als einer der meistverehrten Heiligen der christlichen Kirche. Auch im Koran hat er als Prophet seinen Platz neben Jesus und Mohammed. Als Bussprediger und Täufer trifft er am Fluss Jordan auf Jesus und tauft diesen. Johannes’ Tod ist ein Motiv, das von zahlreichen Meistern der Renaissance und des Barock bildlich umgesetzt worden ist, so dramatisch und drastisch war sein bitteres Ende.

König Herodes Antipas nämlich hatte gemäss den Evangelien seine Schwägerin Herodias geehelicht. Johannes fand das nicht so gut und wagte es, öffentlich Kritik an seinem Landsherrn zu üben. Dieser liess den Täufer daraufhin in den Kerker werfen. Als Herodes anlässlich seines Geburtstags ein Gastmahl gab, freute er sich über die Tanzeinlage von Herodias’ Tochter Salome so sehr, dass er dem Mädchen einen Wunsch gewährte. Herodias, wegen Johannes’ Kritik von blindem Hass auf diesen durchdrungen, riet Salome, sie soll sich doch den Kopf von Johannes wünschen. Salome tat so, und schon schickte Herodes den Henker in den Kerker. Dieser brachte Salome den abgetrennten Kopf auf einem Tablett. Das Mädchen wiederum trat damit vor Herodes und präsentierte diesem die blutige Gabe. Und genau diese beiden Szenen – die Enthauptung und die Präsentation – fanden vielseitigen Einzug in Malerkreisen: bei Lucas Cranach dem Älteren etwa, bei Cara­vaggio, Tiepolo, Tizian, Delacroix und weiteren Vertretern jener Epochen.

Der an der Schwelle des Barock zum Klassizismus anzusiedelnde allgäuische Maler Joseph Keller (1740–1823) hat den Moment, in dem Salome Herodes das abgeschlagene Haupt des Johannes präsentiert, im Hauptfresko der Menzinger Pfarrkirche sehr eindrucksvoll in einer pompösen Aufmachung dargestellt. Wie es typisch ist für Keller, der mehrere Kirchen in der Zentralschweiz ausgemalt hat, setzt er die Szene unter eine aufwendige perspektivische Scheinarchitektur und verwendet dabei weniger kräftig-leuchtende Farben als vielmehr zurückhaltende, zu Ocker tendierende Töne, welche zum Himmel hin blasser werden.

In auffallend prunkvoller Garderobe hält Salome den bluttriefenden Kopf des Johannes an den Haaren in die Höhe. Was für den Besucher vom Boden aus kaum erkennbar ist: Herodes’ Gesichtsausdruck ist von Entsetzen durchdrungen, während Herodias amüsiert wirkt – genau so stellt es auch Lucas Cranach dar. In der linken unteren Gemäldeecke wird der geköpfte Leib des Kirchenpatrons betrauert. Das Blut spritzt noch immer mit voller Kraft aus dem offenen Hals.

So pompös und festlich Joseph Keller das um 1793 geschaffene Deckenfresko arrangiert und umgesetzt hat, so grausig und makaber ist die Szene an sich. Die Brutalität wird vorerst entschärft, indem der abgetrennte Kopf und der Rumpf in ihren Dimensionen lediglich Detail des gross angelegten Ganzen werden. Raffiniert aber setzt Keller den Johannes-Kopf exakt auf die mittige Bildachse und macht ihn dadurch zum wichtigsten Detail – was sich einem aufgrund der an den rechten Bildrand gerückten Palastarchitektur aber erst beim genaueren Betrachten erschliesst. Diese scheinbare Asymmetrie macht das Fresko in seiner Komposition zu einem der bemerkenswertesten Werke des schaffenskräftigen Malers.

Andreas Faessler

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